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Trauma Fehlgeburt: Darum ist es wichtig über den Verlust zu sprechen

Ein Engel mit einem Herz als Symbol für eine Fehlgeburt.
Wie verarbeitet man am besten eine Fehlgeburt? Schweigen oder darüber sprechen? © picture alliance / dpa, David Ebener

Trauer um ein ungeborenes Kind

Ich selbst kenne mindestens drei Frauen, die bereits einmal eine Fehlgeburt verkraften mussten. Wahrscheinlich aber gibt es in meinem Bekanntenkreis viel mehr Betroffene. Denn immerhin verlieren fast 15 Prozent der Schwangeren in den ersten drei Monaten ihr Kind. Und so hat wohl fast jeder von uns eine Freundin oder Bekannte, die bereits einmal eine Fehlgeburt erlitten hat.  Dennoch scheint dieser Verlust nach wie vor ein Thema zu sein, bei dem große Hemmungen herrschen offen darüber zu sprechen: von den Betroffenen selbst, aber auch von Angehörigen oder Freunden. Dieser Ansicht ist auch Janet Murray, eine britische Journalistin, die bereits zwei Fehlgeburten erlitten hat. In einem Videoappell für die Zeitung 'The Guardian' ruft sie dazu auf, schon frühzeitig über die Schwangerschaft zu sprechen, um im Ernstfall eben auch über die Fehlgeburt reden zu können. Warum ist das immer noch so?  

Von Merle Wuttke

Wir leben in einer Gesellschaft, in der alles Mögliche thematisiert und öffentlich gelebt wird, aber wieso haben wir solche Probleme mit diesem wirklich wichtigen und - das ist nicht abwertend gemeint - alltäglichem Thema, das jeden treffen kann, angemessen und offen umzugehen? Ist es falsche Scham, die die Betroffenen zurückhält über ihre Trauer zu reden? Möglich. Denn gerade bei frühen Fehlgeburten in den ersten zwölf Wochen zeigen Außenstehende nicht immer Verständnis für die Trauer über den Verlust. Schließlich - so wird es einem ja immer wieder klargemacht - ist in diesen ersten drei Monaten noch nichts sicher, sprich: Man sollte sich lieber nicht zu früh freuen. Aber wer schon einmal schwanger war, weiß: Das funktioniert nicht.

Wenn man in der fünften oder sechsten Woche zum Arzt geht und mit einem Ultraschallbild von seinem Baby aus der Praxis herausspaziert, für den ist dieses neue Leben nicht etwas, das man unter Verschluss halten und das man nicht in sein Herz lassen kann, bis die kritische Zeit vorüber ist. Man weiß ab diesem Zeitpunkt: Ich werde Mutter. Und darauf stellen sich Kopf und Herz ein. Und gerade, wenn das Baby ein seit langem gehegter Wunsch war, kann man sich davon nicht auf einmal distanzieren und abwarten. Was bleibt also? Wohl kaum mehr, als sich wirklich über dieses Kind zu freuen, aber auch im Kopf zu behalten, dass nichts, wie immer im Leben, sicher ist. Auch nicht nach den drei Monaten. Trotzdem gibt es ja nicht umsonst den alten Spruch von der "guten Hoffnung" - und genau das sollte auch jede Schwangere sein dürfen.

Viele Frauen vermeiden dennoch extra, ihre Schwangerschaft in der ersten Zeit mit anderen zu teilen, eben in der Angst, zu früh Erwartungen zu wecken. Wieso? Eine Schwangerschaft ist eine schöne Nachricht, die sollte man mit seinen Liebsten teilen dürfen - auch schon zu Beginn. Erleidet man dann unglücklicherweise tatsächlich eine Fehlgeburt, muss man diesen Verlust nicht mit sich allein ausmachen, sondern darf um das Kind trauern - auch vor anderen. Denn die können einem ja nur helfen, wenn sie wissen, warum man so traurig ist. Leider ist es häufig noch so, dass Außenstehende, die selbst nichts Ähnliches erlebt haben, nicht verstehen, wie man so traurig über den Verlust von einem Menschen sein kann, der ja nach ihren Maßstäben noch gar kein "richtiger" Mensch war. Den sie nie gesehen, nie berührt haben. Von dem man nicht einmal weiß, welches Geschlecht er gehabt hätte. Trotzdem sollte man auch hier seine Trauer zeigen. Sagen: "Du magst nicht nachvollziehen, warum ich so leide, aber für mich war dieses Kind real. Es war in meinem Bauch." Nur so "lernt" die Umgebung die eigene Haltung zu überprüfen und über das Thema zu sprechen. Fest steht: Fehlgeburten gehören zu unserer Realität, sie stellen kein Versagen dar und sie sind nichts für das man sich schämen muss. Fest steht auch: Das Reden über traumatische Erlebnisse hilft bei deren Verarbeitung. Verdrängen, schweigen, sich zurückziehen dagegen nicht.

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