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Transgender-Kind: Aus Mia (5) wurde Jacob

Transgender-Kind: Aus Mia (5) wurde Jacob
© auremar - Fotolia

"Ich bin ein Junge"

Wenn die dreijährige Tochter beim Spielen immer lieber der Prinz statt die Prinzessin sein möchte, denkt man sich als Eltern ja zunächst wenig dabei. Im Gegenteil, man empfindet das als wohltuende Pause vom Rosa-Wahn im Kinderzimmer. Was aber tun, wenn sich das Kind sichtlich unwohl mit der eigenen Geschlechtsidentität fühlt und sich selbst als Junge bzw. Mädchen sieht?

Von Merle Wuttke

Genau vor diesem Problem standen Mimi und Joe Lemay aus den USA. Ihre Tochter Mia, die mittlere von drei Schwestern, zog sich bereits als Kleinkind zehn bis zwölf Mal am Tag um, weil sie sich in den Mädchenklamotten nicht wohl fühlte. Erst nachdem ihre Eltern ihr einen blauen weiten Pulli kauften, den Mia über ihre Kleider zog, gab das Kind Ruhe – jedenfalls, was das Anziehen anging. In Spielen mit anderen Kindern übernahm sie weiterhin jedes Mal die Jungs-Rolle, wollte auch als Junge von anderen angesprochen werden und noch vor ihrem dritten Geburtstag teilte Mia mit: "Ich bin ein Junge."

Um Mia nicht einzuengen, erlaubten die Eltern ihr zu Hause, im geschützten Umfeld, zu 'Jacob' zu werden. Den Kindergarten musste sie/er jedoch weiterhin als Mädchen besuchen. Das Kind zeigte deutlich, dass es seinen Körper, in dem es geboren wurde, ablehnte, sagte Dinge wie: "Warum hat Gott mich so falsch gemacht?" Schließlich entschieden die Eltern nach einem Gespräch mit ihrem Kind, dass es von nun an auch öffentlich als Jacob durchs Leben gehen darf. Seither beobachten sie nach eigenen Angaben, starke Veränderungen an Jacob: Er sei lebensfroher, empathischer, interessierter.

Das alles klingt fast viel zu schön, um wahr zu sein. Denn Jacob hat tolerante, aufgeschlossene Eltern, die ihr Kind als Transgender-Kind sehen und ihm erlauben seine gewünschte Geschlechtsidentität auszuleben.

Umstritten ist allerdings, ob so junge Kinder wie Mia/Jacob tatsächlich einordnen können, welchem Geschlecht sie sich dauerhaft zuordnen möchten. Bis zum Alter von drei, vier Jahren haben Kinder zwar gelernt, welche Geschlechter es gibt und können sie z.B. sprachlich einordnen (Junge/Mädchen, Mann/Frau). Nichtsdestotrotz gehen sie mit den Rollen in diesem Alter immer noch sehr spielerisch um, übernehmen auch gern mal eine andere Rolle als, die, die ihnen ihr biologisches Geschlecht zuweist.

Diese Spannweite macht es für Eltern, Ärzte und Psychologen so schwer, Transgender-Kinder richtig einzuordnen und gegebenenfalls dementsprechend zu behandeln. Außerdem gibt es auch Fälle, in denen das Verhalten der Eltern erst eine kindliche Störung der Geschlechtsidentität auslöst, etwa, ein Elternteil große Probleme mit dem anderen Geschlecht hat und unbewusst das eigene Kind in das 'falsche' Geschlecht drängt.

Transgender-Kinder brauchen Unterstützung

In Deutschland ist man daher auch sehr vorsichtig, was den Einsatz von Hormonen vor der Pubertät angeht (hier beginnt man damit oft nicht vor dem 16. Lebensjahr, nur haben sich zu diesem Zeitpunkt die biologischen Geschlechtsmerkmale bereits herausgebildet), andere Länder in Europa wie die Schweiz oder die Niederländer sind da weiter.

Mediziner begleiten Transgender-Kinder dort in solchen Fällen mindestens ein halbes Jahr lang, um eine genaue Diagnose zu stellen. Und sind dann auch gewillt, das Kind vor der Pubertät hormonell zu behandeln, damit es später tatsächlich in dem gewünschten Geschlecht problemlos leben kann. Doch so langsam setzt auch unter den deutschen Medizinern ein Umdenken ein, auch, weil immer öfter Eltern mit ihren Kindern zum Arzt gehen, die kein geschlechterkonformes Verhalten zeigen.

Allein in Hamburg kämen im Schnitt fünf Kinder pro Woche, erzählte etwa der Arzt Dr. Matthias Auer vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie München auf einem Symposium. Verlässliche Zahlen, wie viele Kinder in Deutschland transgender sind, gibt es kaum. Eine Befragung unter Eltern ergab, dass sich vier Prozent der Jungen und acht Prozent der Mädchen hin und wieder anders als ihr biologisches Geschlecht verhielten, aber nur ein Bruchteil von ihnen entwickle später auch eine Störung der Geschlechtsidentität.

Fest steht bei dem Thema nur: Bislang wurden Transgender-Kinder eher als Randphänomen wahrgenommen, was ihren Leidensdruck enorm erhöhte. Wenn sich Eltern und Medizinern sich ihnen jetzt öffnen, und Mütter und Väter ihre Kinder nicht verstecken, sondern unterstützen, wie das Mimi und Joe Lemay tun, gibt es die Hoffnung, dass Transgender-Kinder in ein paar Jahren auch als Erwachsene glücklich werden können.

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