GESUNDHEIT GESUNDHEIT

Speerwerferin Linda Stahl über Olympia-Vorbereitung, Doppelbelastung und Fastfood in Maßen

Speerwerferin Linda Stahl stellt für den Leistungssport ihr Studium zurück.
Speerwerferin Linda Stahl konzentriert sich erst einmal voll auf den Leistungssport und stellt dafür auch ihr Medizinstudium zurück.

Linda Stahl hat keinen strikten Ernährungsplan

Linda Stahl wirft einen 600 Gramm schweren Speer über 66 Meter weit. Damit ihr dieses Kunststück in Zukunft öfter gelingt, hat die 26-Jährige ihr Medizinstudium zurückgestellt und konzentriert sich nun voll auf die Olympia-Qualifikation. Im Interview mit Frauenzimmer.de erzählt die Europameisterin von 2010, wie viele Stunden sie wöchentlich im Kraftraum verbringt und wie hart die Doppelbelastung aus Studium und Leistungssport war.

Frauenzimmer.de: Wie läuft Ihre Vorbereitung auf das Olympiajahr ab?

Linda Stahl: Im Oktober bin ich in die Vorbereitung gestartet, da macht man erst einmal allgemeines Training. Zum Beispiel: Fußball spielen, Ausdauerläufe, Tempoläufe, Koordinationstraining und Krafttraining. Im Dezember wirft man dann zuerst mit den schwereren Männerspeeren. Diese wiegen 800 Gramm, die der Frauen nur 600 Gramm. Danach wird mit Medizinbällen (einarmig/beidarmig) der Wurf imitiert. Im Trainingslager macht man viele Würfe und braucht danach fast drei Wochen, um sich von den Strapazen zu erholen. Zum Saisonhöhepunkt hin wird das Training immer weniger.

FZ: Welche Rolle spielt für Sie gesunde Ernährung und Regeneration?

Linda Stahl: Ich habe keinen strikten Ernährungsplan an den ich mich halte. Ich war eine Zeitlang beim Ernährungsberater im Allgäu. Der hat mir erklärt, dass das viele Krafttraining natürlich mit mehr Eiweiß ausgeglichen werden muss. Nun weiß ich, über welche Nahrungsmittel ich Eiweiß zu mir nehme. Zum Beispiel über Fleisch und Fisch, hinzukommen natürlich in einem bestimmten Verhältnis auch Kohlenhydrate. Im Endeffekt pendelt sich das aber von selbst ein und man spürt, was einem vorm Training oder Wettkampf gut tut. Mit einer Pizza im Magen lässt es sich nun mal schlecht weit werfen, denn die liegt wie ein Stein im Magen.

FZ: Ist Fastfood im Leistungssport grundsätzlich ein 'No-Go'?

Linda Stahl: In Maßen. Sprich: Einmal im Monat vielleicht ins Fastfood-Restaurant gehen. Danach fühlt man sich aber schon ziemlich schwer und kann nicht so gut zum Training gehen.

Linda Stahl: "Doppelbelastung hat viel Kraft gekostet"

FZ: Sie haben ihr Medizinstudium für den Leistungssport zurückgestellt und konzentrieren sich nun zu 100 Prozent auf ihre Sportkarriere. Wie schwer fiel ihnen diese Entscheidung?

Linda Stahl: Sehr schwer. Ich stand vor der Entscheidung: Mache ich es ganz oder gar nicht? Jetzt konzentriere ich mich ein Jahr vollständig auf Olympia und danach geht es in mein praktisches Jahr. Praktisches Jahr bedeutet 40 Stunden in der Woche im Krankenhaus zu sein und viel zu stehen, was für mich ein großes Problem ist. Und das war für mich mit der Olympia-Vorbereitung nicht zu vereinen.

FZ: Wegen der Doppelbelastung hatten Sie kaum Zeit zur Regeneration. Wie ist ihnen der Spagat zwischen Gerichtsmedizin und Trainingsplatz gelungen?

Linda Stahl: Ich habe mein Studium in Münster begonnen und dort mein erstes Staatsexamen nach vier Semestern gemacht. Morgens hatte ich meine Vorlesungen und nachmittags bin ich die A1 nach Leverkusen gefahren. Abends bin ich relativ spät wieder zurückgekommen und musste dann noch lernen. Diese Zeit möchte ich nicht nochmal haben. Diese Doppelbelastung hat nicht nur viel Kraft gekostet, sondern es blieben auch Freundschaften auf der Strecke, weil einfach keine Zeit mehr da war. Mit dem Wechsel an die Uni Köln ist es viel besser geworden. Jetzt bleibt nur noch mein schlechtes Gewissen, dass ich nichts gelernt habe. Aber das muss ich jetzt ein Jahr mal verdrängen.

FZ: Wie verdrängt man das am besten?

Linda Stahl: Viel schlafen und sich morgens einbilden, dass man total fit fürs Training ist.

Linda Stahl verbringt fünf bis sechs Stunden im Kraftraum pro Woche

Linda Stahl hält sich an keinen strikten Ernährungsplan.
Linda Stahl hält sich an keinen strikten Ernährungsplan.

FZ: Was trainiert eine Speerwerferin gezielt und wie viele Stunden verbringen Sie im Kraftraum?

Linda Stahl: Da wird hauptsächlich Schnellkraft trainiert. Wir machen wenig mit den typischen Geräten, die man aus dem Fitnessstudio kennt, sondern greifen viel zur Langhantel. Wir reißen genau wie die Gewichtheber auch. Sprich: die Hantel von unten nach oben einmal hochheben. Beim Reißen wird die Hantel – genau wie beim Speerwurf auch – über die Hüfte beschleunigt. Beinkraft brauchen wir natürlich auch. Im Grunde brauchen wir eine sogenannte Ganzkörperkraft. Alles in allem sind es etwa fünf bis sechs Stunden im Kraftraum pro Woche.

FZ: Wie gehen Sie mit Druck um?

Linda Stahl: 2012 habe ich ja nicht so viel Druck, weil ich letztes Jahr dafür gesorgt habe, dass niemand etwas von mir erwartet. Letztes Jahr nach dem EM-Titel haben viele viel von mir erwartet, sogar mehr als ich selbst von mir. Damit konnte ich nicht so gut umgehen, weil ich zur gleichen Zeit auch verletzt war und wusste, dass das Optimum nicht abzurufen ist. Dieses Jahr bin ich in einer ganz anderen Ausgangsposition – eigentlich wie 2010. Alle gehen davon aus, Linda Stahl hat einmal weit geworfen und kann’s jetzt nicht mehr. Dieses Jahr habe ich verletzungsfrei durchtrainiert und gehe ganz anders an den Wettkampf ran und habe dementsprechend auch mehr Selbstbewusstsein.

Linda Stahls Eltern waren ihre größten Förderer

FZ: Arbeiten Sie mit einem Mentaltrainer?

Linda Stahl: Mit einem Mentaltrainer arbeite ich nicht. Die ehemalige Speerwerferin Tanja Damaske ist Psychologin beim Deutschen Leichtathletikverband und mit ihr bin ich gut befreundet. Sie weiß genau, was Sie mit mir bereden kann und dann ist es auch nicht so gezwungen. Ansonsten rufe ich meine Eltern oder meinen Freund an, die können mir auch weiterhelfen.

FZ: Wie fühlen Sie sich als Leistungssportlerin in Deutschland gefördert?

Linda Stahl: Das ist sicherlich von Sportart zu Sportart ganz unterschiedlich. Es lohnt sich ja nicht, sich mit den Profifußballern zu vergleichen. In finanzieller Hinsicht waren meine Eltern lange Zeit die größten Förderer. Als ich in Münster studiert habe, bin ich 300 Kilometer jeden Tag gefahren, eigentlich hätte ich mir da direkt eine Tankstelle anmieten müssen. Wenn sie mir nicht über diese Zeit geholfen hätten, hätte ich dieses Wagnis gar nicht eingehen können: Was passiert, wenn ich jetzt wirklich mal zwei bis drei Jahre Leistungssport mache. Jetzt bin ich an einem Punkt, wo mich auch andere fördern und ich nicht mehr auf meine Eltern angewiesen bin.

Anzeige