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Sternenkinder: So erleben Eltern eine Fehlgeburt

aus Sternenkindern werden Menschen
Sternenkinder dürfen nicht vergessen werden. © picture alliance / dpa, David Ebener

Aus Sternenkindern werden Menschen

Das Tabuthema Fehl- und Totgeburt lässt betroffene Eltern oft auf eine Wand von Unverständnis treffen. Sogar unsere Sprache bleibt "sprachlos", denn es gibt noch nicht mal ein Wort für diesen Zustand. Was sind Eltern, die ein Kind verloren haben? Die Bezeichnung Witwe, Witwer oder Waise passen nicht. Eltern, die ein Kind in der Schwangerschaft verloren haben, kämpfen jedoch mit noch viel mehr Umständen: Es geht um die Anerkennung rechtlicher Art, über Mutterschutz bis zum Recht auf eine Beerdigung.

Die Gesetzesänderung der Personenstandsverordnung war lange überfällig. Erst durch eine Petition, die eine Familie ins Leben gerufen hat, hat sich etwas verändert. Kinder, die tot geboren werden und über 500 Gramm wiegen, wurden schon vor der Gesetzesänderung in das Personenstandsregister eingetragen. Es gab offiziell einen Namen und einen Totenschein. Das Ziel der Petition war, dass das Gewicht für die offizielle Anerkennung als Mensch keine Rolle mehr spielt. Nun ist es so, dass auf Wunsch der Eltern beim Standesamt eine Bescheinigung für die Existenz seines toten Kindes beantragt werden kann, wenn es unter 500 Gramm gewogen hat.

In einer umfassenden Studie hat sich Heike Obermüller mit den Erlebnissen von Müttern und Vätern auseinandergesetzt, die eine Fehlgeburt erlebt haben. Sie hat Eltern befragt, welche Auswirkungen die Neuregelung des Personenstandsgesetzes von 2013 auf die Eltern hat? Was sich wirklich geändert hat und wie sie das Gesetz finden? Ist es ihnen ein Trost? Was haben sie dazu zu sagen?

Wie kamen Sie auf ein Thema, dem die meisten Menschen mit Bestürzung und gleichzeitigem Verdrängung begegnen?

Heike Obermüller: "Ich selbst habe zwei Kinder durch eine Fehlgeburt verloren. Dann hörte ich von der Petition und mich interessierte, warum Eltern so trauern und wie sich die Änderung des Gesetzes auf ihre Trauer auswirkt."

Warum beschränken Sie Ihre Fragen auf Kinder mit einem Geburtsgewicht unter 500 Gramm?

Heike Obermüller: "Da sich das Gesetz mit Kindern unter 500 Gramm auseinandersetzt, wollte auch ich meine Arbeit darauf beschränken. Das Thema ist so umfassend, dass eine Eingrenzung notwendig war."

Für Außenstehende ist es vielleicht nur eine Formalität - warum ist es Betroffenen so von Bedeutung, dass eine Fehlgeburt einen rechtlichen Anspruch auf Existenz in Form einer Urkunde hat? Was steckt dahinter?

Heike Obermüller: "Heute ist die Bindung zu den eigenen Kindern viel enger, als sie es in der Vergangenheit je war. Familienplanung wird viel bewusster gemacht, und in psychologischen Studien wurde klar, dass eine Bindung zum Kind schon ab dem Gedanken an dieses entsteht. Also schon vor dem eigentlichen Zeitpunkt der Entstehung. Und Trauer ist nach Jahren genauso schlimm, wie nach zwei Wochen."

Endlich dürfen sie Eltern sein

Was ist nach einer Fehlgeburt, außer der eigenen Trauer, am schwierigsten für Eltern?

Heike Obermüller: "Sie werden als Eltern nicht ernst genommen. Niemand spricht sie auf ihr Kind an. Besonders schlimm ist die Unwissenheit des Klinikpersonals. Ärzte, Schwestern und Pfleger sind völlig ungeschult. Eine Fehlgeburt unter 500 Gramm ist im Klinikalltag pathologischer Abfall, und das bekommen Eltern in dieser Situation zu spüren. Oft folgt ein Kampf um die Bestattung. Eltern fehlt es in dieser Situation ganz besonders an Informationen. Sie sind von Rechts wegen keine Eltern, somit steht Müttern zum Beispiel kein Mutterschutz zu, sie haben, trotz des schlimmen Erlebnisses Wartezeiten bis zu sechs Monaten, um ein psychologisches Gespräch zu erhalten oder eine Therapie zu beginnen. Gleichzeitig werden sie im Krankenhaus gemeinsam mit frischgebackenen Eltern auf der Neugeborenenstation untergebracht, liegen neben glücklichen Müttern im Zimmer.“

Sie wollten in Ihrer Umfrage von den Eltern wissen, welche Reaktionen des Umfeldes sie am meisten verletzt haben. Was waren die Antworten?

Heike Obermüller: "Schlimm sind Bezeichnungen wie Zellklumpen, Abort oder Leibesfrucht. Auch Aussprüche von Freunden, Verwandten, Bekannten und Kollegen können Eltern sehr verletzen. Sätze wie ‚Du bist doch noch jung‘ oder ‚Dann war es bestimmt krank‘ sind als Trost völlig ungeeignet. Ich kann Menschen nur raten, ihre Hilflosigkeit ruhig zuzugeben, das tröstet wesentlich mehr und Eltern fühlen sich damit nicht so alleingelassen."

Gibt es, nach Ihrem Ermessen, ausreichend Hilfen für Eltern in dieser schrecklichen Situation? Was raten Sie?

Heike Obermüller: "Hier kann ich nur an die Politik appellieren. Es ist dringend notwendig, eine Fachstelle zur Betreuung von Eltern nach dem Tod und Fehlgeburt eines Kindes einzurichten. Denn zurzeit gibt es nichts in dieser Art. Eltern bleibt nichts anderes übrig, als sich mühsam die Informationen selbst zusammen zu suchen. Es gibt zwei Vereine, die sich diesem Thema gewidmet haben: ‚Leere Wiege‘ und ‚Initiative Regenbogen‘ sind Anlaufstellen, bei denen Eltern Infomaterial erhalten, ebenso wie diverse Foren, in denen Eltern auf Unterstützung hoffen können. Auf Seiten von Ärzten und Kliniken ist die Aufklärung katastrophal."

Sollte man sich schon in der Schwangerschaft mit diesem Thema auseinandersetzen oder geht das dann doch zu weit?

Heike Obermüller: "Das geht zu weit, denn das würde nur Angst machen. Und das ist ebenfalls ein Grund, warum eine Broschüre so dringend notwendig wäre, die im Falle eines Falles die erste schnelle Aufklärung bieten könnte."

Erleben Eltern die Änderung des Gesetzes als spürbar?

Heike Obermüller: "Ja, Eltern haben durch den Erhalt einer Urkunde, bzw. eine Bescheinigung etwas in ihren Händen, das ihnen hilft mit ihrer Trauer umzugehen. Sie können sagen: ‚Hier guck, hier war ein Kind‘. Diese Möglichkeit, dieser Beweis ist vielleicht das einzig Sichtbare, das auch anderen diesen Verlust vermitteln kann."

Was würde den Eltern helfen, den Verlust ihres Kindes durch Fehlgeburt noch besser zu verarbeiten?

Heike Obermüller: "Das ‚Totschweigen‘ zu verhindern ist wichtig. Der Raum zu trauern ist oft nicht vorhanden. Ganz schlimm für Eltern ist die Tatsache, dass sie die zehn Euro Zuzahlung pro Tag leisten müssen, da eine Fehlgeburt nicht als Entbindung zählt. Und dabei geht es überhaupt nicht ums Geld, sondern um die Aberkennung ihrer Elternschaft. Ebenfalls als unhaltbar empfinde ich den Zustand, dass Sammelbestattungen, die von Krankenhäusern ein- bis zweimal pro Jahr für Sternenkinder durchgeführt werden, so gut wie nie den betroffenen Eltern angekündigt werden. Niemand scheint es für wichtig genug zu halten, die Eltern dieser verstorbenen Kinder einzuladen. Das alles sind Dinge, die es den Eltern leichter machen würden, mit ihrer Trauer um ein gestorbenes Kind umzugehen. Sie selbst können durch Erinnerungen, einen Fuß- oder Händeabdruck, vielleicht ein Foto, die Erinnerung an das Kind erhalten und sich damit für später rüsten, wenn es nichts gibt, dass an ein echtes, lebendes Kind erinnert. Auch hier wäre das Krankenhauspersonal wieder gefragt, denn Eltern sind in diesem Moment des Schocks oft nicht in der Lage an solche Dinge zu denken. Die Namensgebung ein weiterer wichtiger Punkt, Kinder werden dadurch personalisiert. Wenn man das Geschlecht nicht weiß, kann ja auch ein geschlechtsneutraler Name bestimmt werden. Auf jeden Fall gibt es viele Möglichkeiten, Eltern in dieser Situation besser zu helfen und ich werde mich weiter mit Engagement daran begeben, dass sich etwas tut."

Unter der Mail-Adresse 'Sternenkinder-Umfrage@t-online.de' können die Ergebnisse der Studie angefordert werden.

Das Interview führte Amelie von Kruedener

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