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Stalking: Gesetzesänderung soll mehr Opferschutz bringen

Neues Gesetz soll Stalking-Opfer besser schützen
Neues Gesetz soll Stalking-Opfer besser schützen Leben in ständiger Angst 00:02:07
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2013 nur 236 Stalker verurteilt - von 19.800 Verdächtigen

Stellen Sie sich vor, dass Sie beobachtet werden. Jeden Tag, jede Woche, das ganze Jahr. Sie bekommen ständig Briefe, Anrufe, SMS mit Drohungen, Nachrichten am Auto oder Liebesbriefe und Blumen. Zeitschriften oder Waren werden auf Ihren Namen bestellt, in Ihre Wohnung wird eingebrochen und Ihre Sachen werden begrapscht. Vor dem Büro oder auf dem Spaziergang lauert Ihnen der Stalker auf, drängt sich in Ihr Leben, verfolgt Sie bis in den Schlaf. Davor sollen Sie jetzt besser geschützt werden: Das neue Stalking-Gesetz macht es den Opfern leichter, sich zu wehren.

Von Jutta Rogge-Strang

Was ändert sich mit dem neuen Stalking-Gesetz?

Bislang mussten die Opfer von Stalking nachweisen, dass ihr Leben schwerwiegend beeinträchtigt war. Juristisch reichte es nicht, wenn Email und Telefonnummer geändert wurden. Erst ein Arbeitsplatz- oder Wohnungswechsel konnte den Leidensdruck ausreichend dokumentieren. Das neue Gesetz §238 StGB orientiert sich nun nicht mehr am Opfer, sondern am Täter. Demnach ist Stalking künftig eine Straftat, wenn bereits die Handlung eines Täters dazu „geeignet" ist, das Leben des Opfers gravierend zu beeinträchtigen. Wenn jemand einer Person in dieser Weise unbefugt und beharrlich nachstellt, drohen drei Jahre Haft.

Wer ist betroffen?

Etwa 80 Prozent aller Stalking-Opfer sind Frauen, etwa die Hälfte von ihnen hatte vorher eine Beziehung zum Stalker. Das kann der Ex-Partner, ein Freund oder Kollege, aber auch der Nachbar oder ein völlig Unbekannter sein. Oftmals hat das Opfer den Stalker zuvor verlassen oder abgewiesen.

In Deutschland wird etwa jeder Zehnte ein Mal in seinem Leben gestalkt, so der Weiße Ring, ein Verein zur Unterstützung von Kriminalitätsopfern. Von etwa 19.800 Stalkingverdächtigen im Jahr 2013 wurden nach Angaben des Bundesjustizministeriums aber nur 236 verurteilt. Die Dunkelziffer liegt nach Überzeugung von Beratungsstellen und Verbänden weitaus höher, Schätzungen gehen von 600.000 bis 800.000 Betroffenen aus.

Was löst Stalking beim Opfer aus?

Stalking bedeutet im Englischen "anpirschen". Ein Stalker verfolgt, belästigt oder bedroht sein Opfer durch Briefe, Anrufe, beharrliches Auflauern oder Nachspionieren. Am Anfang stellt sich ein gewisses Unbehagen ein, im Laufe der Zeit wird das Opfer aber immer nervöser. Psychosomatische Symptome wie Schlafstörungen, Magenschmerzen, Kopfschmerzen und Herz-Kreislauf-Probleme treten auf. Es kommt zu sozialer Isolation, um sich zu schützen, Konzentrationsschwierigkeiten und Misstrauen können bis zum Verlust des Arbeitsplatzes oder der Wohnung führen. Starke Angst- und Panikattacken, Beklemmungen und ein Gefühl der Hilflosigkeit münden manchmal sogar im Selbstmord.

Wer ist ein Stalker?

Beim Stalking wird eine Person von einer anderen belästigt. Im Unterschied zu Mobbing, wo eine Gruppe eine Person denunziert, geht es beim Stalking meist um eine (erzwungene) Beziehung zwischen zwei Menschen. Dabei können auch Menschen betroffen sein, die vorher keine Beziehung zum Täter hatten, zum Beispiel die Kassiererin im Supermarkt oder die freundliche Arzthelferin. In vielen Fällen kommt es zu körperlichen Übergriffen, manchmal bis hin zu Todesgefahr. Stalking wird psychologisch auf fehlendes Selbstwertgefühl und Ablehnungen in der Kindheit zurückgeführt.

Warum brauchen wir ein neues Gesetz?

Betroffene und Verbände kritisieren seit Jahren, dass die Strafbarkeit von Stalking davon abhängt, wie das Opfer reagiert. Bislang wurde nur ein Umzug oder ein Jobwechsel als Beweis anerkannt. Künftig soll Stalking aber auch dann strafbar sein, wenn das Opfer dem Druck nicht nachgibt und sein Leben nicht ändert, so Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD). Zudem werden nun alle Verfahren von der Staatsanwaltschaft geführt, damit das Opfer nicht selbst klagen und dem Täter wieder begegnen muss. Verbände und Beratungsstellen befürchten jedoch, dass auch das neue Gesetz nicht weitreichend genug ist. Ob die Opfer zukünftig tatsächlich mehr Schutz bekommen, müsse sich erst noch zeigen.

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