Tag für gewaltfreie Erziehung: Auch Ohrfeigen brennen lange auf der Seele

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Tag der gewaltfreien Erziehung
Tag der gewaltfreien Erziehung Auch Ohrfeigen auf die Seele brennen lange 00:02:21
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Liebevolle Kindererziehung

Selten sitze ich vor dem Computer-Bildschirm und muss hemmungslos weinen. Aber heute Morgen gab es diesen Moment: Ich las die Rede, die Astrid Lindgren 1978 in der Paulskirche hielt. Sie hatte gerade den Friedenspreis des deutschen Buchhandels erhalten und sprach über die Liebe. Über die Liebe von Eltern zu ihren Kindern. Über die Liebe von Kindern zu ihren Eltern. Und weshalb man diese Liebe niemals verletzen darf.

Unfassbar große Liebe, unfassbar großes Ausgeliefertsein

Lindgren erzählte die Geschichte einer Mutter, die ihren Sohn groß zog in einer Zeit, in der es als wichtig und richtig galt, Kinder zu schlagen. Sie selbst hatte ihren Sohn noch nie gezüchtigt - aber nun hatte er etwas angestellt, für das er eine Tracht Prügel verdient hatte. Also schickte die Mutter ihn in den Garten: Er sollte selbst die Rute aussuchen, mit der sie ihn bestrafen würde.

Der kleine Junge blieb lange weg, so erzählte Lindgren. Schließlich kam er weinend zurück. Nicht mit einer Rute, sondern mit einem Stein, den sie nach ihm werfen sollte. "Da aber fing auch die Mutter an zu weinen, denn plötzlich sah sie alles mit den Augen des Kindes. Das Kind mußte gedacht haben, 'meine Mutter will mir wirklich weh tun, und das kann sie ja auch mit einem Stein'".

Eine kleine Geschichte über unfassbar viel Liebe und unfassbar großes Ausgeliefertsein an einen Menschen, der für ein Kind der Wichtigste ist. Der ein Kind lieben und beschützen soll. Was mag in den Seelen von Kindern vorgehen, wenn nun ausgerechnet dieser Mensch zuschlägt oder demütigt, herabsetzt, ignoriert oder ein Selbstbewusstsein demontiert?  Unendlich lange ins Zimmer wegsperrt oder böse beschimpft?

Keine Erziehungs-Roboter

"Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig." Seit dem Jahr 2000 ist dieser Grundsatz Gesetz. Paragraph 1631 Abs. 2 des Bürgerlichen Gesetz-Buches sagt klipp und klar, dass Kinder ein Recht auf gewaltfreie Erziehung haben. Man darf sein Kind weder schlagen noch seine Seele verletzen, Schläge in der Erziehung sind gesellschaftlich verpönt – etliche Eltern tun es dennoch, quer durch alle Gesellschaftsschichten. Was eine kaskadenartige Flut von psychischen, körperlichen oder sozialen Folgen nach sich ziehen kann, bis hin zu der Bereitschaft, später die eigenen Kinder wieder mit harter Hand oder harten Worten zu "erziehen".

Auf der anderen Seite stehen Anhängerinnen von sanften Erziehungsmethoden wie zum Beispiel gewaltfreie Kommunikation, von der in den letzten Jahren viel die Rede ist. Ein wunderschöner Ansatz. Doch so manche Mutter wird sich damit überfordert fühlen. Eine allzeit verständnisvolle Heile-Welt-Konfliktlösung im real existierenden Alltag – wer soll diese Mammut-Aufgabe hinbekommen, ohne die eigenen Bedürfnisse komplett zu ignorieren? (Ja, auch Mütter sind manchmal schlecht gelaunt, gestresst oder einfach ungerecht.) 

Der Erwartungsdruck, den man sich selbst aufbürdet, wenn man eine möglichst gute Mutter sein will, ist mitunter gewaltig – fast jede kann wohl von einer Situation erzählen, in der sie doch die Beherrschung verlor. Und von dem schlechten Gewissen, nachdem sie ihr Kind angeschrien hatte.

Vielleicht sollten wir auch uns selbst mit den Maßstäbe "Milde" und "Verständnis" beurteilen. Mütter und Väter sind Menschen mit Fehlern und Schwächen, keine perfekten Erziehungsroboter. Die wären auch nicht in der Lage, sich warmherzig in die Gefühle des Kindes zu versetzen und dann diese eine fiese Bemerkung doch nicht zu machen, weil sie sich nur zu gut daran erinnern, wie lange diese eine fiese Bemerkung der eigenen Mutter noch in der Seele gebrannt hat oder immer noch brennt.

Erziehung kann viele Facetten haben: Kuscheln und hemmungsloses Raufen genauso wie konsequente aber nicht bösartige Strenge oder ein "auch-mal-ein-Auge-zudrücken". Ebenfalls mit dabei: Beobachten, zuhören, nachfragen, sich für eigene Entgleisungen entschuldigen, Respekt oder die Fähigkeit, Verantwortung übernehmen, ohne sich selbst zu verleugnen. Nur die Gewalt gehört nicht in dieses Spektrum.

Aber die Liebe. Mit ihr endet auch Astrid Lindgrens Geschichte: Die Mutter legte den Stein auf ein Bord in der Küche. Und dort blieb er liegen "als ständige Mahnung an das Versprechen, das sie sich in dieser Stunde selber gegeben hatte: 'Niemals Gewalt!'"

Am 30. April ist der Internationale Tag für eine gewaltfreie Erziehung. Ein schöner Tag, um sich selbst einen kleinen Stein auf die Fensterbank zu legen.

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