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'Social Freezing': Erst die Karriere, dann Kinder

'Social Freezing' bei Apple und Facebook

Die großen Internetfirmen im amerikanischen Silicon Valley sind ja schon länger dafür berühmt, besonders viel für ihre Mitarbeiter zu tun: So bieten sie etwa kostenlose Personal Trainer, Übernahme von Arztkosten oder Shuttle-Services an. Jetzt nimmt die Anteilnahme der Chefs am Privatleben aber noch skurrilere Züge an: Facebook und Apple wollen die Kosten übernehmen, falls ihre Mitarbeiterinnen ihre Eizellen einfrieren lassen wollen – damit diese erst Karriere machen, um irgendwann später Kinder zu bekommen ...

'Social Freezing' für spätere Schwangerschaft
Apple und Co. zahlen Mitarbeiterinnen 'Social Freezing' © dpa, Ralf Hirschberger

Von Merle Wuttke

Sicher, was da im kalifornischen Silicon Valley in den Unternehmen vor sich geht, ist gemessen an unseren deutschen Standards ohnehin schon – nun ja, anders. Die Gehälter der Angestellten von Facebook und Co. erreichen exorbitante Höhen, Betriebskindergärten oder der kostenlose Putzservice für Zuhause sind völlig normal. Der Grund für diese Vorzugsbehandlung liegt darin, dass diese Firmen auf hochspezialisierten technikaffinen Nachwuchs angewiesen sind, den es darüber hinaus lange im Unternehmen zu halten gilt. Und weil es in der IT-Branche besonders viele Männer gibt, wollen die beiden berühmtesten Arbeitgeber der Branche jetzt den Frauen ein extra Schmankerl bieten, damit sie ihre Arbeitskraft besonders lang in ihre Karriere stecken können: Sie übernehmen die Kosten (ca. 20.000 Dollar) für das sogenannte 'Social Freezing', dem Einfrieren von Eizellen. Diese können dann zu einem späteren Zeitpunkt im Leben, wenn die Karriere gemacht ist, künstlich befruchtet und eingesetzt werden – so umgeht man das Ticken der biologischen Uhr und steigert die Chancen, auch noch im eigentlich nicht mehr fruchtbaren Alter ein Baby zu bekommen.

Worum geht es wirklich beim 'Social Freezing'?

Aber was steckt wirklich hinter dieser besonderen Art der Personalpolitik? Möchten die Konzerne ihre weiblichen Angestellten tatsächlich nur von der Last befreien, sich während ihrer produktivsten Phase Gedanken über Kinder machen zu müssen? Genau das nämlich prangert Facebook-Chefin Sheryl Sandberg an: Dass Frauen sich viel zu früh mit der Familienplanung beschäftigen würden, statt sich der Karriere zu widmen. Oder geht es hier nur um schnöde Zahlenspiele?

Denn je mehr gut ausgebildete Menschen im Unternehmen, die nicht wegen Schwangerschaft oder Teilzeitarbeit ausfallen, desto gewinnträchtiger die Firma. Und ist es nicht eigentlich ganz schön bizarr, wenn sich der Arbeitgeber jetzt auch noch in eine der privatesten Angelegenheiten einmischt, nämlich wie und ob man Kinder bekommt!? Werden unsere Kinder in Zukunft hauptsächlich im Reagenzglas gezeugt und am besten dann, wenn es dem Chef und uns in den Karriereplan passt? Was sagt das über unsere Gesellschaft aus?

All diese Fragen beantworten Facebook und Apple leider nicht. In den USA wird das Angebot der beiden Giganten ohnehin ziemlich positiv gesehen, Frauen sprechen davon, dass sie sich durch das Einfrieren ihrer Eizellen "empowered", also ermächtigt, fühlen und damit den Männern gleichgestellt, die ja in ihrem Kinderwunsch und in ihrem Arbeitsleben nicht durch eine Fruchtbarkeitsspanne beschränkt werden.

Mag alles sein, aber dennoch stehen die Chancen, dank einer aufgetauten befruchteten Eizelle schwanger zu werden, in etwa so, wie bei einer normalen künstlichen Befruchtung – und das klappt in ungefähr 30 Prozent aller Fälle. Sprich, ein Baby garantiert das Ganze nun auch nicht bedingungslos. Und die Vorstellung, dass irgendwann nur noch Mütter jenseits der Wechseljahre ihre Kleinkinder durch den Park schieben, weil sie dann endlich Zeit für ein Baby haben und im Job alles erreicht ist, erscheint doch ziemlich gruselig.

Vielleicht sollten Firmen den Kinderwunsch ihrer Mitarbeiter einfach mal als das sehen, was er ist: die natürlichste Sache der Welt. Und dass es nicht an dem Angestellten ist, diesen Wunsch hinten an zu stellen und sich technokratisiert fortzupflanzen, um seine Arbeitskraft und seine besten Jahre dem Arbeitgeber zu widmen, damit der möglichst viel Gewinn macht. Sondern die Vorstandvorsitzenden sollten Bedingungen für diese Zeit im Leben von Menschen schaffen, die es ihnen erlauben, Arbeitnehmer UND Eltern gleichzeitig zu sein. Mit einer gleichen fest geregelten Teilzeitwochenarbeitszeit für Männer und Frauen, mit effizienteren Arbeitsabläufen und sicheren Verträgen. Denn in einer immer älter werdenden Gesellschaft haben wir auch noch später, nach den Kindern, genug Kraft und Kreativität, um dem Unternehmen Gutes zu tun. Und das ist sicherlich besser, als mit dem Krückstock in der Hand Anschwung an der Schaukel zu geben.

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