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Tafeln in Deutschland wollen überschüssige Lebensmittel verteilen statt vernichten

Tafeln in Deutschland wollen überschüssige Lebensmittel verteilen statt vernichten
Die Tafeln in Deutschland wollen die Brücke schlagen zwischen Überfluss und Mangel an Lebensmitteln. Dazu sammeln sie Lebensmittel von Supermärkten, Bäckereien und Co. ein und verteilen sie an Bedürftige.

Tafeln wollen Brücke schlagen zwischen Überfluss und Mangel

In Deutschland landen pro Jahr etwa elf Mio. Tonnen Lebensmittel im Müll. Gleichzeitig gibt es eine große Zahl bedürftiger Menschen, die nicht in der Lage sind, sich und ihre Familien ausreichend mit Nahrungsmitteln zu versorgen. Genau dort setzen die Tafeln in Deutschland an: Sie sammeln überschüssige Lebensmittel ein und geben sie an Bedürftige weiter.

Von Nora Lohner

Wir leben im Überfluss – Deutschland zählt zu den reichsten Ländern der Welt. Das zeigt sich auch daran, dass jeder einzelne Deutsche pro Jahr durchschnittlich 82 Kilo Lebensmittel wegwirft. Auf der anderen Seite gibt es jedoch Millionen Menschen, die am Rande des Existenzminimums leben. Vielen bleiben nur ein paar Euro für den täglichen Lebensmittelkauf. Um den Folgen von Armut wie Hunger, Mangelernährung und soziale Isolation vorzubeugen und die Situation von Obdachlosen zu verbessern, hat die Initiativgruppe Berliner Frauen e.V. 1993 in Berlin die erste Tafel Deutschlands gegründet. Ziel war und ist es, Lebensmittel zu verteilen statt zu vernichten. „Es gibt wahnsinnig viele Lebensmittel, die auf dem Müll landen, obwohl sie noch zum Verzehr geeignet sind. Auf der anderen Seite gibt es viele Menschen, die diese Lebensmittel gut brauchen können“, sagt Karin Fürhaupter, die Leiterin der Kölner Tafel. „Wir versuchen, einen Ausgleich zu schaffen zwischen dem Überfluss und der Vernichtung von Lebensmitteln und denen, die diese gut brauchen können.“

Dazu sammeln die mittlerweile über 900 Tafeln in Deutschland täglich überschüssige Nahrungsmittel bei den Herstellern und im Handel ein und verteilen sie an sozial oder wirtschaftlich benachteiligte Menschen. Allein die Kölner Tafel, die 1995 gegründet wurde, sammelt 80 Tonnen Lebensmittel pro Monat ein. Spender sind vor allem Supermärkte und Discounter wie Rewe, Lidl und Aldi, aber auch Großbäckereien. „Eingesammelt werden vor allem Obst, Gemüse und Backwaren. Wir haben feste Verabredungen. Zu manchen Märkten fahren wir täglich, zu manchen drei- oder nur einmal die Woche“, erklärt Fürhaupter.

Doch die Tafeln benötigen nicht nur Lebensmittel, sondern auch Geld – sei es für die Fahrzeuge, mit denen die Lebensmittel von A nach B transportiert werden, für die Miete, Kühlung und Lagerhaltung oder für Büromaterialien. „Die Kölner Tafel finanziert sich aus Spenden, Bußgeldern und Mitgliedsbeiträgen. Spenden und Bußgelder sind dabei in ihrer Höhe immer unberechenbar“, erklärt Fürhaupter. Wieso Bußgelder? Richter und Staatsanwaltschaften verhängen oftmals Bußen, die an gemeinnützige Vereine gezahlt werden müssen. Demnach kann jeder gemeinnützige Verein bei Gericht beantragen, in die Bußgeldliste aufgenommen zu werden.

Lebensmittelausgabestellen sind am Limit

In der Kölner Tafel arbeiten an die 100 Menschen – alle ehrenamtlich, bis auf einen Mitarbeiter. Einige davon nutzen ihre Arbeitslosigkeit, um mitzuhelfen, andere helfen vor oder nach ihrer regulären Arbeit. „Manche Ehrenamtler übernehmen das Vorsortieren in den Großbackstuben, andere treffen sich morgens um 8 Uhr, fahren die verschiedenen Stellen an, sammeln und verteilen die Lebensmittel.“ Verteilt werden die Lebensmittel an Einrichtungen, die sich in irgendeiner Weise um Bedürftige kümmern. „Die Stellen, die am meisten abnehmen, sind Ausgabestellen für Lebensmittel. Dort stellen sich die Menschen an, ziehen eine Wartemarke und erhalten dann die Lebensmittel“, erklärt Fürhaupter. Dabei werde auch immer die Bedürftigkeit überprüft. Wer sich für Lebensmittel anstelle, müsse beispielsweise seinen Hartz IV-Bescheid, den Bescheid über Sozialhilfe oder – in Köln – den Kölnpass vorlegen. Daneben würden Lebensmittel aber auch an Jugendzentren in sozialen Brennpunkten, Kitas, Schulen, Mutter-Kind-Wohnheime, aber auch Anlaufstellen für Drogenabhängige geliefert. „Diese Stellen verwenden die Lebensmittel selbst oder verteilen sie weiter“, sagt Fürhaupter.

Bei der Hälfte der bundesweiten Tafeln handelt es sich um eingetragene Vereine, so auch bei der Kölner Tafel. Die andere Hälfe befindet sich in der Trägerschaft von kirchlichen Einrichtungen, Stiftungen oder Wohlfahrtsverbänden. In den insgesamt rund 3.000 Ausgabestellen und Tafel-Läden werden dabei ausschließlich gespendete Lebensmittel verteilt. Diese Lebensmittel müssen nach den gesetzlichen Bestimmungen noch verwertbar sein.

Etwa 60.000 ehrenamtliche Helfer und Helferinnen sorgen dafür, dass die Lebensmittel sortiert, eingesammelt und ausgeteilt werden. Schon lange sind es nicht mehr nur Obdachlose, die das Angebot der Tafeln nutzen. Etwa 50 Prozent der insgesamt 1,5 Millionen Menschen, die die Tafeln deutschlandweit in Anspruch nehmen, sind Erwachsene im erwerbsfähigen Alter. Viele von ihnen sind Sozialhilfe- oder Arbeitslosengeld-II-Empfänger, aber auch Migranten und Spätaussiedler. Etwa 30 Prozent derjenigen, die ohne die Lebensmittel der Tafeln nicht über die Runde kämen, sind Kinder und Jugendliche. Knapp 20 Prozent sind Rentner.

Und die Nachfrage steigt. „Der Andrang an den Lebensmittel-Ausgabestellen ist in den letzten Jahren ganz klar gestiegen“, berichtet Fürhaupter. Allerdings könne sie nicht sagen, ob es insgesamt mehr Bedürftige gebe oder ob die Tafeln schlichtweg bekannter seien als noch vor einigen Jahren. „Ich kann Ihnen nur sagen: Die Lebensmittelausgabestellen sind am Limit. In etlichen Ausgabestellen gibt es mittlerweile Wartelisten, das heißt, sie nehmen keine Bedürftigen mehr auf, die dort Lebensmittel abholen können.“

Sorgen bereiten Fürhaupter vor allem die „weißen Flecken in der Stadt“. So gebe es in Köln Bezirke, in denen keine Ausgabestellen existieren. Bedürftige, die dort wohnen, haben also keine Anlaufstelle, da die Tafeln stadtteilbezogen arbeiten. Wer beispielsweise in Köln-Kalk wohnt, kann nicht einfach zu einer Ausgabestelle in Köln-Dellbrück gehen. „Deswegen suchen wir dringend Organisatoren, Interessengemeinschaften oder Kirchengemeinden, die die Infrastruktur dafür zur Verfügung stellen, sodass dort eine Ausgabestelle gegründet werden kann“, sagt sie. Nur so könne den Tafeln weiterhin und dauerhaft gelingen, was ihr wie allen Tafel-Mitarbeitern am Herzen liege: Dass das Essen genau dort landet, wo es hingehört – auf dem Teller und nicht in der Mülltonne.

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