FAMILIE FAMILIE

Trennung: "Ich musste meine Kinder aufgeben"

Trennung: Ich musste meine Kinder aufgeben
Nach der Trennung: Heike musste ihre Kinder aufgeben © picture-alliance/ dpa/dpaweb, Lehtikuva Marja Airio

Die Scheidung bekam ich nur ohne meine Kinder

Heike (33): Ich habe meine Kinder seit sechs Jahren nicht gesehen. Seit unserer Scheidung leben sie mit ihrem Vater in seiner Heimat, Libyen. Nur zu gerne würde ich meine Kleinen, zwei Jungen und ein Mädchen, wieder mal in die Arme schließen, für sie da sein. Aber ich habe leider keinen Kontakt mehr zu meinem Ex-Mann Rafi.

Von Kerstin Kraska-Lüdecke

Ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen und habe mich durch mein Elternhaus, mein Vater war evangelischer Pastor, schon früh für Religion interessiert. Nach dem Abitur schrieb ich mich an der Uni für Islamwissenschaften ein. Das Thema faszinierte mich, und nach und nach lernte ich immer mehr Araber kennen und ich begann, auch den Islam als Religion interessant zu finden. Ich suchte immer häufiger Kontakt zu arabischen Kommilitonen und arabischen Gruppen, und fühlte mich dort sehr wohl. In einer dieser Gruppen lernte ich auch Rafi, meinen späteren Mann kennen.

Rafi sah mit seinen schwarzen Augen, deiner dunklen Haut und seinem verwegenen Dreitagebart zum Anbeißen aus! Ich verliebte mich sofort in ihn, und wir waren von da an unzertrennlich. Wir unternahmen fast alles zusammen, aber es gab keinen Sex. Rafi war muslimisch erzogen und aufgewachsen, und er erklärte mir schon nach wenigen Wochen, dass ich die Frau wäre, die er heiraten will! Natürlich war ich total perplex. Als moderne Deutsche hatte ich nicht so schnell mit einem Heiratsantrag gerechnet. Aber alles passte: Ich liebte Rafi, und sagte sofort ja! Aus Liebe zu meinem lybischen Mann trat ich auch kurz vor unserer Hochzeit selbst zum Islam über. Wir verkehrten jetzt eigentlich nur noch in Rafis arabischem Freundeskreis. Meine eigene, deutsche Clique wurde für mich immer uninteressanter.

Nach der Hochzeit wurde mein Mann zum Pascha

Schon kurz nach unserer Hochzeit wurde ich schwanger. Ich war überglücklich, dass ich Rafi meine Liebe so zeigen konnte! Überglücklich schloss er unseren ersten Sohn Ahmer in die Arme. Nacheinander kamen zwei weitere Kinder zur Welt, ein zweiter Sohn, Ali, und eine Tochter, Rawiah, mein kleiner Sonnenschein! Ich studierte nicht mehr, sondern blieb zu Hause und kümmerte mich um die Kinder. Zu dieser Zeit war in unserer Ehe auch noch alles in Ordnung. Nach und nach kamen unsere Kleinen in den Kindergarten, und ich hatte plötzlich wieder mehr Zeit. Ich überlegte also, dass ich doch jetzt mit meinem Studium weitermachen könnte und besprach diesen Plan mit Rafi. Zu meiner großen Überraschung war er strikt dagegen: Er erklärte mir, dass ich als seine Ehefrau jetzt nicht mehr zur Uni dürfte. Ich war sprachlos! Nach mehreren Jahren, in denen er mir als liebender Mann jeden Wunsch von den Augen abgelesen hatte, kehrte Rafi jetzt den Macho raus! Um Ärger mit meinem Mann zu vermeiden, fügte ich mich.

Mir fiel nun aber zu Hause immer mehr die Decke auf den Kopf. Ich begann, alte Freunde und Kommilitonen anzurufen und mich mit ihnen zu verabreden. Aber das passte Rafi noch viel weniger. Ich lernte plötzlich eine völlig neue Seite an ihm kennen, die mir nicht besonders gefiel: Er verwandelte sich plötzlich in einen herrischen Pascha, der mir vorschreiben wollte, was ich tun durfte, und was nicht. Ich biss aber die Zähne zusammen und schluckte alles herunter. Immerhin hatte ich meine drei Kinder, die ich über alles liebte, und die sehr an mir hingen.

Doch durch dieses Leben, das ich jetzt führte, beinahe eingesperrt, ohne großen Kontakt zu meinen ehemaligen Freunden, zu meiner Clique oder zur Uni, vereinsamte ich völlig. Mag sein, dass Frauen in arabischen Ländern damit gut klarkommen, aber bei mir war das nicht der Fall. Nur meine Eltern durften mich noch besuchen, und das reichte mir nicht… Rafi und ich stritten uns nun viel, und irgendwann schrie er mich wütend an, ich wäre weder eine gute Ehefrau, noch eine gute Mutter, und ich sollte doch gehen! An diesem Abend packte ich meine Sachen und übernachtete bei einer Freundin. Mein Mann war natürlich außer sich über diesen Alleingang, und als ich am nächsten Tag nach Hause kam, schwieg er mich eisern an.

In den kommenden Monaten wurde unser Verhältnis nicht besser. Rafi benahm sich, als hätte ich etwas Schwerwiegendes falsch gemacht – ich selbst war mir aber keines Fehlers bewusst! Alles, was sich wollte, war doch, mein Studium fortzusetzen und so zu leben, wie ich es vorher getan hatte… Aber mit meinem lybischen Ehemann schien das völlig unmöglich zu sein!

Ein ganzes Jahr ging die Sache einigermaßen gut. Ich fügte mich, so gut ich konnte, kümmerte mich um die Kinder, während Rafi sein Studium an der Uni beendete. Eines Abends kam er zu mir, und eröffnete mir, dass wir, die ganze Familie, jetzt in sein Heimatland Libyen gehen könnten. Dort würde er gebraucht, und er hätte auch schon ein Jobangebot. Ich war sprachlos! Dass wir nach Libyen gehen wollten, war noch nie ein Thema zwischen uns! Und es wäre auch das Letzte gewesen, was ich jemals getan hätte. Die Vorstellung, als seine Frau bei seiner Familie leben zu müssen, weit weg von Deutschland, machte mir Angst. An diesem Abend fasste ich den Entschluss, dass ich meine Ehe beenden wollte. Auf keinen Fall würde ich Rafi nach Libyen folgen, sondern lieber als alleinerziehende Mutter hier in Deutschland mit meinen drei Kindern leben!

Scheidung ja - aber nur im Tausch gegen die Kinder

Es dauerte noch ein paar Monate - ich wartete ab, bis Rafi seine Examina beendet hatte - bis ich den Mut hatte, mit ihm zu reden. Ich kochte ein wunderbares Abendessen für ihn und sprach dann das Thema Scheidung an. Den Blick in Rafis Augen, als ich von Trennung redete, werde ich nie vergessen! Und ich wusste, dass er mich nicht so leicht gehen lassen würde! Ich behielt recht: Rafi versuchte nun alles, um mich zum Bleiben zu bewegen. Er brachte mir Blumen mit, ging mit mir essen oder ins Kino, und war fast wieder so lieb, wie am Anfang unserer Beziehung. Fast. An seinen Verboten mir gegenüber änderte sich rein gar nichts. Er wollte nicht, dass ich allein ausgehe, nicht, dass ich wieder mit dem Studium anfing, und auch nicht, dass irgendeiner meiner alten Freunde zu Besuch kam. Ich fühlte mich nach wie vor wie seine Gefangene. Wir stritten uns wieder, dieses Mal so heftig wie nie zuvor. Aber ich hatte beschlossen nicht nachzugeben: Wieder und wieder bat ich Rafi um die Scheidung, und er schwor mir jedes Mal, dass er nie einwilligen würde!

Doch eines Tages war er wie verändert. Er kam nach Hause, und erzählte mir, dass er eine Stelle in seiner Heimat angeboten bekommen hatte, die ihn sehr reizen würde: Er könnte als Architekt bei einer großen heimischen Baufirma anfangen, und er hatte praktisch schon zugesagt. Da ich mich standhaft weigerte, mit ihm zu gehen, erklärte er sich auf einmal bereit, in die Scheidung einzuwilligen. Ich war total erleichtert! Endlich würde ich frei sein, und könnte mir mit meinen drei Kindern ein neues Leben aufbauen! Aber dann kam der Schock: Rafi erklärte mir, er würde in die Scheidung nur einwilligen, wenn er die Kinder bekäme! Er wollte sie mit in seine Heimat nehmen! Er verlangte außerdem von mir, dass ich bei der Scheidung nicht das Sorgerecht für die Kinder beantragte, so dass es zu jeweils 50 Prozent auf uns beide übertragen wurde. Ich habe drei Tage lang nur geheult, aber dann widerwillig zugestimmt. Es war mir einfach unmöglich, noch länger mit Rafi verheiratet zu sein! Dafür war ich bereit, ihm meine Kinder zu überlassen, die natürlich sehr an ihrem "lieben Papa" hingen: Er hatte in den vergangenen Monaten nicht nur mich verwöhnt und so versucht, zum Bleiben zu überreden. Er hatte auch unsere drei Kleinen mit Geschenken überschüttet, ging mit Ihnen in den Zoo, zum Eisessen, in den Freizeitpark…

Ich vermisse meine Kinder jeden einzelnen Tag

Die kommenden Wochen erlebte ich wie in Trance: Ich lebte zwar noch mit Rafi in einer Wohnung, aber er ignorierte mich völlig. Stattdessen widmete er den Kindern all seine Aufmerksamkeit. Gemeinsam planten die vier ihr neues Leben in Libyen, das ihnen Rafi natürlich in den herrlichsten Farben ausmalte. Ich saß dabei und kam mir unendlich einsam vor. Es zerriss mir fast das Herz, wenn ich daran dachte, dass sie alle bald weg sein würden… Aber ich konnte nichts tun, sonst hätte mein Mann nie in die Scheidung eingewilligt.

An dem Tag, als die Scheidungspapiere kamen, zog ich aus. Ich kümmerte mich tagsüber noch um die Kinder, die inzwischen 4, 5 und 7 Jahre alt waren. Ich holte sie vom Kindergarten und von der Schule ab, lernte mit ihnen, und versuchte, nicht an ihre Abreise zu denken. Doch der Tag kam. Ich weiß noch, wie Rafi mir in einer kurzen SMS mitteilte, dass sie nun unterwegs zum Flughafen wäre, und sich von mir verabschiedete. Ich bin an diesem Tag nicht aus dem Bett gestiegen, sondern habe stundenlang in mein Kissen geweint. Rafi hat anfangs den Kontakt zu mir völlig abgebrochen. Erst ein Jahr später schafften es meine Eltern, mit ihm und ihren Enkelkindern in Libyen zu telefonieren. Sie berichteten mir, dass es den Kleinen gutgehe, was mich einigermaßen beruhigte. Ich habe wieder angefangen zu studieren, habe aber das Fach gewechselt und mich für Allgemeine Religionswissenschaften eingeschrieben.

Es vergeht kein Tag, an dem ich meine Kinder nicht vermisse! Seit kurzem habe ich den Plan gefasst, sie wieder zu mir nach Deutschland zu holen, aber ich weiß noch nicht, wie ich das anstellen soll. Freiwillig wird mein Mann sie sicher nicht gehen lassen.

Anzeige