Thilo Sarrazin provoziert: "Männer sind klüger als Frauen"

Thilo Sarrazin provoziert: "Männer sind klüger als Frauen"
© dpa, Maurizio Gambarini

Thilo Sarrazin liefert Stoff für Stammtisch-Runden

Da isser wieder, der Thilo Sarrazin. Und diesmal hat er sich mit ein, zwei Interviews ganz tief in unsere Herzen katapultiert. Wir zitieren wörtlich: "Auch bei den weniger Intelligenten, also denen mit einem IQ von unter 70, gibt es mehr Männer. Uns wird dagegen immer die Gleichheit von Männern und Frauen gepredigt, Unterschiede werden ausgeblendet." Schön, so etwas aus dem Munde eines streitbaren Mannes zu hören! Bestätigt Sarrazin also etwas, was so manche von uns sich immer mal wieder gedacht haben mag, aber nicht wagte, auszusprechen? Neiiien, naja, so ganz jetzt nicht. Das ganze gäbe zwar eine prima Schlagzeile ab (siehe oben). Aber wenn wir ehrlich sind: Wir haben zwar richtig, aber doch recht selektiv zitiert.

Von Ursula Willimsky

Denn der Hinweis auf die Low-IQ-Männer war eher so ein mildernder Nachsatz. Eigentlich sagte Thilo: "Deutlich mehr Männer haben einen IQ von über 130". Sarrazin stützt diesen Satz auf "Ergebnisse von diversen Intelligenztests." Die würden beweisen, dass es zwischen der Intelligenz von Frauen und Männern "erhebliche" und auch noch "angeborene" Unterschiede gebe. Und noch ein Sarrazin-Beweis (wir zitieren aus einem anderen Interview): "Es gibt mehr extrem begabte Männer, weshalb die meisten Physiker Männer sind."

Ja. Das stimmt. Es gibt deutlich mehr Physiker als Physikerinnen. An der Spitze dieser Disziplin sieht es tatsächlich sehr männlich aus. Wenn man jetzt mal von Randerscheinungen wie Marie Curie oder Maria Goeppert-Mayer absieht, die bisher einzigen Nobelpreisträgerinnen für Physik.

Aber mal ehrlich: Was soll´s? Sprich: Wo ist der Zusammenhang? Die einzige Korrelation zwischen Intelligenz und Physik, die wir gefunden haben, ist der vielzitierte Hinweis, dass Physiker zweifelsfrei beweisen können, dass eine Hummel nicht fliegen kann. Genauso gut könnte man sagen: "Es gibt deutlich mehr hochintelligente Frauen als Männer, denn es gibt mehr Germanistinnen als Germanisten". Alles eine Frage der Betrachtung.

Der frühere Bundesbank-Vorstand ist ja derzeit wieder öfter zu sehen und zu hören und zu lesen. Denn er hat mal wieder ein Buch geschrieben: "Der neue Tugendterror". Mit vielen bunten Thesen, die eine prima Gesprächsgrundlage liefern können bei der nächsten Stammtischrunde.

Irgendwie, falls wir das richtig verstanden haben, geht es in dem Buch darum, dass man nicht mehr alles sagen darf, was man will oder was wahr ist, weil manches vielleicht nicht ok wäre, und dann bekommt man Schwierigkeiten. Wir konzentrieren uns aber heute lieber auf seine PR-begleitenden Interviews. Der Hinweis, dass die Intelligenz von Männer breiter gestreut ist, während die Intelligenz von Frauen eher so im Mittelmaß vor sich hindümpelt, wurmt uns schon.

Was ist eigentlich Intelligenz?

Leider ergibt eine erste Internet-Recherche, dass es besagte Studien tatsächlich gibt. Aber was wissen die an der Uni schon! Also rufen wir lieber bei den Leuten an, die selbst betroffen sind: Bei Mensa, dem Verein für Hochbegabte. Und dürfen erleben, wie unterschiedlich man doch gleiche Fakten interpretieren kann. Ja. Bei Mensa Deutschland gebe es deutlich mehr Männer als Frauen – etwa zwei Drittel zu ein Drittel. Aber: Das liege jetzt nicht am IQ. Sondern? Sondern das liege daran, dass sich hauptsächlich Männer um eine Aufnahme in den Club der Intelligenzbestien bemühen. "Beide Geschlechter", so versichert der Mensa-Sprecher, haben "prinzipiell eine ganz gesunde Selbsteinschätzung: Jeder zweite Bewerber, beziehungsweise jede zweite Bewerberin, schafft den Test."

Aber es würden sich eben einfach mehr Männer bewerben. Der Grund? "Da kann ich Ihnen nichts sagen, was wissenschaftlich bewiesen wäre. Wir sind ja nur ein Verein. Aber wir erklären es uns damit, dass Männer einfach mehr Spaß am Wettbewerb haben und deshalb schlichtweg lieber einen IQ-Test machen als Frauen."

Aber Unterschiede gebe es doch: Die Frauen schnitten beim sprachlichen Teil besser ab, die Männer eher beim mathematisch/räumlichen. Ändert aber nichts an den absoluten IQ-Punkten.

Womit wir beim eigentlichen Thema wären: Was bitteschön ist denn nun Intelligenz? Und wie misst man dieses Ding, das so wenig greifbar ist? Zählt das emotionale mit? Das soziale Denken? Ist einer, der ein hervorragendes räumliches Vorstellungsvermögen hat, wirklich schlauer als eine, die vorausschauend riesige organisatorische Herausforderungen bewältigen kann? Und wie viel bewirkt auch in diesem Bereich die Kunst der Selbstdarstellung?

Etablierte Tests bemühen sich um Geschlechtergerechtigkeit. Dennoch scheint es noch Korrekturbedarf zu geben: Die Studienstiftung des deutschen Volks zum Beispiel fördert noch immer mehr Männer als Frauen, obwohl in den Schulen und auch bei den Studienabschlüssen Mädels und junge Frauen die Nase vorn haben. Derzeit gibt es 10.480 Stipendiaten. Aber nur rund 4.900 von ihnen sind weiblich. Junge Männer schneiden in den Testverfahren besser ab. Vielleicht liegt ja auch hier der Grund in der größeren Lust am Wettbewerb, auf die auch Mensa tippt? Die Studienstiftung nimmt das Thema Geschlechtergerechtigkeit stärker in den Blick bei ihrer Auswahl. Wir sind gespannt auf die Ergebnisse.

Bis wir genaueres wissen, freuen wir uns einfach daran, dass wir ohnehin wissen, dass wir alle irgendwo und irgendwie schlau sind. Und unsere ganz speziellen Extra-Fähigkeiten haben, bei denen uns so schnell keiner was vormachen kann. Oder, um es mal sportlich zu formulieren: Auch wer in der Tennis-Olympia-Förderung ist, kann im Schulsport eine 3 haben. Wenn er den Feldaufschwung nicht hinbekommt. Das sagt aber nichts über sein sportliches Talent aus.

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