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So fühlt sich das an: Tätowieren

So fühlt sich das an: Tätowieren
Ist Tätowieren schmerzhaft? Unsere Redakteurin kennt jetzt die Antwort

Tätowieren: Tut es wirklich so weh?

Nachdem ich nun Monate hin und her überlegt hatte, mir je nach Tagesform zigmal ja und nein zu meinem Vorhaben sagte, stand mein Entschluss nun endlich fest: ein Tattoo musste her! Jawoll. Definitiv. Unumstößlich. Und ein Nein kam nicht mehr in die Tüte. Zugegeben, ich hatte schon eins, ein winziges Tribal (extrem jugendlicher Spontanentschluss, frei nach dem Motto "och, mach ich mal"), aber die Erinnerung an dieses Ereignis war so viele Jahre her, dass selbst mein Langzeitgedächtnis sich weigerte, mir zu sagen, wie schmerzhaft das gewesen war.

Von Nicole Feybert

Die Logik sagte mir natürlich, dass es in diesem Fall ja gar nicht so schlimm gewesen sein konnte. ... ODER? War es vielleicht doch so unangenehm gewesen, dass die grauen Zellen diese Tatsache einfach verdrängt hatten? Schutzmechanismus, oder wie nennen die Psychologen das. Außerdem sollte mein neues Tattoo am Rücken genau über die Wirbelsäule laufen. Ja genau - da, wo nicht viel Pufferzone drunter ist, und der Gedanke daran machte mich etwas nervös. Egal, ich gab irgendwann meine Hobbypsychologie und Muttis "Kind-denk-dran-damit-musst-Du-immer-rumlaufen"-Mentalität auf und beschloss, mich todesmutig auf dieses Experiment einzulassen.

Gesagt, getan, ich stand im Tattoo-Laden. Das permanante "sssss"-Geräusch aus allen Ecken erinnerte mich unweigerlich an meinen letzten Zahnarztbesuch. Bevor ich diesen Gedanken weiterführen und mich auf dem Absatz umdrehen konnte, stand auch schon ein netter durchtätowierter Typ vor mir und fragte, ob er mir weiterhelfen könne. Ich war kurz davor, zu sagen "ja, bitte ein Tattoo ohne "ssss"–Geräusche und Piekserei", konnte mich aber in letzter Sekunde noch zusammenreißen. Er sah sich mein mitgebrachtes Motiv an, nickte anerkennend, erklärte mir alles und ich legte meine Angst in seine Hände bzw. in einen festen Termin ein paar Tage später...

Coolness zeigen!

Mit Anzahlung war es nun fest vereinbart. Als es soweit war und ich den Weg zum Tattoostudio einschlug, war sie wieder da, die Nervosität... ich beruhigte mich mit dem Gedanken, dass die älteste Kundin in diesem Laden achtzig Jahre alt gewesen ist! Kein Witz! Ich stellte mir insgeheim vor, wie diese Lady ihr Tattoo stolz im Altersheim präsentiert hat und seitdem dort die Allercoolste ist. Wenn DIE das überlebt, dann ICH AUCH. Basta. Hocherhobenen Hauptes gings also ins Studio, ich wurde nett empfangen und ohne große Warterei direkt in die Tattookabine geführt.

Meine Tattoovorlage war zweifarbig, und die Farbtöne wurden genau nach meiner Vorlage angemischt und die Umrisse des Motivs auf die Haut aufgemalt. Plötzlich bekam ich akute Zweifel über die Stelle an meinem Rücken, er malte daraufhin nicht nur einmal, sondern zweimal, und ich konnte mich in Ruhe entscheiden, welche Stelle es nun genau sein sollte.

In jedem Fall ging es genau über die Wirbelsäule, und genau das machte mir doch etwas Angst... (Immerhin ist Frau an fast allen anderen Stellen schön gepolstert, stimmts, Mädels?) Mein Tätowiermeister grinste und beruhigte mich damit, dass es auf gar keinen Fall schmerzhafter sei als an anderen Stellen - beispielsweise an den Innenseiten der Oberarme (aha?!), wie er mir versicherte. Halleluja. Ich beschloss demnach, mich beruhigen zu lassen und ihm zu glauben. Die machen das schließlich jeden Tag und ich denke, es ist noch niemand tot umgefallen. Naja, NOCH nicht. Und dann kam die entscheidende Frage: "Ready?". Ok, war ich. Jetzt aber.... Coolness zeigen! An was Schönes denken! Obwohl ich davon überzeugt war, dass der Typ mich völlig durchschaute, grinste ich ihn äußerlich total unbeeindruckt an, nickte souverän, aber innendrin sah das anders aus! Einmal tief eingeatmet, Augen zu, vorsorglich schonmal klammheimlich die Zähne zusammengebissen, tapfer auf den Schmerz warten und los gings.

Wann kommt das große Aua?

Tätowieren
Wann kommt der Schmerz?

Ok, also, eins muss ich vorweg sagen: Der Start war nicht besonders angenehm. Zuerst werden die Konturen gestochen, und da man die Nadel dabei nicht absetzt (soll ja nicht schief und krumm werden, gell?), ziept es schon... Eine Rückenmassage ist angenehmer. Nur: sagt man nach den ersten Linien "och nee, stopp, doch nicht..."? Wäre schon blöd, mit ein paar Strichen am Rücken rumzulaufen und dafür eine gescheite Ausrede zu finden. Nein, ich versichere, es ist bei weitem nicht so schmerzhaft, wie meine Phantasie es mir vorher eingebleut hatte!

Wenn Ihr wüsstet, dass ich jemand bin, der schon bei einer nullachtfünfzehn-Spritze beim Arzt kurz vorm Kreislaufkollaps steht... ist also kein Witz, wenn ich sage, es ist halb so wild! Irgendwann angelte ich mir sogar meine geliebte Klatsch-und-Tratsch-Friseursalonzeitung und fing an zu blättern... nicht mal das gefürchtete Zahnarztgeräusch konnte mich noch beeindrucken. Das helle "sssss" wurde immer dann etwas dumpfer, wenns über den Wirbelsäulenknochen ging. Aber das große AUA? Kam einfach nicht. Noch bevor ich meine Weiterbildungslektüre durchgeschmökert hatte (und Ladies... ihr wisst, eine Zeitschrift ist ja kein Roman), stoppte mein Künstler, und ich hörte nur noch ein "we are done!" Wie? Was? Schon? Gibt's ja nicht! Ich war baff und fast schon enttäuscht, weil ich gerade mitten in einen äußerst interessanten Johnny Depp-Artikel vertieft war...

Sofort gings ab vor den Spiegel, und ich muss sagen, ich war und bin sehr zufrieden mit dem kleinen Kunstwerk. Genau so hatte ich mir das Ergebnis vorgestellt!

Anschließend gabs ein Foto für die ... wie sagt man dazu...Künstlermappe? Sedcard? Na, jedenfalls für die Referenzmappe des Tätowierers und eine genaue Anleitung, wie ich die Tätowierung, die ja noch verheilen muss, zu behandeln habe. Sie wird anfangs mit Folie abgedeckt, und das Wichtigste ist das Eincremen. Ich schleppe also derzeit meine Creme überall hin mit und pflege brav meine neue Errungenschaft. Während dieser Zeit muss man sich einige Dinge verkneifen: man darf weder ins Schwimmbad bzw. in die Sauna gehen und auch keine Sonnenbäder nehmen, um das Allergie- und Infektionsrisiko auszuschließen – und auf keinen Fall am Tattoo rumknibbeln!

Nach vier Wochen geht's nochmals ins Studio zur Nachkontrolle und Prüfung, ob man zufrieden ist – bislang gibt es hier gar keine Probleme. Zuhause war der allererste Gang natürlich vor den heimischen Spiegel, und bis zum Schlafengehen wiederholte sich diese Prozedur gefühlte zweihundert Mal.... ganz schön gaga. Übrigens... hatte ich schon erwähnt, dass ich noch vor dem Verlassen des Studios überlegt habe, welche Stellen noch alle für ein klitzekleines schönes weiteres Motiv geeignet wären....?

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