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Tess Gerritsen: "Ich kann zu viel Blut auf dem Bildschirm nicht vertragen"

Tess Gerritsen
Tess Gerritsen © Rizzoli & Isles

Tess Gerritsen: " Meine Geschichten handeln von modernen Kriegerinnen"

Ihr erfolgreichster Bestseller ist die Rizzoli-Buchserie mit den beiden Hauptprotagonistinnen, der Ermittlerin Jane Rizzoli und der Pathologin Maura Isles. Wieviel von Ihnen steckt in den beiden Figuren? Haben Sie gemeinsame Charaktereigenschaften?

Tess Gerritsen: Ich bin Maura Isles sehr ähnlich: Eine Ärztin, die an die Wissenschaft glaubt, die die logische Erklärung für unerklärbare Ereignisse finden will. Ich bin außerdem sehr reserviert und fühle mich in großen Menschengruppen nicht sonderlich wohl. In vielen Situationen reagiert Maura so wie ich es tun würde. Jane ist hingegen das komplette Gegenteil von mir. Ich könnte niemals so aggressiv oder direkt sein wie sie.

Ihr aktueller Roman ‚Grabesstille‘ ist Ihr bislang persönlichster Roman. Sie verarbeiten auch Geschichten und Mythen, die Ihre chinesische Großmutter Ihnen erzählte. Welche Rolle spielen diese Sagen auch heute noch? Und was hat Sie veranlasst, diese Geschichten in den Roman einfließen zu lassen?

Tess Gerritsen: Ich war immer fasziniert von den chinesischen Märchen, die mir meine Mutter erzählte, über den Affenkönig und magische Mönche, die durch die Luft flogen und mit Schwertern kämpften. Außerdem gab es zahlreiche chinesische Legenden über Kämpferinnen, eine davon die berühmte Generälin, die die Meisterin des zweifachen Schwerts war. Auf der einen Seite handeln meine Geschichten von modernen Kriegerinnen, nur sind meine Ermittlerinnen oder Ärztin. Es war naheliegend, dass ich solche Legenden in einer Geschichte erzähle. In ‚Grabesstille‘ habe ich Mystisches in die heutige Zeit in Form von Iris Fang, einer Kampfkunstlehrerin gebracht. Sie kann eine Heldin sein – oder ein Killer.

Die Bücher wurden inzwischen als eine Fernsehserie verfilmt. Erkennen Sie Ihre Bücher darin noch wieder oder hat sich für die Serie viel verändert?

Tess Gerritsen: Die große Veränderung liegt im Erscheinungsbild der Charaktere. In den Büchern ist Jane eine normal aussehende Frau mit ungekämmten Haaren und unmodischer Kleidung. In der Serie wird sie von einer wunderschönen Darstellerin gespielt, die NIEMALS als unattraktiv betrachtet würde. In den Büchern ist Maura Isles eine dunkelhaarige launische Frau, im Fernsehen ist sie blond und fröhlich. Aber sowohl in den Büchern als auch in der Serie arbeiten die Frauen zusammen, beschützen sich gegenseitig und sind (nach neun Büchern) Freundinnen geworden.

Sie schreiben jedes Jahr ein neues Buch: Wie entstehen Ihre Ideen, wo holen Sie sich Anregungen?

Tess Gerritsen: Ideen kommen von überall her. Was für mich wichtig ist, dass eine Idee eine emotionale Reaktion auslöst. Das kann Angst sein, Horror oder ein Schock. Beispielsweise basiert mein Buch ‚Scheintot‘ auf einem Zeitungsartikel über eine junge Frau, die tot in der Badewanne gefunden wurde und in die Leichenhalle gebracht wurde. Dort wachte sie dann im Leichensack auf. Die Vorstellung, in einem Leichensack oder einem Sarg aufzuwachen, war so furchtbar für mich, dass ich wusste: Das wird der Start eines Buches.

Sie haben zunächst Liebesromane geschrieben, jetzt schreiben Sie sehr blutige Thriller – wie kam es zu diesem Wandel?

Tess Gerritsen: Schon in den Liebesromanen gab es immer eine Krimigeschichte in der Geschichte – ich denke, ich war schon immer eine Thriller-Schriftstellerin. Ich wollte aber die mysteriösen Elemente genauer und mit mehr Details erzählen. Und weil ich Ärztin bin, wollte ich meine eigenen Erfahrungen aus dem Krankenhaus und der Notaufnahme mit in meine Geschichten einbringen, was natürlich mehr Blut mit sich bringt.

Gruseln Sie sich manchmal selbst vor Ihren Geschichten?

Tess Gerritsen: Nicht sehr oft. Ich denke, ich bin so beschäftigt, diese Geschichten zu entwickeln, so dass ich die Schlüsselmomente nicht so wahrnehme wie der Leser, wenn er es zum ersten Mal liest.

Lesen Sie privat auch packende Thriller wie Ihre oder gucken sich blutige Filme an?

Tess Gerritsen: Ich gucke keine blutigen Filme. Ich kann zu viel Blut auf dem Bildschirm nicht vertragen. Und in Wahrheit enthalten meine Bücher auch keine offene Gewalt. Um genau zu sein, sieht man das Blut nach der Tat, wenn das Verbrechen längst geschehen ist und die Ermittler zum Tatort kommen. Aber ich lese sehr gerne fesselnde Thriller.

"Maura Isles trägt großartige Schuhe"

In Ihren Romanen beschreiben Sie plastisch genau den zum Teil sehr schockierenden Alltag der Pathologen und der Ermittler. Gibt es irgendetwas, das für Sie ein absolutes Tabu wäre? Worüber würden Sie auf keinen Fall schreiben wollen?

Tess Gerritsen: Ich vermeide es, darüber zu schreiben, dass Kinder getötet oder verletzt werden. Als Elternteil ist es einfach zu beunruhigend, darüber nachzudenken. Das war auch ein Grund, warum ich es vermieden habe in die forensische Pathologie zu gehen. Einmal musste ich zusehen, wie ein Kind obduziert wurde. Das war das Ende – ich konnte mir nicht vorstellen so etwas zu tun.

Warum – glauben Sie – sind Ihre Thriller so erfolgreich? Was fasziniert die Leser an ihren Büchern?

Tess Gerritsen: Ich denke, das liegt daran, dass ich meinen Fokus sehr stark auf die Emotionen meiner Charaktere lege, also wer sie sind und welche Erfahrungen sie machen. Das zieht die Leser in das Buch, deswegen identifizieren wir uns mit den Figuren, weil wir wissen, was sie fühlen.

In Deutschland läuft die Rizzoli-Serie ab März an. Geben Sie uns 5 Stichworte, warum man sich die Serie auf jeden Fall anschauen sollte!

Tess Gerritsen: Die Serie ist gruselig. Sie ist lustig, sie hat wunderbare Schaupielerinnen, die Jane und Maura spielen. Sie basiert auf meinen Büchern. Und… Maura trägt großartige Schuhe!

Vielen Dank für das Gespräch.

Von Pia Colonia

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