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Sozialpädagogische Familienhilfe: Unterstützung für Familien

Anita Kreiser (links) und Kerstin Timmermann (rechts) von der Sozialpädagogischen Familienhilfe
Anita Kreiser (links) und Kerstin Timmermann (rechts) von der Sozialpädagogischen Familienhilfe © Anita Kreiser, Kerstin Timmermann

Sozialpädagogische Familienhilfe: Retter in der Not

Wenn Familien an ihre Grenzen stoßen, mit der Erziehung überfordert sind und nicht mehr wissen, wie es weitergehen soll, dann tritt sie auf den Plan: die Sozialpädagogische Familienhilfe. Sie hilft, wenn Kinder in Schulen oder Kindergärten auffällig werden, sich an keine Regeln mehr halten oder in ihren Familien gefährdet sind. Zwei Frauen, die sich für diesen nicht ganz einfachen Job entschieden haben, sind Anita Kreiser und Kerstin Timmermann. Mit welchen Problemen und familiären Abgründen sie sich Tag für Tag auseinandersetzen müssen, ist für keine von beiden immer leicht.

Von Pia Ohligschlaeger

Anita Kreiser und Kerstin Timmermann arbeiten bei der Sozialpädagogischen Familienhilfe vom Sozialdienst katholischer Frauen e. V. Köln. Ihr Job beginnt dann, wenn in den Familien alles drunter und drüber geht. Die Kinder dieser Familien sind in der Regel zwischen fünf und elf Jahren, sagt Anita Kreiser. Seltener sind Säuglinge oder auch Jugendliche betroffen.

"Die Eltern kommen häufig aus den unteren Gesellschaftsschichten, leben in belastenden Verhältnissen und sind häufig selbst ohne wirkliche Vorbilder aufgewachsen. Das spiegelt sich in ihrer Erziehungsweise wieder" so Kreiser. Manche Familien verabschieden sich komplett von der Erziehung und zeigen ihren Kindern keine Grenzen auf. Andere dagegen greifen zu autoritären Maßnahmen, wie starken Kontrollen und harten Bestrafungen. Alle verbindet, dass sie Anleitungen und Entlastung brauchen, um ihren Kindern ein gutes Zuhause zu bieten.

Sozialpädagogische Familienhilfe rund um die Uhr

Merken Familien, dass sie Hilfe brauchen, können sie sich ans Jugendamt wenden, das den Kontakt zur Sozialpädagogischen Familienhilfe und damit zu Anita und Kerstin herstellt. Die Aufgabe der beiden Frauen ist es, den Familien ein gewisses "Handwerkszeug zu vermitteln, wie sie in bestimmten Situationen mit ihren Kindern umgehen oder - auch ganz banal -, was man mit Kindern in einem gewissen Alter machen kann, wie man einen Tag verbringt, wie man gemeinsame Mahlzeiten einnimmt", sagt Anita Kreiser. Gemeinsam - das ist das Schlüsselwort: Gemeinsam am Tisch sitzen, gemeinsam essen, gemeinsam ein Gespräch führen und sich füreinander interessieren.

Neben den Familien, die freiwillig um Hilfe bitten, gibt es aber auch jene, die durch Schule, Nachbarn oder Kindergarten beim Jugendamt gemeldet wurden, weil die Kinder Auffälligkeiten zeigten. Dramatischer wird es, wenn die Kinder Spuren von Misshandlungen aufweisen. Während viele Familien froh sind, Hilfe zu erhalten, lehnen andere diese ab. Sie sehen Kerstin und Anita eher als Bedrohung, die ihnen die Kinder wegnehmen wollen. Dass das aber eben nicht der Fall ist, ist oft harte Überzeugungs- und Vertrauensarbeit. Denn die Familienhilfe ist "nur eine Unterstützung, die man zwar hinnehmen muss, aber auch für sich nutzen kann", so Kerstin Timmermann. Anita Kreiser formuliert es noch genauer: "Es geht in der Familienhilfe darum, Ressourcen und Stärken zu aktivieren. Es ist Hilfe zur Selbsthilfe".

Denn oft sind die Familien durch Schulden, Suchtprobleme oder Arbeitslosigkeit am Ende ihrer Kräfte. Sie fühlen sich überfordert und resignieren irgendwann. Kommt es dann zu Belastungen oder Gefährdungen der Kinder, muss das Jugendamt und im Folgenden die Familienhilfe tätig werden. Eine Hilfe kann dann schon sein, wenn Kerstin und Anita den Eltern zeigen, wie man mit den Kindern spielt, wie man mit ihnen einen ganz normalen Tag verbringt, beim gemeinsamen Frühstück beginnend. Die Familie soll wieder eine Einheit werden.

Ziel der Sozialpädagogischen Familienhilfe: Selbsthilfe

Anita Kreiser (links) und Kerstin Timmermann (rechts) von der Sozialpädagogischen Familienhilfe
Anita Kreiser (links) und Kerstin Timmermann (rechts) von der Sozialpädagogischen Familienhilfe © Anita Kreiser, Kerstin Timmermann

Um den Problemen auf den Grund zu gehen, führen Anita und Kerstin zunächst Gespräche mit den Familien. Hier werden nicht nur die offensichtlichen Probleme offen gelegt. Die Familien können auch selbst eigene Ziele und Wünsche äußern, bei deren Umsetzung sie sich Hilfe wünschen - beispielsweise, wie man das eigene Kind von der Play Station an den Spieletisch bekommt. Nach einem halben Jahr findet dann ein sogenanntes Hilfeplangespräch statt. Hier wird reflektiert, welche Ziele in dem halben Jahr erreicht und ob die durch das Jugendamt festgesetzten Aufträge erfüllt wurden.

Sind alle Hausaufgaben erledigt und die Familien auf dem sicheren Weg zur Normalität, kann die Hilfe als beendet erklärt werden. Das kann in der Regel bis zu zwei Jahren dauern. Und erst wenn die Familie gern und freiwillig an sich arbeitet und stolz auf erreichte Fortschritte ist, fühlen sich Kerstin und Anita in ihrer Arbeit bestärkt. Kerstin: "Was uns wirklich Freude an der Arbeit macht, ist, wenn wir sehen, wie die Familien es schaffen und ihren Weg gehen."

Doch oft genug stoßen die beiden Frauen auch an ihre Grenzen. Kerstin Timmermann hat bereits einige ihrer Ideale aufgegeben, da sie an der Realität scheiterte. Sie glaubte anfangs, dass sie mit ihrer Arbeit in kürzester Zeit viel verändern könne. Die ersten Monate belehrten sie bereits eines Besseren: "Die Familie bestimmt das Tempo. Sie entscheidet, wann sie was vor uns offenbart." Denn das Vertrauen zu dieser wildfremden Person müsse erst wachsen. Es fordere viel Vertrauen, wenn diese Menschen einer Unbekannten alle Probleme darlegen sollen. Kerstin musste ihren Blickwinkel ändern und auch ihr Verständnis vom normalen Leben. Denn was für sie vollkommen normal ist, bedeutet noch lange nicht, dass es in den Familien auch so ist. Kerstin dachte früher: "Wie kann es sein, dass die Wohnung so aussieht, dass die Rechnungen nicht bezahlt sind?" Doch sie hat sich auf diese Situationen eingestellt, auch wenn manche Familienprobleme sie immer noch stark belasten. Sie gibt offen zu, dass sie nicht weiß, ob sie diesen Job ein Leben lang machen möchte. Aber: "Zumindest noch viele, viele Jahre", da ist sich Kerstin sicher.

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