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Später Unterrichtsbeginn: Ist Schule erst ab neun Uhr wirklich besser?

Fluch für berufstätige Eltern, Segen für die Schüler?

Seit Jahren wird in Deutschland darüber gesprochen, dass es sinnvoll sein könnte, in Schulen später mit dem Unterricht zu beginnen. Eine Schule in Bayern startet nun den Versuch: Die Kinder dürfen länger schlafen, da sie erst um neun – und nicht wie sonst üblich schon um acht oder noch früher – antreten müssen. Klingt entspannt, für berufstätige Eltern können allerdings Probleme entstehen.

Berufstätige Eltern könnten Problem mit späterem Schulbeginn bekommen
Macht ein späterer Unterrichtsbeginn wirklich Sinn? © picture alliance / beyond, beyond foto

Von Christiane Mitatselis

Als Schülerin hätte ich laut jubelnd applaudiert, wenn ich von dem Modellversuch gehört hätte, den die Mittelschule an der Simmernstraße in München durchführt. Schule erst um neun! Endlich! Eine Stunde länger schlafen, nicht schon um halb acht aus dem Haus hetzen, um pünktlich zur ersten Stunde zu erscheinen, die ich verlässlich im Halbschlaf verbrachte, da ich noch nicht aufnahmefähig war. In Grundschule war es kein Problem, früh zu starten. Später im Gymnasium wurde es jedoch zur täglichen Pein. Ich träumte davon, in Spanien oder Italien zu leben, wo der Unterrichtsbeginn um neun Uhr üblich ist. Hierzulande werden Schüler dagegen manchmal gar mit einer nullten Stunde um sieben Uhr gequält.

Wie ich nun weiß, machte ich eine typische Entwicklung durch, bedingt durch den Biorhythmus eines Teenagers. Kritisch wird es ungefähr mit 14 Jahren. Pubertierende werden abends selten vor Mitternacht müde und brauchen gleichzeitig mehr Schlaf als Erwachsene, am besten um die neun Stunden. Und die bekommt ein Jugendlicher nur schwer, wenn der Wecker bereits um 6.30 Uhr klingelt. Deshalb sprechen sich Schlaf- und Hirnforscher dafür aus, die Unterrichtszeiten ungefähr ab der siebten Klasse auf 9 Uhr zu verlegen.

"Ankunftsphase" für Schüler ab sieben Uhr?

Natürlich ist nicht Teenager gleich Teenager, auch unter ihnen gibt es Ausnahmen von der Regel. Eine gute Idee wird einigen schwedischen Schulen umgesetzt. Dort dürfen Klassen darüber abstimmen, wann der Unterricht beginnen soll. Innerhalb einer Zeitspanne von acht bis zehn Uhr.

Das Projekt "späterer Unterricht" beinhaltet zudem Tücken für berufstätige Eltern. Wenn die Schule um acht oder früher startet, können Berufstätige ihre kleinen Kinder vor der Arbeit schulfertig machen und, falls nötig, auch zur Schule bringen. Bei einem späteren Beginn wäre das schwieriger, da nicht in allen Betrieben Gleitzeit möglich ist. Bildungspolitiker schlagen deshalb eine Art "Ankunftsphase" in der Schule vor, mit Frühbetreuung der Kinder ab 7 Uhr.

Ein großes Problem ist das achtjährige Gymnasium mit seinen engen Stundenplänen. In der Oberstufe muss in zwei Jahren der Stoff gelernt werden, für den Schüler früher drei Jahre Zeit hatten – ein späterer Unterrichtsbeginn würde das Problem verschärfen, da die Schule bis noch später in den Nachmittag reichen würde. Bevor man den Unterricht hier um neun Uhr starten lassen kann, müssen die Lehrpläne überarbeitet und gestrafft werden. Oder man kehrt gleich zu den neun Jahren Gymnasium zurück – und erspart den Schülern neben dem Frühaufstehen viel anstrengende Hetzerei.

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