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Style-Trend 'Beenagers': Bieder und spießig ist was für Jugendliche

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Ältere Frauen machen Selfie zusammen
Trend-Gattung „Beenagers: Mit diesem Wortmix aus 'Teenager' und 'Best Agers' betitelte die NZZ Menschen gereifteren Alters, die sich nicht nur wie Teenager kleiden, sondern sich manchmal auch so benehmen. © iStockphoto

'Best Ager' in Teenie-Garderobe: Wenn ältere Menschen wieder jung sein wollen

"Boah, wie peinlich! In dem Alter sollte man soooo aber nicht mehr rumlaufen!". Nein, nein, nein. So etwas darf man nicht mehr denken, geschweige denn sagen. Immerhin könnte man ja ein Exemplar der Trend-Gattung 'Beenagers' vor sich haben. Mit diesem Wortmix aus 'Teenager' und 'Best Agers' betitelte die 'Neue Züricher Zeitung' Menschen gereifteren Alters, die sich nicht nur wie Teenager kleiden, sondern sich manchmal auch so benehmen. Zu beobachten ist dieses Style-Phänomen unter anderem in Straßencafés, Szene-Bars oder auf Instagram. Mit ihrem jugendlichen Look schließen die 'Beenagers' eine optische Lücke. Denn die eigentlichen Jugendlichen geben sich derzeit ja eher bieder-spießig.

Looks wie aus der gehobeneren Teenager-Abteilung

Was bleibt den Jugendlichen auch anderes übrig? Womit bitteschön sollen sie noch groß rebellieren? Mit den Klamotten? Da haben Eltern und Großeltern von der Latzhose bis zur Nieten-Lederjacke doch schon alles durchgemacht. Mit ihrem Lebensstil? Schwer in einer Zeit, in der jeder im Grunde so leben kann, wie er will. Mit Musik? Wird inzwischen ebenfalls Generationen übergreifend konsumiert. Demonstrationen? Naja. Das haben bereits die 68er und Folgende durchexerziert; was an Protest übrigbleibt, kann man auch in einem Shit-Storm oder bei einem Flash-Mob erledigen.

Jugendstudien attestieren der jungen Generation, dass sie ein stabiles Wertesystem besitzt, sich aber kaum noch Jugendkulturen finden, die auf Abgrenzung oder Provokation zielen. Sieht man prima in Kindermoden-Abteilungen: Da beschleicht einen mitunter das Gefühl, aus Versehen im Casual-Business-Bereich gelandet zu sein. Unauffälligkeit ist angesagt, Mainstream anscheinend der neue It-Zustand. Gut zu beobachten auch bei Teenager-Gruppen in der Fußgängerzone: Die sehen gerne mal von den Sneakers über die Jeans bis hin zu den Haaren aus wie ein Rudel doppelter Lottchen.

Manche Teens und Twens machen sogar auf richtig alt. Beispiel 'Granny-Look'. Mit ihm hat unter anderem Mode-Bloggerin Tavi Gevinson im zarten Alter von 14 Jahre Furore gemacht: Flugs die Haare grau gefärbt, das Ganze zu einem Dutt mit Tüll hochgewirbelt – fertig war das Mode-Statement. Oder Ashley Olsen. Die schlappt schon mal mit gemütlichen Filz-Puschen durch New York. Wer nicht sooo viel Ahnung von Mode hat, auf den mögen einige von Ashleys Outfits einfach nur bieder und altmodisch wirken. Vielleicht sind sie aber auch ein hippes, wohldurchdachtes Statement: Schaut her! Mir ist Mode egal!

Mir aber nicht! Scheinen einige ältere Fashionistas zu rufen. Und schlüpfen statt in den dezenten Blazer in Sneakers, Mini-Röcke und Jeans mit teuren Löchern. Als Vorreiterinnen nennt die 'NZZ' Fashion-Ikone Anna Dello Russo (55), die offenbar gerne in der gehobeneren Teenager-Abteilung shoppen geht und die Welt via Instagram an ihrer Garderoben-Wahl teilhaben lässt. Oder Natascha Ochsenknecht, die auf einigen Fotos gleich zwei Trends auf einmal spazieren führt: den 'Beenager-Look' - knallige Jacken, Statement-Shirts, Turnschuhe und den 'Granny-Look' - graue Haare. Auch so mancher modebewegte Herr mit grauen Schläfen generiert sich vom Outfit her gerne wie ein 18-Jähriger. Mannigfache Beweis-Selfies inklusive.

Wir wünschen uns „Wüstylistas“

Einerseits toll: Die Mode macht sich frei von freiwilligen Altersbeschränkungen. 15-Jährige färben sich in aufwändigen Prozeduren die Haare grau, 50-Jährige zeigen viel Haut. Beide können prima auf vermeintlichen Mode-Diktate verzichten. Und die Ü-40-Fraktion zeigt, dass sie optisch mehr drauf hat als perlgraue Twin-Sets. Ja. Auch mit über 50 hat man Spaß an Klamotten, die nicht auf das Style-Ziel „dezente Eleganz“ getrimmt sind!

Aber manchmal, wirklich nur manchmal, wünscht man sich denn doch ein bisschen mehr altersgemäßen Habitus. Wenn am Nachbartisch aus Mündern, jenseits der 40, breiter Jugendjargon poltert. Oder wenn das verwegene Piercing kombiniert mit dem wilden T-Shirt eben leider nicht nur cool und abgeklärt wirkt, sondern auch die Assoziation „Huch! Da steckt aber jemand mitten in der Midlife-Crisis!“ weckt.

Oha. Das könnte jetzt als Altersdiskriminierung ausgelegt werden. Formulieren wir es also anders: Wie schön wäre es doch, wenn Menschen aller Altersgruppen sich so kleiden und benehmen würden, wie es zu ihrer Persönlichkeit passt! Dafür erfinden wir sogar rasch ein neues Wort: Wir wünschen uns „Wüstylistas“. Menschen, die sich in Würde stylen.

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