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"Social Zapping": Verabredungen absagen, wenn sich etwas Besseres bietet?

Social Zapping: Jeder Zweite sagt Dates kurzfristig ab
Social Zapping: Jeder Zweite sagt Dates kurzfristig ab © picture-alliance/ ZB, Jörg Lange

Jeder Zweite betreibt "Social Zapping"

Achtung, wenn auf Ihre konkrete Frage "Was machst du am Wochenende?" die unverbindliche Antwort kommt: "Äh, ja, hmm, weiß noch nicht genau - wieso?" werden sie wahrscheinlich gerade von einem "Social Zapper" gescannt. Jeder zweite Europäer trifft mittlerweile Verabredungen und sagt sie in letzter Minute ab, wenn was anderes mehr Spaß verspricht. Ist das clevere Freizeitoptimierung, oder oberflächlicher Egoismus? Was sind die Vorteile und wo lauern die Gefahren bei "Social Zapping"?

von Dagmar Baumgarten

Früher bedeute so eine unverbindliche Wischi-waschi-weiß-noch-nicht-Antwort oft: "Mist, schon wieder ist Wochenende, alle haben was vor, nur ich sitz wohl wieder vor der Glotze. Hoffentlich merkt niemand, dass ich so langweilig bin, dass ich nie irgendwelche Dates oder Verabredungen habe." Wer sich mit solchen Personen etwas vorgenommen hat, kassierte garantiert niemals Absagen. Heute bedeutet ein scheinbar unsicheres "Was ich mache? Hmm … Weiß noch nicht!" in Wahrheit ein knallhartes "Bis jetzt hab ich schon drei feste Termine, aber wenn du mit was Besserem kommst, sag ich den Andern mit irgendeiner fadenscheinigen Begründung ab. Dasselbe mache ich natürlich auch mit dir, wenn jemand mit noch einer besseren Idee kommt."

"Social Zapping" verprellt echte Freunde

Das konnte ich erleben, als ich mit meinem Bekannten Andreas loszog. Er ist so etwas wie ein Extrem-"Social Zapper", also komplett dem Wahn verfallen, dass er jede Minute das Optimum erleben muss. Das klingt vielversprechend, wenn Andreas einen mitnimmt, ist aber verdammt anstrengend. Aus schmerzhafter Erfahrung kann ich sagen, dass man das Tragen von unbequemen Pumps dringend unterlassen sollte. Denn ein Samstagabend mit Andreas geht so: Vor dem Wochenende trifft er Verabredungen im zweistelligem Bereich. Ich habe mich dann darauf verlassen, dass er daraus als Profi-Zapper das beste aller Feste auswählen würde. Ich Naivling! Wir kamen also auf die Party. Ein Weg durch die Räumlichkeiten, ich hatte gerade das erste Getränk, da drängte er mich schon Richtung Ausgangstür.

"Hier ist doch langweilig, komm, wir gehen mal weiter!" Schon liefen wir drei Straßen weiter in einen Club. "Ja, stimmt, ist ganz nett hier!" dachte ich. Und da begrüßte uns auch schon die Truppe, mit der er sich hier auf ein "Ja, klar komme ich vorbei!" verabredet hatte. Als ich mir gerade die ersten Namen seiner Bekannten merken wollte, zog er mich wieder am Arm, und flüsterte: "Komm, lass uns gehen - nebenan ist bestimmt besser!" Mit einem "Ach so? Ja? War schön, euch jetzt doch nicht kennenzulernen!" verabschiedete ich mich von der Runde, um den nächsten Club zu checken, und die nächsten Leuten bei einem kurzen "Hallo" auch nicht richtig kennenzulernen.

Das ging den ganzen Abend so. Zwischendurch gingen wir auch wieder auf die erste Party zurück, denn es kann ja immer sein, dass das plötzlich doch plötzlich 'the Place to be' geworden ist. Morgens um halb sieben kam ich völlig erschöpft mit pochenden Blasen an den Füßen nach Hause.

Zwei Dinge wurden mir klar. Erstens: Andreas ist trotz seiner Fressattacken so schlank, weil er ständig in Bewegung ist. Zweitens: Wer so rastlos ist, kann gar keine festen Beziehungen mehr knüpfen. Wer so der Idee verfallen ist, dass es woanders doch bestimmt besser ist, als da wo man gerade ist, kann das hier und jetzt nicht schätzen. Da man auch ständig Leute vor den Kopf stößt hat man zwar viele Bekannte, aber verprellt wirklich gute Freunde. Deshalb ist "Social Zapping" in Maßen sicher verführerisch, weil wir bis zum Schluss das Beste für uns offenhalten können. Aber wer es übertreibt, stellt sich selbst böse Fallen. Denn wer sich immer fragt, ob es woanders doch geiler ist, merkt gar nicht wie gut es eigentlich gerade hier ist. Und auch den besten Freunden platzt schnell der Kragen, wenn sie merken, dass sie bei Verabredungen hingehalten werden oder nur zweite Wahl sind. Und dann wird aus "Social Zapping" ganz schnell "Social Isolation"!

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