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Sturm gegen G8: Eltern fordern mehr Zeit zum Lernen

Sturm gegen G8: Eltern fordern mehr Zeit zum Lernen
Sturm gegen G8: Eltern fordern mehr Zeit zum Lernen © dpa, Franziska Kraufmann

G8 gönnt Schülern keine Pause

Mittagessen um 16 Uhr, Lernstress bis zum Abwinken, Loshetzen zum Sport, Klausuren schreiben im Akkord, kämpfen um jeden Punkt - so sieht derzeit die Alltagswirklichkeit von Gymnasiasten aus. Denn in acht Jahren werden sie zum Abitur geprügelt. Und dann sollen sie ihre Berufswahl treffen und studieren - wenn sie denn schon 18 sind! Auf der Strecke bleiben Hobbies, Freunde und Freizeit - und die Orientierung fürs weitere Leben.

Von Jutta Rogge-Strang

Kein Wunder, dass die Oberschüler unter ihrem Lern-Pensum einknicken: Mittlerweile leidet jeder dritte Schüler zwischen 12 und 21 Jahren unter Stress-Symptomen. Kopf- und Rückenschmerzen, Einschlafprobleme und Gereiztheit sind die häufigsten Krankheiten der deutschen Kinder und Jugendlichen.

Tatsächlich hat eine repräsentative Emnid-Studie im Auftrag von Jako-o nun untermauert, was Eltern schon länger über die Einführung des Abiturs nach 12 Jahren denken: 79 Prozent der 3.000 befragten Eltern wollen zurück zum alten Abi nach 13 Jahren. Und wenn es beim achtjährigen Gymnasium bliebe, sprechen sich 59 Prozent dafür aus, zumindest die Lehrpläne anzupassen.

Die Bildungspolitiker, die sich für die Einführung des Abiturs nach 12 Jahren (kurz: G8 für acht Jahre Gymnasium) entschieden haben, sind selbst alle 13 Jahre lang zur Schule gegangen. Natürlich haben sie keine Ahnung davon, was es heißt, in der G8-Struktur mal eine oder zwei Wochen krank zu sein. Dann müssen die Mitschüler ihre Hefte kopieren und zum Lernen vorbeibringen. Damit das Pensum noch zu schaffen ist, werden im Krankenbett Hausaufgaben erledigt. Wenn das Nacharbeiten nicht ausreicht, gibt es eben Nachhilfe.

Denn jeder Tag zählt. Vorbei sind die Zeiten, in denen sich die Schüler auch mal eine Fehlstunde leisten konnten. Kinder und Jugendliche absolvieren nun ein Erwachsenen-Programm, in dem sie sich über viele Stunden voll konzentrieren müssen - genau wie im Arbeitsleben, in das sie ja nach dem Willen der Politik auch noch ein Jahr früher eintreten sollen.

Turbo-Abi: Für Sport und Hobbies bleibt keine Zeit

Nach der Schule geht es wieder an den Schreibtisch: Was soll auch der Quatsch mit Sport, privatem Musikunterricht oder irgendwelchen anderen Hobbies? Ich bin mir sicher, dass wir in absehbarer Zeit immer weniger Künstler haben, die übungsintensive Instrumente beherrschen. Denn wann sollten die denn erlernt werden? Nachts?

Auch der Leistungssport wird wohl Abstriche machen müssen: Welche Jugendlichen haben schon Zeit und Lust, vier Mal in der Woche zu trainieren, wenn die Hausaufgaben noch warten? Wie war es früher doch herrlich, mal ein Buch zu lesen, das mehr als 400 Seiten hatte. Dazu kommen heute nur noch Grundschüler - wenn sie denn noch gerne lesen.

Glücklich zumindest diejenigen Schüler, die bei ihrem Abitur schon 18 Jahre alt sind. Ich kenne auch andere Fälle: Da wird das Abi dann von einem 16-Jährigen gemacht, der eine Klasse übersprungen hat. Und dann? Soll er studieren, womöglich in einer anderen Stadt? Er hat ja dann noch nicht mal einen Führerschein, wählen darf er auch nicht, und im Kino darf er eigentlich auch keine Filme mit FSK 18 angucken. Aber alleine wohnen und leben kann er schon?

Erinnert sich noch jemand daran, warum G8 überhaupt eingeführt wurde? Weil die Deutschen immer weniger und immer älter werden, sollten Berufsanfänger dem Arbeitsmarkt früher zur Verfügung stehen, damit Deutschland international konkurrenzfähig bleibt und sich das Rentenniveau halten lässt. Die Realität sieht leider ganz anders aus: Gestresste, unreife und orientierungslose Jugendliche verlassen die Schule und machen im Zweifel erstmal ein freiwilliges soziales Jahr oder eine Weltreise, bis sie sich darüber im Klaren sind, was sie beruflich einmal machen wollen. Von wegen ein Jahr früher im Job. Alternativ bevölkern immer mehr Minderjährige und Spät-Pubertierende unsere Universitäten. Bildungspolitiker aller Länder, vereinigt euch - und macht diesem Unsinn ein Ende!

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