Der Zusammenbruch der Eurozone ist keine Alternative

12.09.12 10:33
ESM, Eurokrise, Lothar Keller
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RTL-Chefkorrespondent Lothar Keller aus Berlin

Nichts beschäftigt die Nation so sehr wie die Eurokrise – drei Viertel der Deutschen sagen, sie sei ihre größte Sorge. Das ist verständlich. Ungeheure Summen machen die Runde, mit 190 Milliarden haftet Deutschland für Hilfe aus dem Euro-Rettungsschirm ESM – mindestens. Es könnte noch mehr werden, fürchten jene Kritiker, die auch deswegen gegen den ESM beim Bundesverfassungsgericht klagen.

Derzeit sind die Deutschen allerdings die Einzigen in Europa, die sich über die Krise Sorgen machen, obwohl sie bei Ihnen noch gar nicht angekommen ist.

Die deutsche Wirtschaft hat den Einbruch von 2009 wieder aufgeholt – in Spanien, Portugal und Griechenland schrumpft sie weiter. Die Arbeitslosigkeit in Deutschland hat sich seit 2006 fast halbiert – in Irland zum Beispiel hat sie sich verdreifacht. In allen Krisenländern müssen die Menschen drastische Lohn- und Rentenkürzungen verkraften, während die Steuern ebenso drastisch steigen – nichts davon bei uns.

Wir stehen am besten da – und müssen uns dafür keine Vorwürfe machen lassen. Die deutschen Arbeitnehmer haben sich jahrelang mit bescheidenen Lohnsteigerungen zufrieden gegeben. Gewerkschaften und Arbeitnehmer haben gemeinsam mit Kurzarbeiterregelungen dafür gesorgt, dass der Konjunktureinbruch nicht zu Entlassungen geführt hat.

Unser System der Berufsausbildung in Betrieb und Berufsschule bringt hochqualifizierte Mitarbeiter hervor. Und wer sich im Ausland ärgert über die starke deutsche Exportwirtschaft, der muss sich fragen lassen: Hat Euch jemand gezwungen, deutsche Autos oder Maschinen zu kaufen? Oder kauft Ihr sie, weil Ihr selbst nichts Gleichwertiges herstellen könnt?

Wir sind stark, weil wir rechtzeitig die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft gestärkt haben. Das haben viele andere europäische Staaten nicht getan. Es ist schmerzhaft, wenn sie das jetzt nachholen müssen. Und manch einer zeigt dort lieber mit dem Finger auf Deutschland, statt die eigenen Fehler der letzten Jahrzehnte einzugestehen.

Deutschland kann also in der Eurokrise selbstbewusst auftreten. Doch der Grat zwischen Selbstbewusstsein und Überheblichkeit ist schmal.

Denn auch wenn wir in Deutschland die Grundlage selbst dafür gelegt haben, dass die Krise uns derzeit nicht so hart trifft: Es ist kein Erfolg im luftleeren Raum. Deutschland ist IN Europa so stark, und zu einem großen Teil WEGEN Europa und wegen des Euro. Und je größer die Krise der Eurostaaten wird, umso stärker wird sie auch uns treffen.

Nur das vereinte Europa kann sich gegen China und Indien behaupten

So beängstigend die Milliardenrisiken sind, die wir für die Eurorettung eingehen: Wir sollten nicht glauben, dass wir uns vor dem Ende des Euro weniger Sorgen machen müssten. Niemand kann genau vorhersagen, welche Folgen ein Auseinanderbrechen der Währungsunion hätte. Sicher ist: Es wird nicht einfach alles wieder so sein wie in den alten D-Mark-Zeiten – die im Übrigen auch nicht immer gut waren.

Die Kosten eines Euro-Aus sind nicht so leicht in konkrete Zahlen zu fassen wie die Risiken der Rettungsschirme, aber sie könnten weit höher sein als die der Euro-Rettung. Wie sehr unser Erfolg von Europa und der gemeinsamen Währung abhängt, wird in der Krise leider gerne übersehen.

Dabei geht es nicht nur um Exportzahlen.

So ist völlig in Vergessenheit geraten, welche historische Leistung die EU nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Ostblocks vollbracht hat. Polen, Tschechen und Slowaken, Ungarn und Balten: Alle standen vor den Trümmern ihrer Planwirtschaft und ihres politischen Systems. Verarmung, Flüchtlingsströme, vielleicht Bürgerkriege in unserer direkten Nachbarschaft hätten gedroht – wäre da nicht die Europäische Union gewesen.

Mit der finanziellen Hilfe der EU, aber auch dem Know-how aus Wirtschaft, Politik und Verwaltung haben die Osteuropäer es geschafft. Einige dieser Staaten sind heute Vorbilder für Westeuropa, was Schuldenstand oder Wirtschaftswachstum angeht. Damit sind sie auch wichtige Absatzmärkte für unsere Waren geworden. Die Hilfe war gut investiert.

In der Zukunft drohen Europa andere, aber kaum weniger große Herausforderungen: Die Energieversorgung, der Umweltschutz, und vor allem die Globalisierung. Das vereinte Europa tut sich, uneinig wie es oft ist, schon schwer gegen China, Indien oder Russland. Doch da hilft nur, die Einigkeit zu stärken – als einzelne Staaten wären alle verloren, auch wir Deutschen.

Deshalb drängen wir die kriselnden Staaten Europas zu Recht, ihre Finanzen und ihre Wirtschaft in Ordnung zu bringen, um nicht das ganze System zu gefährden. Aber wir helfen ihnen auch aus gutem Grund, die jetzige Finanzkrise zu überstehen. Wir tun es nicht aus Barmherzigkeit, sondern aus eigenem Interesse. Tun wir es nicht, strafen wir nicht nur die Griechen oder die Spanier, sondern auch uns selbst.

Niemand weiß derzeit sicher zu sagen, welchen Preis wir am Ende für den Rettungsschirm ESM oder die Maßnahmen der Europäischen Zentralbank zahlen müssen. Doch richtig angewandt, eröffnen sie zumindest die Chance, Europas Einheit zu bewahren. Wer diese Hilfen stoppen will, muss deshalb sagen, was er stattdessen vorschlägt.

Der Zusammenbruch der Eurozone jedenfalls ist keine Alternative, die wir uns wünschen sollten.

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