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Streit in der Phase des Verliebtseins: Hat die Liebe dann noch eine Chance?

Streit in der Phase des Verliebtseins: Hat die Liebe dann noch eine Chance?

Wie soll man mit Streit zu Beginn der Beziehung umgehen?

In der Zeit der ersten Verliebtheit liegt für die meisten Menschen ein nahezu heiliges Versprechen. Nicht umsonst spricht man vom 7. Himmel der Verliebtheit, den man hier auf Erden genießen kann. Zumindest temporär. Sechs Monate dauert die Frist. Ein halbes Jahr ungetrübtes Glück, in dem die Hormone den kritischen Blick vernebeln – auf diese überschaubare Zeitspanne haben sich seriöse Wissenschaftler geeinigt, die sich akribisch mit dem Seelenleben von Verliebten befasst haben. Danach ist man wieder offen für die negativen Seiten des Lebens, sprich: Des Partners.

Was aber, wenn es schon nach drei Wochen losgeht mit der Offenheit für das Negative, und regelmäßig die Fetzen fliegen? Wenn einem schier unerträgliche Eigenschaften des Gegenübers ins Auge stechen und auf die Nerven gehen, obwohl man das Menschenkind, in das man verknallt ist, an und für sich heiß und innig bejaht.

Nehmen wir folgendes Beispiel, es dient vortrefflich der Veranschaulichung: Ein Mann zeigt lebhaftes und liebevolles Interesse an einer Frau, sie ist ganz hin und weg von seinem Engagement. So hat sie sich das immer vorgestellt: Einer, der Gas gibt. Der Haken: Sie ist beruflich eingespannt, kann nicht immer springen, wenn er es will, muss manchmal berufliche Termine vorziehen, obwohl das Zusammensein mit dem Liebsten lockt. Mehr als lockt! Das sagt sie ihm in aller Entschiedenheit, hisst die Flagge ihrer Sehnsucht, doch er ist schnell zornig und enttäuscht, droht gar, Schluss zu machen. Dabei hatte er auch eine Vorstellung von ihr, die sie erfüllt! Er träumte von einer Frau, die ihren Job macht, die ihn glänzend erledigt, die erfolgreich ist. Sie träumte wiederum von einem leidenschaftlichen Mann, den es nach ihr verlangt mit jeder Zelle. Zwei Träume, die wahr geworden sind. Das passt doch wie Arsch auf Eimer, würde meine Oma sagen.

Da hat sie Recht. Von den Persönlichkeiten her, von den Bedürfnissen her, liegt hier das perfekte Match vor. Ein Sechser im Lotto der Liebe.

Was aufeinanderprallt und für Reibung sorgt, das sind die Vorstellungen, die im Kopf entstehen und sich gefährlich über das Leben stülpen. Sie überrollen das Leben, walzen die Liebe platt. Denn das mag die Liebe nicht, dass man sie festtackert. Sie will sich entfalten und so lebendig wie möglich sein.

Streit am Anfang ist auch eine Chance!

Ich begebe mich auf die unbewusste Ebene und diagnostiziere: Mein Beispiel-Mann hat sich eine Frau ersehnt, die mit ihm auf Augenhöhe ist, aber er wollte auch eine, die ihn mit der gleichen Leidenschaft und Inbrunst ständig sehen will. Daraus folgt: Längst bevor diese für ihn perfekte Frau auf die Bühne trat, "hatte" er sie schon. Und zwar in seinem Kopf! Ein Bild von ihr, ein festes, ein zu festes.

Und dann kommt eine Frau aus Fleisch und Blut und deckt sich mit den Vorstellungen. Das ist natürlich Seligkeit, wenn man das Herz fragt. Es ist wunschlos glücklich. Das Herz hätte auch nichts dagegen, dass die Traumfrau an manchen Ecken und Kanten etwas anders ist als der Traum.

Doch der Kopf sagt: Nein! Alles wird gemacht, wie ich es wollte! Basta. Es bekriegen sich Kopf und Herz. Wer muss klein beigeben? Der Kopf!

Der spinnt, wenn er sagt, dass es mit der Verliebtheit nicht weit her sein kann, wenn man schon am Anfang miteinander hadert.

Im Gegenteil: Wer sich ohne Verliebtheits-Watte auf derart intensive Weise aneinander abarbeitet, der hat zwar Stress, erhält zugleich jedoch eine Riesenchance! Er taucht von der Verliebtheit direkt in die Liebe ein, ins pralle Dasein. Wer das Ruder rumreißt, die Konflikte aushält, durch sie geht, sie löst, kann daraus hervorgehen wie Phoenix aus der Asche.

Ich nenne jetzt das Zauberwort, das hilft, die Vorstellungs-Bombe, die zerstörerisch aus dem Kopf herausexplodiert, zu entschärfen: Das magische Wort heißt - Begegnung! Die Vorstellungen im Kopf dürfen bleiben. Doch man möge bitte den anderen trotzdem im Hier und Jetzt genau anschauen und ihn nicht stets mit den Kopfgestalten vergleichen. Man möge ihm begegnen, jeden Tag aufs Neue.

Aus dieser sich wiederholenden Begegnung mit einhergehender Neugierde entsteht eine einmalige Frische, die ein sich oft streitendes verliebtes Paar emotional viel mehr mobilisiert und inspiriert als ein sechs Monate lang währendes Dauer-Glucksen bei Turteltäubchen.

Der Dichter Heinrich von Kleist hat dieses Phänomen in der "Marquise von O.“ in einem wunderschönen Satz gefasst: "Durch diese schöne Anstrengung mit sich selbst bekannt gemacht."

Das ist es! Die Streitigkeiten sind anstrengend, aber auch „schön“. Sie machen Frau und Mann miteinander bekannt. Auf diese Weise entsteht ein tiefes Erkennen. Und damit ein Lieben, das bleibt. Deshalb heißt es in der Bibel: Adam erkannte sein Weib. Erkennen ist Lieben. Das ist der wahre 7. Himmel.

Eure Birgit!

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