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Spätabtreibung: Zahl der Schwangerschaftsabbrüche hat sich verdreifacht

Schwangerschaftsabbruch: Zahl der Spätabtreibungen hat sich verdreifacht
Schwangerschaftsabbruch: Zahl der Spätabtreibungen hat sich verdreifacht © Fotolia Deutschland

Entscheidung für Spätabtreibung ist nie einfach

Gute Medizin rettet Menschen. Aber zu gute Medizin vernichtet Leben. Ist es der Fluch des Fortschritts, dass immer mehr abgetrieben wird? Die Zahl der späten Schwangerschaftsabbrüche hat sich verdreifacht. Und der Grund ist die verbesserte Pränatal-Diagnostik. Sie soll der Gesundheit von Mutter und Kind dienen. Doch jetzt wird sie immer mehr zur Gewissensfrage über Leben und Tod. Denn ab welcher Diagnose ist ein entstehendes Leben nicht mehr lebenswert?

Von Dagmar Baumgarten

Es ist so einfach zu sagen, dass jeder Mensch ein Recht auf Leben hat. Und jede Einschränkung, die man in Worte fassen will, fühlt sich unmenschlich und grausam an. Jedenfalls für Nichtbetroffene. Aber ist wirklich jede Mutter ein Monster, die einem voraussichtlich schwerstbehinderten, oder totgeweihtem Kind ein Schicksal ersparen will, dass in ihren Augen unwürdig ist, oder starke Leiden bedeutet?

Wer sich aus medizinischen Gründen gegen sein eigenes Kind entscheidet, macht das ganz bestimmt nicht leichtfertig. Schon aus rein juristischen Gründen. Eine Spätabtreibung - also ein Abbruch, der nach Ablauf der 23. Woche durchgeführt wird, unterliegt besonderen Bestimmungen. Im Jahr 2010 wurden sie durch eine zusätzliche Beratungspflicht noch einmal verschärft. Außerdem muss eine Frau noch einmal eine dreitägige Frist einhalten, damit sie nicht im Affekt, oder aufgrund einer Diagnose voreilig in Panik eine Entscheidung fällt, die ein Leben vernichtet, und ihr eigenes für immer verändern wird.

Das Problem dabei ist allerdings das Internet. Denn wenn eine verunsicherte Mutter von ihrem Frauenarzt gerade mitgeteilt bekommen hat, dass ihr Kind einen Herzfehler hat, und dann kaum dass sie zu Hause ist, diese Diagnose googelt, stößt sie mit hoher Wahrscheinlichkeit auf die schrecklichsten Bilder und die dazu passenden wüstesten Horrorszenarien.

Diagnostik führt zu mehr Spätabtreibung

Denn die häufigsten Gründe für Spätabbrüche waren Herzfehler. Und das liegt in der Tat an der verbesserten Diagnostik. Wenn zum Beispiel eine Herzkammer nur fehlerhaft oder gar nicht ausgebildet ist, zeigt sich das häufig erst bei einer modernen Ultraschall-Untersuchung in einem fortgeschrittenen Stadium der Schwangerschaft.

Auch dass man die Verläufe von eventuellen Fehl- oder Missbildungen mittlerweile viel besser verfolgen kann, ist einer der Gründe für den Anstieg der Spätabbrüche. Weitere sind zum Beispiel Fehlbildungen im Kopfbereich, zum Beispiel das komplette Fehlen von Schädel oder Gehirnanteilen. Oder auch der offene Rücken, oder Missbildungen von Organen.

Trotzdem bleibt die Frage bestehen: Rechtfertigt das Wissen, dass mein Kind sich nicht gesund und/oder der Norm entsprechend entwickelt, dass es erst gar nicht geboren wird? Was passiert, wenn sich die Diagnostik immer weiter verbessert? Werden dann noch mehr Kinder abgetrieben? Ist das eine unfreiwillige evolutionäre Revolution? Betreiben wir eine gynäkologische Selektion? Wer entscheidet denn dann, was lebenswert bleibt?

Ich bin froh, dass ich mir diese Frage nie stellen musste. Denn es bleibt die schlimmste und grausamste Frage, über die eine Mutter entscheiden muss. Es ist so leicht sich zum Hüter der Moral aufzuschwingen, aber es ist so unglaublich schwer sich selber auch nur halbwegs die Leiden vorzustellen, wie es denn wäre, wenn man selber betroffen wäre.

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