Toleranz in Deutschland: Wie tolerant ist unser Land wirklich?

Wie tolerant sind wir wirklich?

Skandal im Schützenverein! Gerade noch jubelt sich Mithat Gedik die Kehle wund, weil er Schützenkönig geworden ist, da heißt es: Halt! Sofort Zepter und Krone wieder zurückgeben! Alles ist ein Riesenfehler! Niemand hat nämlich gemerkt, dass er Moslem ist. Und in Sönnern-Pröbsting darf nur ein Christ König sein! Kann das denn wahr sein? Leider ja, denn insgeheim sind wir oft viel intoleranter, als wir ahnen. Und das aus reiner Faulheit!

Toleranz in Deutschland: Wie tolerant ist unser Land wirklich?
© dpa, Klaus Tomicek

Von Dagmar Baumgarten

Könige haben es im Moment echt schwer! Prinz Felipe muss seine Krone vielleicht zurückgeben, weil sein Vater sich angeblich nicht an die Regeln hielt, nur in der Ehe Söhne zu zeugen, und es so jetzt eventuell einen bislang unbekannten Thronfolger gibt, der gerade versucht das Doppelpaket neuen Papa und neuen Job, nämlich König einzuklagen!

Mithat Gedik kann mit Felipe mitfühlen. Auch Mithat war sich seiner Krone so sicher. Leider hielt er sich aber auch nicht an die Regeln seines Vereins. Die er, wie alle anderen Vereinskollegen wahrscheinlich auch, nie gelesen hat. Tatsächlich steht da, dass man nur als Christ Schützenkönig werden kann. Jetzt ist Mihat aber Moslem. Hat nur keiner gemerkt. Weil er keinen langen schwarzen Fusselbart trägt, und weil er nicht in Artikel-freien Drei-Wort-Sätzen kommuniziert. Im Gegenteil - der Lebenslauf des 33-Jährigen klingt so herrlich spießig, dass der Titel Schützenkönig eigentlich nur die logische Schlussfolgerung wäre. Der Familienvater hat Abitur, und leitet als Kaufmann die Niederlassung eines großen Unternehmens und ist Mitglied der freiwilligen Feuerwehr.

Könnte man da nicht so tolerant sein, und einfach unter den Tisch fallen lassen, dass er Moslem ist? Blöderweise machen da die Schubladen in unseren Köpfen nicht mit! Denn Toleranz ist in der Theorie eine feine Sache, in der Praxis ist sie jedoch meist mit einem Riesen-ABER behaftet. Das klingt dann meistens so: ‚Also wir sind ja nun wirklich tolerant - aber Aishe als Funkemariechen- dat jeht doch net!" oder "Bei uns kann jeder mitmachen, aber so ein Schwarzer würde sich doch im Kegelclub gar nicht wohlfühlen, das passt doch gar nicht!" und "Natürlich habe ich keine Vorurteile, aber Auszubildende mit Migrationshintergrund einzustellen ist ja schon schwierig, weil sie ja doch häufig aus eher sozial schwachen Umfeld kommen!"

Warum sind wir intolerant?

Ein erstaunlicher Grund: Aus Faulheit – denn Toleranz ist für das Gehirn oft unbequem. Es ist nämlich viel einfacher sein Gehirn auf Sparflamme in den gewohnten Gedankenbahnen dahindümpeln zu lassen. Öfter mal Umdenken und neue Erfahrungen zulassen ist schlicht mehr Aufwand und verbraucht mehr Energie als immer wieder auf die selben Klischees zurückzugreifen!

Also: Was tun? Toleranz kann man trainieren. Denn die tolerantesten Länder sind die mit den höchsten Einwanderungsquoten! Entgegen landläufiger Meinungen wirkt sich Multikulti nicht negativ auf den Zusammenhalt aus - sondern positiv! Je öfter wir vermeintlich Fremdes erleben, umso toleranter werden wir. Leider nützt das Ex-Schützenkönig Mithat Gedik herzlich wenig.

Das Paradoxe: Jetzt wird er wahrscheinlich auch noch Ärger mit den Muslimen bekommen. Denn dass man in einem Schützenverein irgendeine Karriere macht, ohne genügend Zielwasser zu konsumieren, ist mit einem Wahrscheinlichkeitsanteil von 0 Prozent zu beziffern. Blöd, denn genau das, also jeglicher Genuss von Alkohol ist für einen Moslem ‚haram‘, also verboten. Da können wir nur hoffen, dass seine Glaubensbrüder da toleranter sind als wir.

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