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Stillen oder Fläschchen: Mütter, es ist eure persönliche Entscheidung!

Was, wenn ich nicht stillen kann oder will?
Was, wenn ich nicht stillen kann oder will? Hebamme Franzi gibt Tipps zur Stillzeit 00:01:24
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Ist Stillen gesünder fürs Baby oder darf's auch das Fläschchen sein?

Stillen – dieses friedliche, innige Miteinander von Mutter und Baby, ist wie kaum ein anderes Thema dazu geeignet, die Mütter-Nation böse zu spalten. Vor allem Mamas, die von vornherein nicht stillen wollen, werden gerne als egoistische Büttel der Nahrungsmittelindustrie abgekanzelt. Denn nichts ist gesünder fürs Baby als die Nahrung aus Muttis Brust – so lautet die derzeit vorherrschende Volksmeinung. Nun haben sich wieder zwei Studien mit den Auswirkungen des Stillens auf den späteren gesundheitlichen und auch seelischen Zustand des Kindes auseinandergesetzt. Und kamen zu nicht ganz eindeutigen Ergebnissen. Das mag vor allem Frauen freuen, die von Babys erster Mahlzeit an zur Flasche greifen wollen oder müssen.

Ist Stillen wirklich gesünder und schadet das Fläschchen meinem Baby?
Studien bringen neue Erkenntnisse über das Stillen © picture alliance / Bildagentur-o

Von Ursula Willimsky

Auch wenn die Gesundheit des Babys im Mittelpunkt stehen soll, sei ein kleiner Blick auf die Psyche der Mutter als solches erlaubt. Denn nicht jede empfindet das Stillen als Höhepunkt des kindlich-mütterlichen Zusammenseins. In einem Café durfte ich kürzlich eine Frauenrunde belauschen, bei der es genau um dieses Thema ging: Erst versicherten sich alle gegenseitig, dass sie natürlich gestillt hatten. Schließlich brach es dann doch aus einer der Mütter heraus: Sie hätte zwar gestillt, und zwar die klassischen neun Monate, aber diese tiefe innere Befriedigung, dieses ganz enge Band zum Kind – hätte sie nie gespürt. "Ich hab´s halt gemacht, weil´s so gut fürs Kind ist".

Da schwang ganz viel Bedauern und schlechtes Gewissen mit. Eine Situation, die sehr schön illustriert, unter welchen Druck sich viele Mamas setzen: Es reicht nicht, das scheinbar Beste für das Kind zu wollen und zu tun – nein, man muss es auch gerne und mit ganz viel Liebe machen und dabei gefälligst auch noch Glücksgefühle entwickeln. Prompt bekam ich zwei Tage später gleich das nächste Still-Geständnis mit. Und zwar von einer Mutter, die nach zwei Monaten ("das Baby war einfach nicht sattzubekommen") einfach die Brust ein- und das Fläschchen ausgepackt hatte. Darf man ihren Schilderungen glauben, hätte sie ihr Kleines auch gleich mit einem Schnaps-Amphetamin-Mix füttern können, die Reaktionen des Umfelds wären auch nicht viel heftiger ausgefallen.

Kurz gesagt: die Diskussion um die richtige Ernährung eines Säuglings läuft nicht völlig emotionsfrei ab. Da prallen Lehrmeinungen und Erfahrungswerte aufeinander, Ernährungsdoktrinen müssen sich mit persönlichen Empfindungen auseinandersetzen. Und irgendwo dazwischen sitzen die Mütter, auf die das alles einstürmt. Wer seinem Kind ohne nennenswerte Probleme die Brust geben kann und will, ist da fein raus. Abgesehen von der vielzitierten großen Nähe (siehe oben) hat das Stillen ja auch enorme praktische Vorteile: Wenn man unterwegs ist, hat man immer, wirklich immer, die nächste Mahlzeit dabei. Die Milch ist nie zu heiß oder zu kalt, über die Dosierung muss man sich auch keine Gedanken machen und wenn man Glück hat, klappt´s auch mit dem Abpumpen und man kann recht schnell auch den Kindsvater zu Nachtschichten verdonnern. Außerdem entstehen weder Kosten noch Verpackungsmüll.

Studien bringen neue Erkenntnisse

Experten empfehlen, sich bereits während der Schwangerschaft mit dem Thema Stillen auseinanderzusetzen. Ansprechpartnerinnen können Hebammen sein oder lokale Stillgruppen. Die Freundinnen oder die Frauenärztin (die einen auch in Sachen Milcheinschuss beraten kann, wenn man von vorneherein weiß, dass man nicht stillen will). Die nationale Stillkommission hat zudem ein Faltblatt mit den wichtigsten Informationen und Tipps herausgegeben, das man auch im Internet einsehen kann (http://www.bfr.bund.de/cm/350/stillempfehlungen_fuer_schwangere_deutsch.pdf).

Bei aller Euphorie fürs Stillen und allen Argumenten, die dafür sprechen, sollte aber eines nicht vergessen werden: Es ist und bleibt eine individuelle Entscheidung. Die nicht jede Frau für sich mit einem Ja beantworten kann oder will. Die beiden neuen Studien dürften die Diskussion über Für und Wider Stillen noch einmal anheizen – zumindest nimmt eine Studie in einigen Punkten den Druck von Müttern, die sich für´s Fläschchen entscheiden...

Im Fachblatt “Science Translational Medicine” berichten kalifornische Forscher detailliert über eine Vergleichsstudie bei Rhesus-Affen. Eine Hälfte wurde von ihren Müttern sechs Monate gestillt, die andere bekam die Flasche. Danach wurden die Tiere völlig identisch ernährt. Ergebnis: Die Darmflora der gestillten Äffchen war reich an einer vielfältigen Auswahl an Bakterien. Zudem hatten die Fläschchen-Affen deutlich weniger Helfer-Zellen. Unterschiede, die Auswirkungen auf das Immunsystem und die Anfälligkeit für Auto-Immunerkrankungen haben können.

Die Ergebnisse einer anderen US-Studie (Infant Feeding Practives Study II) gehen manchmal in eine etwas andere Richtung. Diesmal wurden 1.500 Menschenkinder beobachtet. Im Alter von sechs Jahren hatten sechs Prozent von ihnen eine Nahrungsmittel-Allergie entwickelt – egal, ob sie gestillt wurden oder nicht. Wenn andere Familienmitglieder bereits eine entsprechende Allergie hatten, stieg auch das Risiko für die Babys. Nur Stillkinder, die von der Familie kein erhöhtes Risiko mitbekommen hatten, erkrankten etwas seltener, wenn sie gestillt worden waren. Ganz bitter: Besonders viele Allergien bekamen Kinder aus Familien mit hohem Einkommen – oder von Müttern mit einer höheren Bildung. Die Studierten unter den Userinnen können sich also gleich mal eine neue Schlechtes-Gewissen-Facette zulegen.

Die deutsche Leitlinie zur Allergie-Prävention unterstützt aufgrund der aktuellen Datenlage übrigens die Empfehlung "dass für den Zeitraum der ersten 4 Monate voll gestillt werden soll." Die Empfehlung wurde unlängst von sechs auf vier Monate relativiert.

Häufig wird auch ins Feld geführt, dass Stillen die Infektionsanfälligkeit mildert. Die US-Forscher konnten hier nur mit einem Jein antworten. Bei Erkältungen stellten sie überhaupt keine Unterschiede fest. Und auch die Zahl der Lungenentzündungen und Harnwegsinfekte war bei beiden untersuchten Gruppen gleich. Dagegen waren Stillkinder aber seltener von Hals-, Nebenhöhlen- und Mittelohrentzündungen geplagt. In diesem Bereich am gesündesten präsentieren sich die Kinder, die neun Monate oder mehr am Mamas Brust trinken durften.

Ob sie später auch psychisch stabiler waren – darüber erlaubten sich die Wissenschaftler kein Urteil: Zu wenige aussagekräftige Zahlen. Ob der spätere Lebensweg der Kinder nach dem Abstillen mit Marshmallows oder Melonenschnitzen gepflastert ist, hängt aber anscheinend tatsächlich von der Ernährung der ersten Monate ab. Laut der US-Studie aßen Stillkinder mehr Obst und Gemüse und tranken weniger Süß-Zeug. Was aber, so die Forscher, auch daran liegen könnte, dass ihre Eltern nach dem Abstillen stärker auf ihre Ernährung achteten. Der Punkt geht erstmal an die Still-Mütter. Obwohl: Was ins Brei-Schüsselchen und später auf den Teller kommt, das entscheiden ja immer noch die Mütter. Egal, ob sie jetzt gestillt oder das Fläschchen gegeben haben.

Wie ist Eure Meinung? Welche Erfahrungen habt Ihr mit dem Stillen gemacht – auf welche Reaktionen seid Ihr gestoßen, weil Ihr nicht gestillt habt? Schreibt uns!

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