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Stottern: Ursachen und Therapie

Stottern kann durch Sprechtrainings verbessert werden

Etwa 800.000 Menschen in Deutschland stottern. 80 Prozent davon sind Männer. Kinder stottern häufig nur vorübergehend. Auch hier sind weitaus mehr Jungen als Mädchen betroffen. Was sind die Ursachen für das Stottern? Und wie kommen die Worte endlich flüssig über die Lippen?

Ob Marilyn Monroe, Charles Darwin oder Winston Churchill - viele berühmte Menschen haben gestottert. Der Neurologe Martin Sommer, Vorsitzender der Bundesvereinigung Stottern und Selbsthilfe, ermutigt zu einem offensiven Umgang mit der Sprachstörung. Er selbst kündige anderen Menschen an, dass er stottere. Außerdem erklärt der Experte, dass der Begriff Stotterer veraltet sei. Heute spreche man von stotternden Menschen.

Viele Menschen sind unsicher, wie sie damit umgehen sollen, dass ihr Gegenüber stottert. Sommer rät dazu, einen stotternden Menschen ausreden zu lassen, auch wenn es schwer falle. "Es bringt überhaupt nichts, ihm das Wort aus dem Mund zu nehmen. Erstens will er das selber sagen. Zweitens will er vielleicht etwas anderes sagen", fasst Sommer seine Erfahrungen zusammen.

Die Ursachen für das Stottern sind vielfältig und nicht wissenschaftlich zu erklären. Ärzte und Therapeuten gehen davon aus, dass Stottern durch eine Kombination aus genetischen, physikalischen und psychologischen Faktoren verursacht wird:

- Die Wahrscheinlichkeit fürs Stottern verdoppelt sich, wenn eins der beiden Elternteile stottert. Somit scheint Stottern auch genetische Ursachen zu haben und somit in der Familie zu liegen.

- Stottern kann teilweise auch auf die physikalische Reaktion auf Stress zurückgeführt werden. Stotternde Menschen spannen die Muskeln ihres Kehlkopfes an, während Nichtstotterer auf Stress reagieren, indem sie andere Muskeln anspannen.

- Experten glauben, dass bestimmte Muskelsysteme beim Stottern nicht mehr korrekt zusammenarbeiten. Sie werden stattdessen gleichzeitig aktiviert, sodass sie gegeneinander arbeiten. Der Redefluss wird folglich von Blockaden, Wiederholungen von Wortteilen ("h-h-h-hart") oder Dehnungen ("MMMMilch") unterbrochen und gestört. Dadurch wird das Sprechen auch anstrengend: Gesichtsmuskulatur, Kopf, Arme und Oberkörper verkrampfen sich und zucken beim Reden.

- Stottern kann auch infolge traumatischer Erlebnisse auftreten. Dies ist häufig bei Kindern der Fall.

- Stotternde Menschen schämen sich oft für ihren Sprachfehler. Daraus resultieren auch Gefühle wie Schuld, ein niedriges Selbstvertrauen oder Selbstwertgefühl. Diese negativen Empfindungen machen das Stottern noch schlimmer. Die Menschen verkrampfen sich förmlich immer mehr.

Das hilft: Offen mit Stottern umgehen

Viele stotternde Menschen leiden auch darunter, dass ihre Mitmenschen sie als weniger intelligent einstufen. Stotternde Menschen haben nämlich durchschnittlich den gleichen IQ wie Nichtstotterer. Allerdings umgehen sie manchmal schwierig auszusprechende Worte und greifen stattdessen auf Ersatzworte zurück, die ihnen leichter über die Lippen gehen. Dieses Ersatzwort passt manchmal nicht oder ist jedenfalls nicht ganz so angemessen. So können Zuhörer den Eindruck bekommen, dass stotternde Menschen kein Gespür für Sprache und die richtige Wortwahl haben. Dies erschwert ihnen zusätzlich den Alltag.

Viele ziehen sich zurück, vermeiden den (Blick-)Kontakt und Gespräche mit anderen. Dadurch ist die Tendenz zur Vereinsamung und völligen Isolation bei stotternden Menschen auch groß. So entsteht ein regelrechter Teufelskreis. Viele fürchten sich auch vor Menschen- oder Kundenkontakt im Job. Für viele platzt damit ihr Berufswunsch, manche sind zu gehemmt, es überhaupt zu versuchen. Nicht selten leben stotternde Menschen von Hartz IV, obwohl sie "nur" das Sprechen am Erfolg hindert. Dabei ist es laut Sommer der größte Fehler, nicht zu sprechen: "Das einfachste und schlechteste Prinzip gegen das Stottern ist, die Klappe zu halten."

Der Neurologe rät vielmehr dazu, offen mit der Behinderung umzugehen. Wer beispielsweise beim Bäcker einkaufen gehe, könne folgendermaßen ankündigen, dass er stottere: "Ich heiße Martin, ich stottere und ich hätte gern ein Brot." Das Paradoxe sei, dass der ganze Druck, das Stottern nicht zeigen zu dürfen, raus sei, wenn das Stottern sozusagen offen auf dem Tisch liege. "Und dadurch gibt es eine große Lockerheit. Ich habe mir das jahrelang nicht zugetraut. Heute halte ich praktisch keinen Vortrag mehr, ohne vorher anzukündigen, dass ich stottere", sagt Sommer.

Diese Therapien versprechen Erfolg!

Stottern: Ursachen und Therapie

Zunächst einmal muss klar gesagt werden: Stottern verschwindet nicht von einem Tag auf den anderen. Wenn Sie bereits seit Jahren stottern, kann keine Therapie der Welt Wunder bewirken. Mit Motivation, Training und richtiger Technik erfordert das Erlernen einer flüssigen Sprechweise aber nicht mehr Aufwand und Ausdauer als das Erlernen einer Sportart oder eines Musikinstruments. Und nach einigen Wochen oder Monaten werden Sie Ihr Stottern kontrollieren können.

Folgende Möglichkeiten stehen zur Auswahl:

1. Selbsttherapie

Stotterer sollten immer mit einer Selbsttherapie beginnen. Zum einen ist sie günstig, zum anderen macht sie andere Therapien möglicherweise überflüssig. Bewährt haben sich folgenden zwei Programme:

Die Globale Therapie des Stotterns (Phillip J. Roberts):

Diese Therapie wird Ihnen helfen, das Stottern bei Ihnen zu Hause und in Ihrem Rhythmus zu besiegen. Sie wurde von einem Ex-Stotterer entwickelt, eignet sich für Jugendliche und Erwachsene und umfasst 30 Übungen um das Stottern zu beseitigen. Für die Übungen sollten sich Betroffen jeden Tag 30 Minuten bis eine Stunde Zeit nehmen. Durch die Übungen wird der Stotterer Schritt für Schritt seine Flüssigkeit beim Reden erhöhen und die negativen, zweifelnden Gefühle verändern. Auch Verhaltensweisen, die das Stottern fördern, verändern sich so mit der Zeit.

Understanding & Controlling Stuttering (William D. Parry) ist ein anderes, ebenfalls erprobtes Selbsttherapieprogramm. William Parry hat eine neue Theorie zur Erklärung des Stotterproblems: Demnach wird Stottern durch eine neurologische Verwirrung zwischen der Stimme und dem Valsalva-Mechanismus (eine Muskelgruppe, die wir anspannen, wenn wir uns anstrengen) verursacht. Das Buch gibt dann eine Technik an, mit der das Stotterproblem durch Kontrolle des Valsalva-Mechanismuses behoben wird.

Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass eine Selbsttherapie ausreicht, damit das Reden flüsiger wird. Wenn Sie nach der Selbsttherapie noch immer stottern, sollten Sie auch andere therapeutische Möglichkeiten ins Auge fassen.

2. Elektronische Geräte

Geräte zur Verbesserung des Sprachflusses basieren auf DAF (Delayed Auditory Feedback) (Verzögerte Akustische Rückmeldung) und FAF (Frequency-Shifting Auditory Feedback) (Frequenzverschobene Auditive Rückmeldung). Das elektronische Gerät nimmt Ihre Stimme von einem Mikrophon auf, verzögert den Klang um einen Bruchteil einer Sekunde (im Fall von DAF) oder verschiebt die Frequenz (im Fall von FAF). Dann leitet es Ihre Stimme durch Hörkapseln wieder zurück.

DAF und FAF bedeuten maximale Wirkung bei geringem Aufwand. Mittels eines solchen Geräts können Sie Ihr Stottern meist relativ schnell beheben. Sie sollten aber bedenken, dass DAF und FAF am besten mit einer umfassenden Selbsttherapie für Stottern oder eine andere Therapieform kombiniert werden sollte.

3. Sprech- und Sprachpathologe oder Logopäde

Das Stottern kann auch durch den Besuch eines Sprech- und Sprachpathologen oder eines Logopäden behandelt werden. Dies ist relativ zeitaufwendig und kostet Geld, kann aber auch großen Erfolg mit sich bringen. Eine solche Stottertherapie umfasst nicht nur Atemtraining und Sprechtechnik. Auch das Verhalten wird therapiert und psychologische Ansätze kommen zum Einsatz. Zudem wird die Kommunikation trainiert.

Geeignete Ansprechpartner finden Sie bei der Bundesvereinigung Stotterer-Selbsthilfe e. V.:

Bundesvereinigung Stotterer-Selbsthilfe e.V.

Informations- und Beratungsstelle

Zülpicher Straße 58

50674 Köln

4. Sprachklinik

Verschiedenen Sprachkliniken bieten intensive Therapieprogramme für Stottern an, so beispielsweise die LVR-Klinik Bonn: stottern@lvr.de Sie sollten in jedem Fall sicherstellen, dass die Sprachklinik eine umfassende Therapie bietet, bei der alle Aspekte des Stotterphänomens berücksichtigt werden.

Übrigens: Einige der wichtigsten Persönlichkeiten der Weltgeschichte waren Stotterer. So beispielsweise Winston Churchill, Isaac Newton, Aristoteles oder Marylin Monroe. Das beweist, dass Stotterer erstens in guter Gesellschaft sind und stottern zweitens niemanden davon abhält, ein erfolgreiches Leben zu führen.

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