'Tötungsphilosoph' bekommt Preis: Behinderten-Verbände gehen auf die Barrikaden

Der "Tötungsphilosoph" soll eine Auszeichnung für sein Tierschutz-Engagement erhalten.
Peter Singer erhielt 2011 von der Giordano-Bruno-Stiftung einen Ethik-Preis. © Twitter/Peter Singer

Tötung schwerstbehinderter Säuglinge sei „ziemlich vernünftig“

Der umstrittene 'Tötungsphilosoph' Peter Singer soll am 26. Mai in Berlin einen Preis für sein Engagement gegen Tierversuche bekommen. Behinderten-Verbände laufen Sturm gegen diese Ehrung. Denn mit behinderten Babys hat er weniger Mitleid: Seiner Ansicht nach ist die Tötung schwerstbehinderter Säuglinge „ziemlich vernünftig", wenn dadurch Geld für andere Zwecke des Gesundheitssystems gespart werden kann.

Von Jutta Rogge-Strang

Der geplante Auftritt des australischen Philosophen Peter Singer sorgt für Aufregung. Zwar gibt sich Singer durch und durch als Gutmensch: Seit Jahren setzt er sich für Tierrechte ein, er ernährt sich vegan und spendet einen Großteil seines Einkommens für wohltätige Zwecke. Singer gilt zudem als Begründer der modernen Tierethik. Doch wenn es um Menschen geht, hört sein Mitgefühl auf.

„Das Postulat, dass alles menschliche Leben heilig ist, gilt nicht mehr“ (Peter Singer)

In seinen Schriften unterscheidet Singer zwischen „wertem“ und „unwertem“ Leben. Aus seiner Sicht setzt vollwertiges Leben Bewusstsein und Selbsterkenntnis voraus. Daher spricht er Neugeborenen und hirngeschädigten Menschen das Recht auf Leben ab und plädiert offen für aktive Sterbehilfe bei behinderten Neugeborenen, Komapatienten und anderen schwer hirngeschädigten Menschen. Die Tötung schwerstbehinderter Säuglinge sei „ziemlich vernünftig“, wenn dadurch Geld für andere Zwecke des Gesundheitssystems gespart werden könne: „Ich möchte nicht, dass meine Versicherungsbeiträge erhöht werden, damit Kinder ohne Aussicht auf Lebensqualität teure Behandlungen erhalten.“ Schwerst behinderte Babys sollten bis zum 28. Tag nach der Geburt getötet werden dürfen, weil sie keine Selbstwahrnehmung hätten und daher keine "Personen" seien.

Am 26. Mai soll Peter Singer in der Berliner Urania den Preis für seinen Beitrag zur „Tierleidminderung“ erhalten. Die Laudatio bei der Preisverleihung in Berlin wird Michael Schmidt-Salomon von der Giordano-Bruno-Stiftung halten, die ihn bereits 2011 mit ihrem Ethik-Preis ehrte. Michael Schmidt-Salomon verteidigt in einer Stellungnahme den Preisträger, denn auch er war zunächst misstrauisch: „Dann aber las ich seine Bücher und erkannte, dass die damaligen Diskussionen auf Missverständnissen, Fehlinterpretationen und böswilligen Unterstellungen beruhten.“ Der beste Weg, solche Vorurteile zu überprüfen, sei die Lektüre von Singers Büchern.

Schmidt-Salomon fasst Singers Thesen zusammen: „1. Jeder Mensch hat ab der Geburt ein Lebensrecht, aber keine Lebenspflicht. 2. Kranke und Behinderte sollten mit allen Mitteln gefördert werden – Krankheit und Behinderung jedoch nicht!“ Schmidt-Salomon hält das sogar für „behindertenfreundlich“.“

Ziel des Lebens ist laut Singer die Erlangung höchstmöglichen Glücks. Die Zugehörigkeit zur Spezies Mensch ist moralisch nicht mehr entscheidend, sondern Eigenschaften wie Schmerzempfinden und vor allem Selbstbewusstsein. Während das bei schwerstbehinderten Menschen fehlen könne, muss es laut Singer aber manchen Tieren zugesprochen werden. Singer: „Ich glaube nicht daran, dass uns ein Gott moralische Gesetze auf Steintafeln überreicht hat. Wir müssen uns schon auf uns selbst verlassen und auf die Vernunft setzen, um einen möglichst konsistenten Standpunkt zu entwickeln.“

Also dann, verlassen wir uns mal auf uns selbst und stellen fest: Singer ist nicht mehr und nicht weniger als einer dieser üblen Provokateure, die ihr Geld nach dem Motto „Je steiler die These, desto besser“ verdienen. Einsortiert in unser abendländisches Wertesystem sagt Singer nichts anderes als: „Ich bin Gott.“ Muss man erst mal bringen. Herr Professor entscheidet also, welches Leben wert oder unwert ist. Sicher hat er dabei auch schon die Förderprognosen für Babys mit unterschiedlichsten Behinderungen berücksichtigt. Und es versteht sich ja von selbst, dass die Eltern eines schwerstbehinderten Säuglings für diesen nichts empfinden. Singers Empathie mit menschlichen Wesen beschränkt sich offenbar auf das Schmerzempfinden, das ein als zu hoch empfundener Krankenkassenbeitrag bereitet. Da erübrigt sich jeder weitere Kommentar.

Ach ja, und Ihnen, Herr Schmidt-Salomon, sei gesagt: Der Namenspate der Stiftung, die Sie vertreten, ist einer der wichtigsten Vertreter einer panpsychistischen Weltanschauung, nach der überall im Kosmos geistige Eigenschaften vorhanden sind. Vielleicht denken Sie mal darüber nach, wie das zur Grundhaltung Ihres Gastes passt.

Vita Peter Singer

Peter Singer wurde am 6. April 1946 in Melbourne geboren. Seine Eltern sind als Juden aus Wien vor den Nationalsozialisten nach Australien geflohen. Nach dem Philosophiestudium lehrte Singer unter anderem in Oxford und New York. Er vertritt eine utilitaristische Position. 1977 erhält er einen Lehrstuhl für Philosophie an der Universität seiner Heimatstadt, 1999 geht er nach Princeton.

Mit seinen bioethischen Thesen zu Abtreibung und Sterbehilfe polarisiert Singer das Publikum. In Deutschland wurden mehrfach Auftritte von ihm durch Demonstranten verhindert. Ein weiterer Schwerpunkt seiner Philosophie sind die Rechte von Tieren. Singer ist seit 1968 mit Renata Diamond verheiratet. Das Paar hat drei Töchter.

2011 erhält Singer den Preis der Giordano-Bruno-Stiftung.

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