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Stirbt das gemeinsame Abendessen aus?

Familiäres Ritual: Stirbt das gemeinsame Abendessen aus?
Familienritual: Stirbt das gemeinsame Abendessen aus? © Fotolia

Familien essen seltener gemeinsam zu Abend

Das Abendbrot war früher ein fester Termin für Eltern und Kinder. Dann kamen alle zusammen und es wurde gemeinsam gegessen - jeden Tag zur gleichen Uhrzeit. Doch das familiäre Ritual droht auszusterben. Immer weniger Familien versammeln sich abends noch um den Küchentisch - mit negativen Folgen vor allem für die Kinder, warnen Experten.

Von Heike Elisabeth Schmidt

Es scheint, als sei das gemeinsame Abendessen im Kreise der Familie vom Aussterben bedroht. Als Ursache für diese Entwicklung gelten gemeinhin die längeren Arbeitszeiten vieler Eltern und die Tatsache, dass heute viele Mütter zum Einkommen der Familie beitragen wollen oder müssen und deshalb berufstätig sind.

Freizeit- und Berufsstress statt Abendessen

Familien, in denen beide Eltern erst nach 20 Uhr nach Hause kommen, sind heute keine Seltenheit mehr. Dass dann Zeit und Muße für ein gemeinsames Mahl mit den Kindern fehlen, ist nicht verwunderlich. Häufig bedient sich einfach jeder, nachdem er zu Hause eingetrudelt ist, am Kühlschrank und nimmt ein einsames Mahl - am besten vor dem Fernseher - zu sich.

Auch der wachsende Freizeitstress vieler Kinder ist dafür verantwortlich, dass selbst sie nicht mehr jeden Abend zu einer bestimmten Uhrzeit zu Hause sind. Häufig sieht der Wochenplan eines 12-Jährigen heute so oder so ähnlich aus: Montagabends bis um 20 Uhr Hockey-Training, am Mittwoch Probe der Theater-AG, am Freitagabend Probe des Musikvereins.Häufig sitzen also auch Eltern vorübergehend vereinsamt am Küchentisch.

Doch offenbar wird nicht nur seltener gegessen, sondern auch später: Einer englischen Studie zufolge kam noch vor zehn Jahren das Abendessen durchschnittlich um 17:46 Uhr auf den Tisch. Damals waren von fünf Familienmitgliedern im Schnitt vier beim gemeinsamen Mahl anwesend.

Heute wird im Durchschnittshaushalt erst um 18:22 Uhr zu Abend gegessen. Doch längst nicht bei allen: Ein Viertel der englischen Befragten gab an, dass in ihrer Familie nie zusammen gegessen wird. Die Zahlen für Deutschland sehen nicht ganz so schlecht aus: 78 Prozent aller Deutschen nehmen das Abendessen unter der Woche gemeinsam mit der Familie ein. Doch nur 67 Prozent der Berufstätigen nehmen sich überhaupt Zeit fürs Abendessen. Das heißt: In Familien, in denen beide Eltern berufstätig sind, isst oft jeder allein für sich.

Abendessen ist Teil der Erziehung

Beklagenswert ist das Siechtum des Abendessens in der Familie deshalb, weil es negative Auswirkungen auf die jüngsten Familienmitglieder, die Kinder, hat. Belege dafür lieferte im Jahr 2009 eine amerikanische Studie der Universität von Minnesota, die die Voraussetzungen für gesundes Essverhalten von Kindern und Jugendlichen untersuchte. "Mahlzeiten in der Familie sind gesund" lautete ein wichtiges Ergebnis ihrer Studie: Wer an einem Tisch mit anderen isst, lässt sich mehr Zeit, ernährt sich bewusster und gesünder.

Außerdem beeinflusst das gemeinsame Essen im Kreise der Familie das Essverhalten von Kindern und Jugendlichen langfristig. Kinder, die von zu Hause regelmäßige gemeinsame Mahlzeiten kennen, behalten in ihrem späteren Leben eine gesunde Ernährungsweise bei, zitierte die "Apotheken Umschau" die US-Studie.

Eltermn haben eine Vorbildfunktion

Wie so oft zeigt hier die Vorbildfunktion der Eltern Wirkung, erklärt Monika Niehaus vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte in einem Interview. Kinder, die erleben, dass ihre Eltern sich gut ernähren und sich Zeit dafür nehmen, entwickeln ein Bewusstsein für gutes Essen und Esskultur. Essen in der Familie enthält, das wurde ebenfalls durch Studien belegt, außerdem tendenziell mehr Vitamine und weniger Fett.

Auch wenn es Kindern häufig nicht in den persönlichen Terminplan passt: Feste Essenzeiten verstärken die positiven Effekte des gemeinsamen Mahls, denn sie geben dem Tag des Kindes eine feste Struktur. Zusätzlich lernen Kinder dadurch, sich ihre Zeit einzuteilen. Allerdings sollten Eltern die gemeinsamen Mahlzeiten mit den Kindern auch kommunikativ nutzen und bei Tisch die Erlebnisse des Tages besprechen. Wenn dann noch nährstoffreiches, gesundes Essen dazu kommt, wird aus dem schlichten Abendbrot eine Erziehungsmaßnahme erster Güte.

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