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Starke Mädchen - schwache Mädchen: So leiden sie unter Perfektionsdruck

Starke Mädchen - schwache Mädchen: So leiden sie unter Perfektionsdruck
© Zlatan Durakovic - Fotolia, Zlatan Durakovic

Von Mädchen wird viel erwartet: Stark sein, erfolgreich sein, nicht versagen

Mädchen sollen es heutzutage doch nicht so leicht haben, wie viele dachten. In jüngster Zeit wurde doch öfter bemängelt, das deutsche Erziehungssystem sei weiblich dominiert, die Jungen kämen dabei zu kurz. Doch nun hat eine Psychologin ein 'Mädchenbuch' verfasst, in dem sie die Probleme darstellt, mit denen die neuen, starken Mädchen zu kämpfen haben.

Von Christiane Mitatselis

Die Autorin Elisabeth Raffauf wollte mit ihrem 'Mädchenbuch', wie sie im Interview mit der 'SZ', erklärte, nicht ausdrücken, es gehe "Mädchen schlecht". Es gehe ihnen "aber auch nicht so gut, wie es von außen den Anschein hat."

Raffauf arbeitet als Psychologin in einer Kölner Erziehungsberatungsstelle, sie beruft sich auf Erfahrungen in ihrer Praxis und als Mutter. Von außen wirke es oft so, als müsse man sich um die starken Mädchen keine Sorgen machen. Sie litten jedoch in Wahrheit häufig unter "unheimlichen Perfektionsdruck".

Raffauf weiter: "Früher war es so: Mädchen mussten schön sein und Jungen cool. Heute sollen Mädchen schön und cool sein." Manches Mädchen zerbreche innerlich daran, "in allem brillieren zu müssen." Und keine Schwächen zeigen zu dürfen, sie richteten Aggressionen deshalb oft nach innen, gegen sich selbst.

Raffauf beschreibt ein Phänomen, das man auch als Konsequenz des Fortschritts betrachten kann. Früher waren Mädchen oft unglücklich, weil man zu wenig von ihnen verlangte, weil sie nur schön sein sollten und Männern gefallen mussten. Heute müssen sie viel mehr können, und das kann zu Konflikten führen, die früher nur die Jungs aushalten mussten: stark sein, erfolgreich sein, nicht versagen und jammern dürfen. Das ist sicher anstrengend, aber dafür können Frauen weiter kommen als früher.

Es gehört jedoch nicht zum gängigen Repertoire psychologischer Ratgeber, den Fortschritt mit seinen Möglichkeiten zu betonen. Ihr Metier ist es eher zu problematisieren – und Lösungen für die aufgeworfenen Probleme anzubieten. Wer zu viel liest, kann dabei ganz schön durcheinander geraten.

Verwirklichung zum Preis der Freiheit?

Man kann die Angelegenheit auch anders betrachten. Druck ist nicht automatisch negativ, er kann auch Ansporn sein und helfen, Fähigkeiten zu entfalten. Mädchen können heute viel mehr erreichen als ihre Großmütter vor 50 Jahren, die vorwiegend darauf getrimmt wurden, gute Hausfrauen und Mütter zu sein. Viele hätten sich mehr Druck und höhere Erwartungen gewünscht. Doch sie waren gefangen in ihrem Rollenklischee, durften oft weder Abitur machen noch studieren. Mädchen haben heute eher die Chance, sich selbst zu verwirklichen und so zu leben, wie sie wollen. Sie zahlen aber auch den Preis der neuen Freiheit. Wer das beklagt, der klagt auf hohem Niveau.

Es geht den Mädchen nicht so gut wie es oft aussieht, auf jeden Fall aber viel besser als in der Vergangenheit.

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