LESEN LESEN

Thriller-Autorin Karin Slaughter im Interview

'Bittere Wunden von Karin Slaughter
Die Autorin im Interview

Thriller-Autorin Karin Slaughter im Interview

Bitte geben Sie uns eine kurze Biografie von sich:

Ich bin ein Mädchen der Südstaaten – und das sagt eigentlich schon alles. Ich habe mein Studium abgebrochen, weil ich endlich Geld verdienen und für mich selbst sorgen wollte. Für ein paar Jahre war ich Unternehmerin und habe eine Firma für Beschilderungssysteme geführt, die ich aber irgendwann verkauft habe. […] Ich habe die 'Rettet die Bibliotheken'-Kampagne federführend geleitet und fast 200.000 US-Dollar an Spendengeldern für die sträflich untersubventionierten amerikanischen und britischen Bibliotheken gesammelt. Ich liebe Fernsehen und Kino – und Lesen. Und ich bin (in der Tiefe meines Herzens) ein Papakind.

Wie kamen Sie zum Schreiben?

Als Kind bin ich unter Bücherbergen schier untergegangen, als ich im Sommer vor der Hitze im einzigen klimatisierten Raum meiner Heimatstadt Zuflucht suchte – in der Bibliothek. Von da an war ich eine begeisterte Leserin und habe von der Encyclopaedia Brown über Nancy Drew, Vom Winde verweht und den Dornenvögeln, Wer die Nachtigall stört, Sturmhöhe bis Geh zurück zu deiner lieben Frau von Kurt Vonnegut alles gelesen. Meine erste Kurzgeschichte schrieb ich mit sechs Jahren – und ich habe seither nichts lieber machen wollen.

Wie finden Sie Ihre Themen?

Ich liebe meine Heimatstadt Atlanta. Wie in allen Großstädten gibt es leider auch hier Kriminalität. Als Thrillerautorin ist das allerdings gar nicht schlecht – nur muss ich mir immer klar darüber sein, dass die Verbrechen, über die ich schreibe, tatsächlich passiert sind. Und ich schildere sie niemals genau so, wie sie stattgefunden haben, ich ändere Details und erfinde Dinge neu, weil ich aus dem Leid, das anderen zugestoßen ist, kein Kapital schlagen mag. Irgendjemand da draußen ist schließlich ein Opfer echter Gewalt geworden. Und diese Gewalt hat auch Einfluss auf die Familie des Opfers, auf seine Umgebung, auf die Polizisten, die in dem Fall ermitteln, auf die Kriminalreporter, die darüber berichten … Sie alle müssen damit klarkommen, dass das Leben eines Menschen entweder ausgelöscht oder zumindest radikal verändert wurde.

An welchem Buch arbeiten Sie gerade?

Mein nächster Roman trägt den englischen Titel Blind Pass. Es ist das erste meiner Bücher, in dem nicht Cops die Hauptrolle spielen, sondern Anwälte. Ich freue mich auf die Herausforderung. Im Buch danach werden aber wieder Sara und Will im Mittelpunkt stehen – es ist mir ein Bedürfnis, immer wieder zu ihnen zurückzukehren.

Haben Sie ein Lebensmotto?

'Sobald du sie draußen trägst, sind es keine Schlafanzughosen mehr.'

Was ist für Sie die optimale Entspannung?

Ich wandere zwischen meiner Küche und meinem Wohnzimmer hin und her.

Fünf Dinge, die wir noch nicht über Sie wissen:

1. Lieber Kuchen als Wein.

2. Wenn ich nur noch Schlafanzughosen tragen dürfte – ich würde es tun.

3. Was immer mit Bacon kommt, ist gut.

4. Wenn ich keine Schriftstellerin wäre, würde ich gerne Uhrmacherin sein.

5. Ich liebe Hunde, leider bin ich zu beschäftigt, um mir einen eigenen zuzulegen.

Karin Slaughter über ihren neuen Roman 'Bittere Wunden'

Können Sie uns etwas zu Ihrem aktuellen Roman erzählen?

'Bittere Wunden' erzählt in erster Linie von Wills Leben: seiner Jugend, seiner Familie und warum Amanda in seiner Zukunft so kräftig mitmischt. Die Vorstellung, in Wills Vergangenheit zurückzukehren, gefiel mir – doch in Wahrheit dreht sich in diesem Buch alles um Amanda. Jede Frau, die ich gefragt habe, hat eine Amanda Wagner in ihrem Leben. Sie ist der Typ Frau, der die Leiter vom Sims schubst, sobald sie oben angekommen ist. Ich wollte herausfinden, warum sie ihren Mitmenschen gegenüber so ablehnend ist – und deshalb bin ich auch in Amandas Vergangenheit gereist. In die Zeit, in der ihre Karriere als Polizistin begann.

Während der Recherche hatte ich echtes Glück, weil ich mit einer Reihe weiblicher Polizistinnen im Ruhestand sprechen konnte, die mir erzählten, wie die "gute alte Zeit" für sie war. Was ich von ihnen erfuhr, war manchmal schockierend, manchmal zum Lachen, aber stets faszinierend. Genau wie viele Frauen heute mussten sich schon damals Polizistinnen durchbeißen und durften kein Zeichen von Schwäche zeigen. Sie mussten perfekte Beamte, perfekte Mütter und perfekte Ehefrauen sein. Das konnte natürlich keine von ihnen lang durchhalten. Viele dieser Frauen hatten das Gefühl, eine Entscheidung treffen zu müssen zwischen privatem oder beruflichem Glück.

Evelyn Mitchell, Amandas Partnerin (und Faith‘ Mutter), findet nicht, dass sie diese Wahl treffen muss. In Bittere Wunden gelingt es ihr, eine Familie zu haben und gleichzeitig Polizistin zu sein – auch wenn sie insgeheim befürchtet, dass sie Abstriche machen muss. Zudem ist ihr Mann viel zuhause und fühlt sich nicht durch ihre Berufstätigkeit bedroht – er will sogar, dass Evelyn Karriere macht. Früher hätte man gesagt, dass er es ihr "erlaubt". Heute würde man sagen, dass er sie "unterstützt". Aber bedeutet das, dass sich die Situation geändert hat? Oder hat sich lediglich unser Wortschatz geändert, mit dem wir die Situation heute beschreiben? Amandas Meinung wäre, dass sich für uns Frauen nichts geändert hat; Evelyn fände, dass wir in einer neuen Welt leben. Die Spannung zwischen diesen beiden Figuren ist der Grund, weshalb es solchen Spaß macht, über Amanda und Evelyn zu schreiben. Jede hat ihre eigene Sicht auf die Dinge, obwohl sie mit derselben Situation konfrontiert sind.

Die Leser, die meine bisherigen Bücher kennen, wissen, dass ich gern mit Perspektiven spiele. Bei den Grant-County-Romanen habe ich zwischen Jeffrey und Lena gewechselt, die zwar am selben Tatort ermittelt, aber gänzlich andere Blickwinkel eingenommen haben. In Bittere Wunden mache ich es ähnlich, aber indem ich zusätzlich noch Will Trent dazu hole, kann ich zeigen, dass eine andere Perspektive nicht nur einen einzigen Augenblick anders definiert, sondern uns auch ein ganzes Leben lang verfolgen kann – im Guten wie im Schlechten.

Wie würden Sie Ihren Roman in einem Satz beschreiben?

Ein schreckliches Verbrechen aus der Vergangenheit holt Will Trent in der Gegenwart ein.

Was hat Sie dazu inspiriert, diesen Roman zu schreiben?

Am Anfang stand die Frage, wie Amandas Beziehung zu Will wurde, wie sie ist. Manchmal ist Amanda sein Mentor, manchmal Mutterersatz, manchmal aber auch Wills Peinigerin. Ich wollte dieser Beziehung auf den Grund gehen – und das gelingt nur, wenn man versteht, wie Amanda tickt. Sie kann ein sehr wütender Mensch sein, aber wer weiß, wie ihr Leben damals war, erhält eine Erklärung für die Entscheidungen, die sie später in ihrem Leben trifft.

Haben Sie eine Lieblingsfigur?

Meine Lieblingsfigur wechselt von Buch zu Buch, aber in diesem Roman ist es eindeutig Amanda.

Welche Szene war am schwierigsten zu schreiben?

Die Szenen zwischen Will und Sara in diesem Buch sind die wichtigsten, die ich bislang geschrieben habe. Meine Leser konnten in den letzten Büchern beobachten, wie die beiden sich langsam verliebten, aber das dicke Ende kommt erst noch ...

Welche Leser sprechen Sie mit Ihrem Buch an?

Ich glaube, dass meine Leser ebenso vielschichtig und unterschiedlich sind wie mein eigenes Leseverhalten.

Wollen Sie Ihren LeserInnen eine kurzen Gruß schreiben – wir würden uns freuen!

'Bittere Wunden' hat mir die Möglichkeit gegeben, meinen Lesern aus Will Trents früherem Leben zu berichten und seine komplizierte Beziehung zu seiner Vorgesetzten Amanda zu erklären. Alle meine Figuren hüten dunkle Geheimnisse, und nun beschließen sie, diese zu lüften. In diesem Buch wird auch Sara eine wichtige Entscheidung in Bezug auf Will treffen – was ihr schwer fallen wird, da sie ein sehr logischer Mensch ist. Aber wir alle wissen, dass sich Herzensangelegenheiten oft nicht logisch erklären lassen. Ich freue mich sehr darauf, die vielschichtige Story von Bittere Wunden mit meinen deutschen Lesern zu diskutieren, wenn ich im Herbst zu Ihnen komme und auf Lesereise bin.

Anzeige