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Stillen: Muttermilch könnte tausende Babys retten

Stillen rettet Leben
Direktes Stillen nach der Geburt erhöht die Überlebenschance © Fotowerk - Fotolia

830.000 Todesfälle könnten durch Stillen vermieden werden

Dass Muttermilch die beste Ernährung für Babys ist, hat sich in Deutschland mittlerweile herumgesprochen: Hier stillen rund 80 Prozent der jungen Mütter ihre Neugeborenen. In Entwicklungsländern hingegen ist die künstliche Säuglingsnahrung auf dem Vormarsch: Laut einer neuen Studie führt das zu 830.000 Todesfällen pro Jahr, die durch simples Stillen verhindert werden könnten.

Von Jutta Rogge-Strang

Stillen ist das Beste fürs Kind - die sogenannte Vormilch (Kolostrum) ist die wirksamste Stütze des Immunsystems, Muttermilch schützt gegen Kinderkrankheiten und Mangelernährung. Durch die aggressive Werbung der Nahrungsmittelkonzerne steigt in den armen Ländern dieser Welt jedoch der Anteil der Mütter, die ihre Neugeborenen künstlich ernähren. Die Folge: 92 Millionen Kinder unter sechs Monaten – also zwei von drei Babys – werden mit künstlicher Nahrung oder mit einer Kombination aus Muttermilch und weiteren Nahrungsmitteln ernährt. Und damit sinkt ihre Überlebenschance!

Laut einer neuen Sudie von 'Save the Children' hat ein Neugeborenes, das innerhalb der ersten Stunde nach der Geburt Muttermilch bekommt, eine drei Mal höhere Überlebenschance als ein Kind, das erst an seinem zweiten Lebenstag gestillt wird. Somit könnten geschätzte 22% der Todesfälle bei Neugeborenen verhindert werden. Damit ist das Stillen der effektivste Weg, Mangelernährung und die Krankheiten zu verhindern, die den Tod von Kindern verursachen können.

Natürlich hat die Babynahrungsindustrie den neuen Markt entdeckt und ist auf Wachstumskurs, dabei ist Asien neben Afrika der größte Wachstumsmarkt - insbesondere in den ärmsten Regionen der ärmsten Länder. In Zahlen übersetzt bedeutet das ein ein Geschäft von knapp 18,7 Milliarden Euro. Da lohnt sich ein bisschen Werbung: Durch aggressives Marketing, wie die Abbildung von wohlgenährten weißen Babys auf Werbeanzeigen, vermitteln die Säuglingsnahrungshersteller, dass ihre künstliche Babymilch der Muttermilch mindestens gleichwertig ist. Durch kostenlose Proben (in Deutschland übrigens verboten) werden sowohl das Pflegepersonal als auch die jungen Mütter an die künstliche Babynahrung gebracht.

In China und in einigen der bevölkerungsreichsten Länder Afrikas wie Äthiopien oder Nigeria ist die Still-Quote mittlerweile rückläufig. Dabei ist es für junge Mütter eben auch eine Herausforderung, nach der Geburt überhaupt die Möglichkeit zum Stillen zu haben. Fehlender Mutterschutz zwingt die Frauen dazu, unmittelbar nach der Geburt wieder zu arbeiten. Das erschwert das wichtige Stillen gerade in den ersten Monaten.

Wie ist der Umgang mit Stillen in anderen Ländern?

In Deutschland hingegen wird gerne gestillt: Im Jahr 2005 bekamen 81,5 Prozent der Neugeborenen ihre Muttermilch. Das sagt allerdings nichts über die Dauer aus: Denn schon nach zwei Monaten nahm die Zahl der gestillten Babys rapide ab. Und was passiert eigentlich, wenn es mit dem Stillen nicht klappt? Natürlich artet das in Deutschland schnell wieder in Psychoterror aus: Viele Mütter, die nicht stillen können, leiden unter dem Gefühl, versagt zu haben.

Seit die Weltgesundheitsorganisation WHO 1981 einen internationalen Kodex zur Vermarktung von Muttermilcheratzprodukten verabschiedet hat, darf es in Deutschland für künstliche Säuglingsnahrung keine Werbung mehr in der Öffentlichkeit geben, Firmen dürfen keinen direkten Kontakt zu Müttern aufnehmen, keine Proben verschicken, keine Rabatte einräumen. Allerdings räumen Experten ein, dass die Ersatzmilch in den vergangenen Jahren immer besser geworden ist.

Fest steht, dass Muttermilch nicht wirklich künstlich ersetzt werden kann. In den Industrienationen steigt daher ihr Wert. In den USA boomt der Handel mit Muttermilch vor allem für Frühchen. In Frauenmilchannahmestellen, auch Milchbanken oder Milchküchen genannt, wird überschüssige Muttermilch gesammelt, die zum Wegschütten viel zu schade wäre und gespendet wird - oder mittlerweile eben auch verkauft werden kann.

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