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Trauerbewältigung bei Kindern: Wie kann man dabei helfen?

Trauerbewältigung bei Kindern: Wie kann man dabei helfen?

Wenn Mama nie mehr mit am Abendbrottisch sitzt…

Wenn Mama oder Papa früh sterben, ist das für Kinder ein schrecklicher, oft unvorhersehbarer Verlust. So wie für die Söhne von Peaches Geldof, die im Alter von knapp einem und knapp zwei Jahren ihre Mutter verloren. In einer solchen Situation brauchen Kinder und Jugendliche einen starken Halt. Doch oft fühlen sich der andere Elternteil und die nahen Verwandten hilflos, vielleicht auch überfordert, wenn sie – ohnehin gefangen in ihrer eigenen Trauer - Kindern beistehen wollen. Wir sprachen mit Claudia Schedlich, Fachtherapeutin für Traumatherapie, über Wege, Kinder und Jugendliche in ihrer Trauer zu begleiten. Und zu akzeptieren, dass Kinder oft anders trauern als Erwachsene. Anders. Aber nicht schwächer.

Ursula Willimsky

"Manchmal irritieren trauernde Kinder die Erwachsenen", sagt die psychologische Psychotherapeutin. "Sie spielen, sie lachen. Sie wollen schnell wieder in die Schule und zu ihren Freunden". Aber das sei völlig normal, Kinder und Jugendliche gingen sehr schnell in den Alltag zurück – die gewohnte Struktur gebe ihnen Halt. "Wenn man ihnen dann zum Vorwurf macht, dass sie nicht trauern, tut man ihnen Unrecht."

Denn häufig komme die Trauer bei Kindern und jungen Erwachsenen in Wellen. "Nach ein paar Wochen liegen sie dann weinend im Bett oder wollen beim Papa schlafen." Weshalb man ein achtsames Auge auf die Kinder haben sollte. Um zu spüren, wann einer der Augenblicke gekommen ist, um mit ihnen gemeinsam behutsam, aber offen über den Verlust zu sprechen.

"Mama ist nicht mehr da. Da sind wir alle traurig. Und müssen schauen, wie es weitergeht." Die Kölner Psychologin rät dazu, ehrlich mit den Kindern zu sprechen: "Der Verlust ist furchtbar. Und das Kind sollte erfahren, dass dieser Verlust für alle furchtbar ist. Und dass es völlig okay ist, wenn man in dieser Situation traurig ist."

Recht auf Gefühle respektieren

Psychologin Schedlich arbeitet beim Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe und hat im Rahmen ihrer Arbeit in der Koordinierungsstelle NOAH (Nachsorge Opfer- und Angehörigenhilfe) schon oft Menschen beraten, die völlig unerwartet einen geliebten Menschen verloren. Sie brauchen jede Unterstützung. Doch manche gut gemeinten Ratschläge würden ihr Ziel verfehlen.

Sätze wie "Sei nicht traurig" oder "Du musst jetzt stark sein" zum Beispiel würden dem Kind das Recht auf seine eigenen Gefühle nehmen. Und ihm vielleicht sogar eine falsche Verantwortung aufbürden. "Kinder neigen ohnehin dazu, sich für Papa oder Mama verantwortlich zu fühlen. Sie wollen sie stabilisieren und stützen. Wenn sie dann auch noch mitbekommen, dass ihr Vater oder ihre Mutter den Boden unter den Füssen verlieren, wird es für sie ganz schwierig. Dann wäre es schön, wenn sie ein starkes soziales Netz haben, das sie auffängt. Denn sie trauern ja und haben das Recht, schwach zu sein."

Neugierig auch auf das Unbegreifbare

Und auch in der Trauer bleiben Kinder Kinder, die neugierig sind. Psychologin Schedlich empfiehlt zum Beispiel, gemeinsam altersgerechte Bücher über den Tod zu lesen. Oder ihnen auf jeden Fall in kindgerechten Worten zu erklären, was "tot sein" bedeutet. Gerade für Kindergarten- und Grundschulkinder ist die Endgültigkeit des Todes noch nicht begreifbar. Der Wunsch, dass Mama bald wieder mit am Abendbrottisch sitzt, könne immer wieder auftauchen.

Sprachliche Bilder helfen, das Geschehen zu verstehen: "Mama kann nicht mehr wiederkommen und mit uns spielen. Ich bin ja auch ganz traurig, dass sie nicht mehr mit uns Ausflüge machen kann. Aber sie atmet nicht mehr. Der Tod ist so etwas Ähnliches wie ein Schlaf, aus dem man nie mehr aufwacht."

Das Unbegreifbare begreifen. Manchen Kindern helfe es, wenn sie bei der Beerdigung dabei sind und zum Beispiel ein selbstgemaltes Bild auf den Sarg legen oder ein paar Blümchen. "Es macht den Abschied konkreter." Wenn sie aktiv in die Rituale des Abschiednehmens eingebunden werden, gebe das Kindern mitunter einen gewissen Halt. Allerdings sollte man Kinder und Jugendliche zu nichts zwingen: Die Entscheidung, mit auf den Friedhof zu gehen, müsse bei ihnen liegen.

Jede Trauer hat ihr eigenes Gesicht

Wie auch immer sie trauern – es ist okay. Auch wenn es den trauernden Elternteil vielleicht irritiert.

Manche Kinder gehen zurück in den Alltag. Manche ziehen sich zurück. Manche sind jetzt öfter zornig. Oder verlieren sich in einem Spiel. Manche können sich im Unterricht nicht mehr konzentrieren. Und andere klammern sich an ihre guten Leistungen und lernen sehr viel. Jeder Verlust hat sein ganz eigenes Spiegelbild im Verhalten des Kindes. Und sollte respektiert werden.

Aber spätestens ab dem Zeitpunkt, zu dem der bleibende Elternteil befürchtet, dass manche Verhaltensweisen starr werden, sollte man sich – so die Erfahrung der Psychologin – beraten lassen. "Oft hilft es schon, wenn Vater oder Mutter in eine Beratung gehen. Manche sind verunsichert, was das richtige für das Kind ist. Nach dem Gespräch fühlen sie sich sicherer." Man könne sich an die Seelsorge wenden. Oder eine Familienberatungsstelle. In vielen Städten gebe es auch Trauerangebote für Kinder und Jugendliche, oder Telefonangebote wie zum Beispiel die "Nummer gegen Kummer".

Hier können Kinder und Erwachsene sich Hilfe holen. Aber Trauer braucht Zeit und Raum. Manchmal über Jahre hinweg. Selbst Kleinkinder würden schon begreifen, dass etwas Furchtbares passiert ist – nicht kognitiv, aber atmosphärisch. Irgendwann werden auch sie nach Mama oder Papa fragen. Für diesen Zeitpunkt sollten man Erinnerungen wie Fotos aufbewahrt haben, die man gemeinsam betrachten kann. Und so dem Kind die Möglichkeit geben, sich ein eigenes Bild vom verstorbenen Vater oder der Mutter zu machen.

Kinder fühlen auf allen Ebenen, dass etwas nicht stimmt. Eine vermeintlich liebevolle Schonhaltung hilft ihnen nur wenig, so die Expertin. Man solle ihnen besser durch ein offenes, kindgerechtes Gespräch die Chance geben, aktiv mit der Trauer umzugehen. Und ihre Gefühle respektieren. Das Furchtbare bleibt furchtbar. Aber man kann Kinder-Seelen helfen, das, was geschehen ist, zu verarbeiten.

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