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Stiefmutter: Ersatzmama für die Kinder des Partners?

Stiefmütter haben es nicht leicht
Stiefmütter haben es nicht leicht Tipps für eine harmonische Patchwork-Familie 00:03:54
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Böse wie im Märchen oder echter Mutter-Ersatz?

Im Märchen sind sie die Miststücke, im wahren Leben vegetieren sie in einer lichtarmen Nische des Familiengefüges zwischen allen Stühlen vor sich hin. Ihr Ansehen schwankt abhängig von Launen, Kochkunst und Fahrbereitschaft meist irgendwo zwischen Fußabtreter, Kammerzofe und Haustier. Sie hat im Schnitt eine Busladung Pflichten, aber ihr einziges Recht ist das Recht zu Schweigen, denn: „Du hast mir gar nichts zu sagen!“ (Du hast mir still und demütig den Arsch hinterher zu tragen...) Ich muss hier einen persönlichen Einschub machen: Ich bin selbst Stiefmutter - aber eine Ausnahme, denn ich habe diesen Satz nie gehört.

Stiefmutter: Ersatzmama für die Kinder des Partners?
Stiefmutter: Ersatzmama für die Kinder des Partners © Monkey Business - Fotolia, Monkey Business Images

Von Karla Steuckmann

Meine Stieftöchter sind eine große Bereicherung für mein Leben. Bei uns lief es gut, aber genau deshalb haben sich viele "Leidensgenossinnen" bei mir ausgeweint - und das ist wörtlich gemeint. Eine Stiefmutter, die Glück hat, wird anfangs mit offenen Armen und hungrigen Blicken empfangen: Endlich hat Papa jemanden gefunden und zwar eine, die hoffentlich Vielfalt in den eintönigen Wochenend-Speiseplan aus Fertigpizza und Milchreis bringt. Womit das erste Problem da wäre, denn keine kocht wie Mama, besonders keine Stiefmutter. Durch das Nörgeln über das fremdgekochte Essen drücken Kinder ihre Loyalität zur leiblichen Mutter aus. Der Geschmack ist Nebensache, verletzen wollen sie damit niemanden. Wer hier schon verzweifelt, braucht bessere Nerven - da muss man durch mit Pokerface. Oft hilft es, sie mitkochen zu lassen. Nach ca. anderthalb bis zwei Jahren hört das auf, spätestens, wenn sie sich selbst versorgen müssen, kommen sie mit Anlauf zum Essen.

Patchwork-Mama: Stiefmutter oder Stiefmagd?

Wenn an der Nahrungsfront Ruhe ist, geht meist die "Haustier-Phase" los: Eine Stiefmutter ist wie ein Welpe oder ein Babykätzchen unterm Weihnachtsbaum. Am Anfang neu und aufregend, manchmal kann man damit sogar ein bisschen angeben, aber mit der Zeit wird der Neuling lästig und langweilig: Will auch Gassi gehen, gefüttert, gebürstet, beachtet werden, wenn man gerade keinen Bock drauf hat. Wer jetzt, um Stress zu vermeiden, klein beigibt und seine Bedürfnisse verleugnet, hat verloren. So wird man zur "Stiefmagd", die für Wäsche, Toiletten und Catering zuständig ist, aber nicht mal bei der Wahl des Urlaubsziels ein Mitspracherecht hat. Hier sollte die Stiefmutter Mut zur Ähnlichkeit mit der "bösen" Märchenfigur haben und selbstbewusst konsequent den Alltag auch gegen Zickereien und Widerstand gestalten. Papas Zuhause ist schließlich kein Hotel und auch Patchwork-Familienleben ist kein Wunschkonzert. Auch leibliche Mütter werden manchmal "gehasst", sind auch oft genervt und Kinder geben ihnen hart Kontra, aber bei denen ist das normal.

Wir hingegen verzweifeln gleich und hinterfragen uns. Viele "Next" wollen so sehr nicht dem Klischee entsprechen und gut ankommen, dass sie sich konfliktunfähig machen. Dabei kommen unangenehm verzogene Taktierer raus: "Was ich bei Mama nicht darf, krieg ich beim "Bespaß-Papa" und meinem Stiefsandsack." Wenn sich alle Erwachsenen einigermaßen richtig verhalten, ist "Stiefmutter sein" und "Stiefmutter haben" für alle Beteiligten eine Bereicherung.

Stiefkinder als Trennungsgrund?

Wenn man Pech hat, gerät man an eine ein "böse (H)Ex(e)", die über die Kinder die Partnerwahl des Mannes manipuliert. Da werden Kleinkinder tränenreich verabschiedet, weil "Mama jetzt so traurig ist, wenn du bei Papa und dieser komischen Frau schläfst". Schulkinder werden wie Spione zum Ausspähen der Gegnerin eingesetzt, Teenager werden instrumentalisiert, damit bei jedem Wochenendumgang ein Grabenkrieg ausbricht. Dann hat man fast keine Chance. Wenn die Liebe zum Mann belastbar und riesig ist, hält man das in getrennten Wohnungen vielleicht aus. Meistens scheitern zweite Ehen oder Partnerschaften genau daran.

Allerdings auf beiden Seiten, denn so was kommt zurück, wie Rotz bei Gegenwind. Hat ein Kind einmal erfahren, dass es Macht über die Partnerwahl des Vaters hat, dann wird es diese Fähigkeit auch beim neuen Partner der Mutter einsetzen. Insgesamt ist die "böse" Stiefmutter ein Märchen, bis auf wenige unrühmliche Ausnahmen, für die ich mich fremdschäme. Stiefmütter haben - selbst wenn es optimal läuft - selten ein ausgeglichenes Rechte und Pflichten-Konto. Für alle Stiefmütter, die aktuell in einer Patchwork-Krise kreisen, habe ich einen Trost: Die Zeit ist auf unserer Seite, Stiefoma gibt es nicht - die Enkel werden irgendwann keinen Unterschied mehr machen. Habt Geduld!

So werden Kinder Sie als Stiefmutter lieben

Neun Tipps für alle Frauen, die Stiefkinder haben oder bald zur Patchwork-Mama werden.

Misch dich nicht in grundsätzliche Erziehungsangelegenheiten ein: Über Basics wie Schule, religiöse Bildung, welcher Sport, Impfungen, Haarlänge, Klamotten, TV - und PC - Konsum etc. entscheiden die Eltern.

Misch dich ein, wenn es deinen Alltag betrifft: Hausordnung, Umgangston, gemeinsam Urlaubziele etc. gehen dich was an und hier darfst du mitreden, auch wenn du dafür den "Stiefmutter-Oscar" aberkannt bekommst.

Diskutiere niemals mit deinem Partner Erziehungsangelegenheiten vor den Kindern. Legt wesentliche Eckpunkte im Zweiergespräch fest, am besten gemeinsam mit der Mutter. Bei älteren Kindern ist es sinnvoll, Grundsätzliches in einer Familienkonferenz zu beschließen.

Ziehe nicht über die Mutter her, nie! Ziehe auch nicht über den Vater her - behalt es für dich vor den Kindern.

Schleime dich nicht ein, dein Stiefkind ist weder deine Freundin, noch deine Schwester und schon gar nicht dein Kumpel. Du bist in einer Art Elternrolle, ansonsten kannst du keinen Respekt erwarten.

Nimm Streit und Widerspruch nicht persönlich und wenn doch: Lass es dir nicht anmerken und bete dir vor, dass Kinder immer gegen Eltern opponieren. Das ist Teil ihres Jobs und damit zeigen sie, dass sie dich akzeptieren und sich deiner Zuneigung sicher fühlen. Denn nur wer weiß, dass er nicht "verstoßen" wird, traut sich zu streiten.

Du bist die Erwachsene, buhle nicht in Konkurrenz zum Kind um die Aufmerksamkeit des Vaters. Das ist unwürdig und führt zu nichts außer Streit.

Sei nicht nachtragend, setze das Konto des Kindes jeden Morgen auf Null, gib ihm jeden Tag eine neue Chance, es gut zu machen, denn: Du bist die Erwachsene und so lernen Kinder leben.

Ein Wort an die Väter: Fallt euer neuen Partnerin nie in den Rücken, stärkt sie und schafft kindgerechte klare Verhältnisse. Es muss unstrittig sein, dass und was die Stiefmutter zu sagen hat.

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