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Thordis Elva: Gemeinsames Buch mit ihrem Vergewaltiger

Die Autoren Thordis Elva und Tom Strange
Thordis Elva mit ihrem Vergewaltiger Tom Stranger © dpa, Privat, sab

"Ich will dir in die Augen sehen" - ein gemeinsames Buch von Opfer und Täter

Kann man seinem eigenen Vergewaltiger verzeihen? Und 20 Jahre später mit ihm sein Buch darüber schreiben? Isländerin Thordis Elva hat genau das getan: "Ich wollte endlich Frieden finden, das war mein einziges Ziel." Mittlerweile touren die beiden mit dem Buch durch die Welt.

Thordis Elva und Tom Stranger waren als Teenies ein Paar

Von Jutta Rogge-Strang

Thordis Elva und Tom Stranger waren mal ein Paar: Die Isländerin war damals 16 Jahre alt und ging noch zur Schule, der autralische Austauschschüler Tom war damals 18. Auf dem Weihnachtsball von Thordis' Schule 1996 in Reykjavík trank sie zuviel, Tom brachte sie nach Hause. Und dann vergewaltigte er sie, zwei Stunden lang: "Seit dieser Nacht weiß ich genau, dass zwei Stunden 7.200 Sekunden haben." Zwei Tage später machte Tom mit ihr Schluss und ging zurück nach Australien. Aus Scham ging Thordis nicht zur Polizei und behielt alles für sich.

Aber sie konnte nicht vergessen. In den Jahren danach betäubte sie den Schmerz "mit Alkohol, mit Selbsthass und mit Essstörungen". Nach neun Jahren des Schweigens und Leidens schreibt sie ihm eine Email, und er antwortet. "Ich wollte, dass er Verantwortung übernimmt. Ich hatte keine große Hoffnung, dass dabei etwas herauskommt. Aber ich musste das tun, für mich selbst" so Thordis, die mittlerweile Karriere als Journalistin gemacht hatte.

Ein Recht auf Sex?

Stranger gab zu, was er getan hatte, auch wenn er es anfangs noch nicht Vergewaltigung nannte. "Es ist ein dunkler Teil meiner Erinnerung. Ich habe versucht, ihn zu unterdrücken." Acht Jahre lang tauschten sich beide schriftlich aus, schließlich trafen sie sich in Kapstadt. Die Aussprache dauerte eine ganze Woche. Tom Stranger erinnerte sich: "Ich dachte damals: Wenn ein Junge mit einem Mädchen auf eine Party geht, hat er ein Recht darauf, Sex zu haben. Es hat lange gedauert, bis ich verstanden habe, was ich angerichtet habe. Es war nichts anderes als Vergewaltigung."

"Er" sollte Verantwortung übernehmen

Thordis Elva hatte das Gefühl, dass Vergebung der einzige Weg für sie war, um Frieden zu finden: "Die Leute denken immer, dass du dem Täter etwas gibst, wenn du ihm vergibst. Meiner Meinung nach ist es aber das genaue Gegenteil. Vergeben ist etwas für mich selber. Damit konnte ich Scham und Selbstmitleid loswerden, die mein Leben kaputtgemacht haben." Man kann an Verletzungen zu Grunde gehen. Oder man kann daran wachsen und sie für die eigene Entwicklung nutzen: „Vergebung spielte eine wichtige Rolle in dem Prozess, den eigenen Schuldgefühlen zu begegnen. Und doch ist Vergebung in meinen Augen nicht das zentrale Thema unserer Geschichte. Unser zentrales Thema ist Verantwortung."

Der Schmerz vergiftete ihr Leben

Thordis Elva hatte erkannt, dass sie in all den langen Jahren mit ihrem Schmerz, ihren Schuldgefühlen und ihrer Scham eigentlich nur sich selbst schadet. Dass sie das eigene Leben förmlich vergiftet hat, weil sie nicht loslassen und verzeihen konnte. Aber das ist leichter gesagt als getan. Was tun, wenn der Schmerz so tief sitzt, dass man nicht verzeihen kann, obwohl man verzeihen sollte, zum eigenen Wohl? Psychologen untersuchen seit langem, warum es manchen Menschen besser gelingt als anderen, sich von traumatischen Erlebnissen zu befreien. Warum kommen manche Menschen mit Ungerechtigkeit, Verletzung oder Zurückweisung besser zurecht als andere?

Psychologen: Akzeptanz befreit

In der Resilienzforschung wird untersucht, warum manche Menschen schwere Krisen besser bewältigen können als andere. Denn wir alle sind verletzlich, durchleben bei Unfällen oder dem Tod geliebter Menschen unweigerlich Angst, Trauer oder Selbstzweifel. Resiliente Menschen können diese Gefühle lediglich besser bewältigen, auseinandersetzen müssen sie sich damit wie alle anderen auch. Es ist immens wichtig, eigene Stärken zu aktivieren, denn wer sich immer als Opfer der Umstände sieht, bleibt auch eines. Ein zentraler Punkt ist die Aktzeptanz dessen, was passiert ist. Das ist eine bittere Erkenntnis, aber sie befreit.

Ein generelles Patentrezept für die Bewältigung eines Traumas gibt es leider nicht, Thordis Elva hat aber ihren eigenen Weg gefunden. Im englischsprachigen Raum sorgt "South of Forgiveness" ("Im Süden des Vergebens") bereits für viel Aufsehen, soeben ist das Buch auch auf deutsch erschienen: "Ich will dir in die Augen sehen". Im April sind beide offenbar auch in Deutschland auf Tour. Thordis Elva hat ihrem Vergewaltiger unter großem Leidensdruck in die Augen gesehen: "Nur so konnte ich mir beweisen, dass Gewalt keine Macht über mich hat."

Das Buch heißt "Ich will dir in die Augen sehen" und erscheint am 15.3. im Knaur Verlag.

Opfer sind niemals an einer Vergewaltigung schuld

Die Künstlerin Yana Mazurkewich hat eine Fotoserie veröffentlicht. Ihre Botschaft: Missbrauchsopfer sind nie selbst schuld.

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