LEBEN LEBEN

Toleranz: Wie gehen wir mit Menschen um, die anders sind?

Andersartigkeit von Menschen: Wie tolerant sind wir wirklich?
© dpa, Cannes Film Festival

Warum fehlt es uns an Toleranz?

Frankreich ist gespalten: Seit Mitte Mai dürfen in Frankreich Homosexuelle heiraten. In Paris wird dagegen demonstriert, bei den Filmfestspielen wird ein Film darüber ausgezeichnet. Irgendwie schizophren! Wie reagieren wir, wenn neben uns ein schwules Paar einzieht? Sind wir tolerant und begrüßen diese Andersartigkeit? Warum ist die Gesellschaft gespaltet gegenüber Menschen, deren Leben fernab des Mainstreams verläuft?

Von Sabine Möller

Als Adèle Exarchopoulos und Léa Seydoux in Cannes ihre Auszeichnung als beste Schauspielerinnen für den Film ‚La vie d’Adèle‘ in Empfang nahmen, schien die Sonne. Beide wurden für ihre schauspielerische Leistung ausgezeichnet. Sie spielen zwei lesbische Frauen. Dagegen liegt Nebel in den Straßen von Paris. Es liegt aber nicht am Wetter, sondern am Tränengas, dass die Polizei gegen die Demonstranten einsetzt. Sie demonstrieren gegen das Gesetz, dass seit Mitte Mai Homosexuelle heiraten dürfen.

Mir scheint, die Gesellschaft weiß manchmal selber nicht genau, was sie gut finden soll. Einen Film über lesbische Frauen schauen sich die Menschen im Kino an, grenzen aber ein schwules Paar aus, wenn es in die Nachbarschaft zieht! Leider sind wir gar nicht so offen und tolerant, wie wir es immer beschwören. Nicht immer reagiert die Gesellschaft so aufgebracht wie im Fall der Homo-Ehe. Wir alle kennen aber das Tuscheln und Tratschen, wenn wir mal ehrlich sind. Wie spöttisch belächeln wir eine Frau, die jung geheiratet und mit 30 schon drei Kinder hat? Sie wird gleich abgestempelt. Dass sie aber glücklich ist und ein normales Leben führt, ein gesichertes Einkommen und einen liebevollen Ehemann hat, ohne Alkoholproblem – das können wir uns wahrlich schwer vorstellen. In Deutschland gelten doch viele Familien, die mehr als zwei Kinder haben als asozial, oder?!

Andersartigkeit akzeptieren und Toleranz leben!

Wie reagieren wir aber auf eine 35 Jahre alte Frau, die Single und kinderlos ist? Bewundern wir sie, weil sie Karriere macht und sie vielleicht keine Kinder haben will? Beneiden wir sie, weil sie reisen und shoppen kann, so oft und so viel sie will? Nein, das tun wir nicht! Wir rümpfen die Nase, stempeln sie zur geldgeilen Karrierefrau ab. Vermutlich ist sie noch eine Zicke, weil sie ja keinen Mann hat – „da hält sich ja keiner“.

Wir begrüßen Integrationsprojekte für Behinderte und sozial Schwache, aber nur wenige helfen wirklich oder wollen mit diesen Menschen leben. Sobald uns Andersartigkeit komisch vorkommt, ziehen wir uns zurück. Dann geht unser Interesse gegen Null. Wenn Ausländer angepöbelt werden oder brutal zusammen geschlagen werden, macht uns das betroffen. Aber wollen wir eine kinderreiche türkische Familie neben uns wohnen haben? Täglich werden Menschen angefeindet, weil sie anders sind. Egal ob sozial schwach, behindert, ausländisch, homosexuell oder sonstiges – wir nutzen ihre Andersartigkeit dafür aus, um sie zu schikanieren und zu drangsalieren. Selbst unsere Kinder nutzen die Schulhöfe schon, um Andersartigkeit zu bestrafen – leider mit Gewalt.

Wir alle sollten uns mal ein bisschen zusammenreißen und nicht immer so scheinheilig tun. Wir alle sind Individuen, die das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben haben – egal ob wir gewollt alleinerziehend, gern arbeiten oder uns zum gleichen Geschlecht hingezogen fühlen. Wir sollten die Toleranz leben, die wir doch angeblich alle haben!

Anzeige