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Sterbebegleitung: Sterben und Tod sind mein Hobby

Sterbebegleitung: Sterben und Tod sind mein Hobby
Amelie von Kruedener begleitet in ihrer Freizeit Sterbende.

Menschen beim Sterben zu begleiten ist besser als ein Kochkurs

Ich hätte auch einen Kochkurs belegen können. Meine Umwelt hätte damit sicherlich weniger Probleme gehabt, als mit meiner Ausbildung zur Sterbebegleiterin.

Amelie von Kruedener

Das Thema Tod war für mich schon immer äußerst präsent. Schon mit fünf Jahren fragte ich meinen damals 67-jährigen Vater, wann er denn sterben würde. Ich weiß noch, wie aufgeregt ich war, und wie lange ich mich gefragt habe, wie man so etwas am besten fragt. Da mir nichts Besseres einfiel, bin ich einfach mit der Frage herausgeplatzt. Seine Antwort, dass ich dann schon erwachsen sein würde, hat mich damals ein wenig beruhigt. Viele Jahre später habe ich meine Mutter beim Sterben in meinem eigenen Schlafzimmer, das mein Mann und ich dafür freigeräumt hatten, begleitet. Mir wurde klar, wie wichtig es für alle Beteiligten ist, gut sterben zu können. Das war für mich der Schlüsselmoment für meine neue Leidenschaft, das Sterben.

Frau Habermann kannte ich nicht, und doch saß ich an ihrem Bett und wartete darauf, dass sie sterben würde. Es war nicht meine erste Sterbebegleitung, aber eine, an die ich mich noch sehr gut erinnere. Sie war ganz alleine, lag in einem modernen Zimmer in einem Altenheim. Es war sauber und die Schwestern hatten eine Blume in eine Vase gestellt. Meine Koordinatorin hatte mich zu diesem Einsatz gerufen. Frau Habermann habe keine Angehörigen und es wäre schön, wenn jemand in ihren letzten Stunden bei ihr sein könnte.

Nicht jeder Sterbende empfindet Berührung als angenehm

Nun saß ich also da, schaute der alten Dame zu, wie sie an ihrer Bettdecke kratzte und dann immer wieder glatt strich. Manchmal griff sie ins Leere. Es war ein sehr einsamer Moment und ich überlegte, ob ich ihre Hand nehmen soll. Das ist es doch, was man tun muss, die Hand halten. In einem der Weiterbildungsseminare, die wir "Hospizler" immer wieder wahrnehmen, wurde ich aber eines besseren belehrt. Nicht jeder empfindet die Berührung eines anderen Menschen als angenehm, man soll einem Sterbenden nicht einfach so auf die Pelle rücken. Im Fall von Frau Habermann hatte ich das Gefühl, dass es besser ist, sich einfach nur neben ihr Bett zu setzen. Ihr Brustkorb ging auf und ab, manchmal war ihr Atem ein bisschen röchelnd, dann machte ihre Lunge merkwürdige brodelnde Geräusche, dann wieder atmete sie so leicht und leise, dass ich mich zu ihr beugte, um zu hören, ob sie noch lebt.

Ich habe mehrere Stunden an ihrem Bett gesessen, ohne dass etwas passiert ist. Ich saß nur da. Ob sie ein netter Mensch war oder eine verbitterte alleinstehende Frau, die ihren Nachbarn das Leben zur Hölle machte, wusste ich nicht. Und trotzdem war es gut, dass jemand ihr Leben wichtig genug nahm, bei ihr zu sein.

Frau Habermann war nicht, wie die meisten Menschen, die vom Hospiz stationär oder ambulant begleitet werden, an Krebs erkrankt. Sie war einfach am Ende ihres Lebens angelangt. Es roch in ihrem Zimmer ein bisschen muffig. Der Tod riecht nicht immer gut, manchmal stinkt er zum Himmel. Es sind meist die Tumore, die einem schon mal die Luft zum Atmen nehmen. Oft habe ich mir Pfefferminzöl oder Parfum auf ein Halstuch gesprüht, damit ich es besser aushalten kann.

Am folgenden Tag wollte ich eigentlich mit meinen beiden Kindern ins Schwimmbad fahren, bin dann doch noch mal hin, zum Altersheim. Es war ein sehr kurzer Besuch, denn die mir so fremde, und trotzdem anvertraute Frau Habermann war kurz zuvor verstorben. Sie lag noch in ihrem Bett und ich durfte zu ihr hinein, um mich zu verabschieden. Aber was sagt man einer Toten? Tschüss, war schön, dich noch getroffen zu haben, alles Gute? Etwas Passendes fiel mir nicht ein, und so warf ich einfach einen Blick auf ihr Gesicht und ging wieder aus dem Zimmer. Das Schwimmbad wartete.

Was sind die Aufgaben der Sterbebegleitung - lesen Sie weiter auf Seite 2.

Ein Sterbebegleiter ist keine Haushaltshilfe

Sterbebegleitung muss nicht nur traurig sein.
Die größte Herausforderung in der Sterbebegleitung ist das Aushalten. © dpa, Oliver Berg

In der Sterbebegleitung geht es darum, Menschen in ihren letzten Tagen und Stunden vor ihrem Tod zu unterstützen. Die größte Herausforderung ist jedoch oft "nur" das da sein.

Als ehrenamtlicher Hospizhelfer unterstützt man Patienten und Angehörige, manchmal auf Palliativstationen, im stationären Hospiz oder zu Hause. Ein Sterbebegleiter pflegt nicht und ist auch keine Haushaltshilfe. Das muss man beim ersten Besuch schon mal mit deutlichen Worten klarstellen. Ich habe in meinen Begleitungen auch schon Karten gespielt oder Kochrezepte ausgetauscht. Man begleitet einen Sterbenden in den letzten Lebenstagen und -stunden, manchmal auch monatelang. Bei Bedarf übernimmt man eine Nachtwache, dann, wenn die Sterbephase wirklich eingetreten ist und Angehörige entweder nicht vorhanden oder überfordert sind. Das sind kostbare, sehr intime Momente, die ich für nichts in der Welt eintauschen würde.

Natürlich geht es in der letzten Phase des Lebens auch darum, Schmerzen und andere Nebenwirkungen von Krankheit und Medikamenten so erträglich wie möglich zu machen. Das jedoch ist nicht meine Aufgabe als Begleiterin, ich kann nur an geschultes Personal verweisen. (In dem Hospizverein, in dem ich arbeite, gibt es mehrere Experten, die in diesen Situationen weiterhelfen können. Sie beantworten Fragen zu Medikamenten, Ärzten und Therapien. Sie wissen genau Bescheid, welcher Pflegedienst der richtige sein könnte und welche Hilfsmaßnahmen das Leben noch erleichtern würden. Sie können Hilfestellung und Beratung bei Patientenverfügungen und Vorsorgevollmachten geben. Sie sind mein Back-up, wenn ich an meine Grenzen stoße.)

Die größte Herausforderung ist jedoch das Aushalten, ohne in Aktionismus zu verfallen. Gleichzeitig ist es das größte Geschenk, das man einem Menschen machen kann. Als Sterbebegleiterin bin ich bereit, auch in verzweifelten Situationen einfach nur da zu sein. Auszuhalten, dass es keine Lösung gibt. Etwas, das der Freund oder Partner kaum ertragen kann. Auch für Angehörige ist ein Sterbebegleiter eine wichtige Stütze. In manchen Begleitungen haben mich die Lebenspartner oder Kinder viel mehr gebraucht, als der Sterbende selber.

"Dann weine ich eben, na und?"

Sobald ich jemanden von meiner ehrenamtlichen Tätigkeit erzähle, erstarren die Meisten in Ehrfurcht. Sagen, dass Sie diese Arbeit niemals tun könnten. Ob man das nicht immer mit nach Hause nehmen würde. Sprechen von Traurigkeit und ob man es denn aushalten könne mit dieser Traurigkeit umzugehen.

"Ja, man kann es aushalten!" Und es ist gar nicht so schlimm. Natürlich weine ich ab und zu, oder habe Mitleid mit einem kranken und sterbenden Menschen oder der Schwester, dem Kind, dem Ehemann, dem Angehörigen, der zurückbleibt. Na und, dann vergieße ich halt ein paar Tränen - nach dem Weinen kann ich ja auch wieder fröhlich sein. Anschließend kann ich meinem eigenen Leben oft wieder mit viel mehr Demut begegnen, den Sonnenschein, das knisternde Herbstlaub oder die Spinne im funkelnden Netz genießen. In solchen Momenten weiß ich, wie schön unser Leben ist. Dass wir versuchen sollten, jeden Moment auszukosten. Eine banale Kalenderweisheit, die mir meine Arbeit jedoch immer wieder vor Augen führt.

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