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Tabuthema Familienbett: Viele Eltern lügen beim Schlafverhalten ihrer Kinder

Kinder schlafen gerne im Bett ihrer Eltern. Manche länger als andere.
Doch wenn es darum geht, wo die Kinder schlafen, lügen die Hälfte aller Eltern. Warum ist das so? © detailblick - Fotolia

Elternbett oder eigenes: Wo sollen Kinder schlafen

"Wo schläft Ihr Baby denn?" Auf diese einfache Frage von Kinderarzt oder Hebamme antwortet nahezu die Hälfte aller Mütter mit einer Lüge. Sie wollen nicht zugeben, dass sie ihr Baby mit ins Elternbett nehmen - aus Angst vor dem Vorwurf, sie würden ihr Kind gefährden. Eine britische Studie an 600 Eltern förderte diese Zahl zutage. Verstehen kann man all diese Lügen-Mütter sehr gut und den Zwiespalt, in dem sie stecken: Einerseits wollen sie für ihr Baby nur das Beste, wollen, dass es Nähe und Geborgenheit spürt und beruhigt schläft. Andererseits glauben sie zu wissen, dass diese nächtliche Nähe das Risiko für etwas so Unbegreifliches wie den Plötzlichen Kindstod erhöhen kann.

Von Ursula Willimsky

Dieses eine Beispiel spiegelt wider, wie zerrissen Mütter - und auch Väter - bei Erziehungsdingen häufig sind. Gefühl versus Wissen. Auf die Frage, wo Baby nun am besten schläft, gibt es unendlich viele Antworten. Sie widersprechen sich, sind aber in sich jeweils völlig nachvollziehbar.

Hier nur ein ganz grober Überblick: Es beginnt mit dem Tipp, das Baby im Elternbett schlafen zu lassen. Denn so ein kleines Wesen gehört ganz einfach dahin, wo seine wichtigste Bezugsperson ist. Das Baby spürt die Nähe, hört den Atem, fühlt sich geborgen. Diese Konstellation wird als die natürlichste Art propagiert.

Der Bogen spannt sich weiter über eine Art Docking-Station, also ein separates Baby-Bettchen, das an das Elternbett montiert wird. So ist das Baby ganz nah bei den Eltern - schläft aber geschützt und kann nicht versehentlich von einer Bettdecke oder einem Kissen bedeckt werden.

Bis hin zur - von offizieller Seite präferierten - Empfehlung, das Kind im eigenen Bett aber im Elternschlafzimmer zur Ruhe kommen zu lassen. "Die gleichmäßigen Atemgeräusche der Eltern haben einen positiven Einfluss auf die Atemregulation des Babys. Gleichzeitig erleichtert die Nähe des Babys Müttern das nächtliche Stillen", so formuliert es die Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung. In ihren "Schlafempfehlungen für das 1. Lebensjahr" rät die Bundeszentrale vor allem dazu, das Baby im passenden Schlafsack immer auf den Rücken zu legen und das Babybett recht spartanisch auszustatten, um das Risiko des Plötzlichen Kindstodes zu minimieren. Seit Eltern entsprechend aufgeklärt werden, geht die Zahl der Todesfälle signifikant zurück.

Einig sind sich die meisten Experten immerhin darin, dass einer der größten Risikofaktoren für das Baby rauchende Eltern sind. Und dass - vor allem, falls das Baby doch im Elternbett schläft - auch Alkohol oder Drogen für die Eltern tabu sein müssen. Auch wer sehr übermüdet ist oder Medikamente nimmt, sollte Baby - so die Empfehlungen - lieber ins eigene Bettchen legen. Im Familienbett sollte unter anderem dafür Sorge getragen werden, dass das Kind nicht zwischen Kissen oder Decken überhitzt oder im Matratzenspalt hängen bleiben kann.

Viele Gründe für Lügen über Schlafort

Doch selbst wenn alle Vorkehrungen getroffen sind und man sich gut informiert dafür entschieden hat, das Baby mit ins Bett zu nehmen, kann Unsicherheit bleiben. Nicht wenige Mütter erzählen von schlaflosen Nächten mit dem Baby im Arm, weil sie es nicht wagten, einzuschlafen - aus Angst, ihr Baby zu erdrücken. Dabei wäre doch genau das der Moment gewesen, den sie ganz besonders hätten genießen sollen. Sagen doch alle!

Je nach Ausrichtung der Müttermehrheit - eher anthroposophisch oder eher pragmatisch - kann es in so mancher Krabbelgruppe wahrscheinlich einfacher sein zu behaupten, dass man immer mit dem Kind im Arm einschläft als zuzugeben, dass man lieber ganz entspannt allein im Bett liegt. Sätze wie "Mir sind 24 Stunden Körperkontakt einfach zu viel" treffen nicht überall auf Wohlwollen. So gesehen gibt es vermutlich auch für die Beistellbettchen-Mütter immer mal wieder einen Grund, auf die Frage: "Wo schläft das Baby denn?" mit einer Lüge zu antworten.

Verstehen kann man alle Lügen-Mütter. Manchmal trifft man eine Entscheidung, manchmal sogar wider besseres Wissen - und nicht immer hat man Lust auf die entsprechenden Diskussionen und Rechtfertigungen. Vor allem nicht, wenn man nachts schlecht geschlafen hat…

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