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So fühlt sich das an: Ein Piercing in die Zunge stechen lassen

Zungen-Piercing stechen: So fühlt sich das an
Zungen-Piercing: So fühlt sich das an.

Zungen-Piercing: Große Angst vorm kleinen Pieks

Als ich mir meinen Weg durch das Tattoo- und Piercingstudio mit dem wenig beruhigenden Namen "Endless Pain" bahne, habe ich doch ganz schön Angst. Soll ich mir wirklich mit einem langen Stab die Zunge durchbohren lassen? Und das nur, um mir hinterher mit dem Piercing den Schmelz von den Zähnen zu schlagen? Das ist vielleicht wirklich keine gute Idee!

Von Julia Windhövel

Über mir surrt ein Ventilator, es riecht nach Desinfektionsmittel. Und mein Puls ist auf 180. Ich rutsche ungeduldig auf dem Sessel hin und her, nehme meine Zunge zwischen Daumen und Zeigefinger, drücke zu. Aua! Wie soll das erst mit dem spitzen Stab werden. Doch bevor ich mir weitere ängstliche Gedanken machen kann, steht auch schon der über und über tätowierte und gepiercte Jim vor mir. "Alles klar bei dir?" Er zwinkert mir zu. Sehr witzig, sieht er doch, dass dem nicht so ist. Ich merke, dass ich Jim gegenüber eine Art Aggression entwickele. Der aber bekommt von meinem Kopfkino nichts mit und geht seelenruhig mit einer kleinen Spraydose auf mich zu.

Zunenpiercing: Ein Spray zur Betäubung?

"Zunge raus, bitte", fordert er mich auf. "Ich betäube sie dir jetzt mit diesem Spray, dann bekommst du gar nichts von dem Pieks mit". Ich koche innerlich. Erstens glaube ich überhaupt nicht daran, dass so ein blödes Spray das Innere meiner Zunge betäuben kann. Für mich klingt das stark nach einem Placebo. Und zweitens: Wenn es sich hier nur um einen kleinen Pieks handelt, warum dann der Tamtam mit dem Betäubungsspray? Ich will nur noch weg. Aber mein Stolz lässt mich nicht aufstehen. Ich will endlich durchziehen, was ich schon seit Jahren vorhabe.

Und dann kommt die Zange ins Spiel. Sie ist groß, silberfarben und glänzend. Ich versuche, Blutspuren an ihr auszumachen, kann aber zum Glück nichts entdecken. Auf einmal schießt mir unsere Grillzange durch den Kopf. Eine gewisse Ähnlichkeit ist in der Tat nicht von der Hand zu weisen. Na gut, also raus mit der Zunge. "Noch ein Stück, ja, so ist gut", sagt Jim. Dann packt er meine Zungenspitze und zieht. Ganz sanft natürlich, tut auch gar nicht weh. Noch nicht, denke ich. Mir bricht vor lauter Angst der Schweiß aus. Ich schließe die Augen und versuche den Anblick des langen spitzen Stabes zu vergessen, der sich eine zehntel Sekunde zuvor meinem Gesicht näherte. Das klappt allerdings nicht. Meine Finger krallen sich in die Armlehne. Jetzt geht es los.

Hat gar nicht so weh getan!

Was dann kommt, fühlt sich an, als würde man ein Stück Fleisch auf einen Schaschlikspieß drücken. Nur, dass in diesem Fall meine Zunge das Fleischstückchen ist. Ein kurzer Pieks, dann ein Druckgefühl, dann wieder ein Pieks. Und dann ist es auch schon vorbei. Der Piercingstab ist durch die Zunge gezogen, die Kugeln sind oben und unten festgeschraubt. Ich bin verwundert, dass es gar nicht weh getan hat und schaue beglückt in den kleinen Handspiegel, den Jim mir reicht. Das sieht aber hübsch aus! Erleichtert rutsche ich vom Stuhl und merke, dass ich doch etwas wackelig auf den Beinen bin. Jim ist zur Stelle. Er bugsiert mich auf den Stuhl zurück, stellt die Fußablage hoch und grinst: "Jetzt aber bitte nicht im Nachhinein umkippen!" Nein, ich doch nicht, ich bin doch mutig wie ein Löwe!

Die nächsten Tage sind ein wenig anstrengend. Ich darf nichts essen, was Milch, Zucker oder Fruchtsäure enthält. Gut, dass ich einen vietnamesischen Mitbewohner habe, der mir in den nächsten Tagen ein Reisgericht nach dem nächsten servieren wird. Eine Woche muss ich die Zwangsdiät durchhalten. Dann darf ich mein Piercing stolz präsentieren. Als ich es meiner Mutter zeige, ist ihr Kommentar: "Nein, dass du mir das jetzt noch antun musst! Ich dachte, mit deinen 26 Jahren wärst du aus dem Alter für so etwas längst raus!" Egal, ich freu mich immer noch an dem kleinen Ding. Und meinem damaligen Freund hat's auch gut gefallen. Allerdings: Weder er noch ich haben beim Küssen einen Unterschied bemerkt. Der ganze Erotikfaktor eines Zungenpiercings spielt sich meiner Meinung nach eher im Kopf ab. Kopfkino eben. Kein Wunder also, dass ich unbedingt so ein Piercing wollte: Im Kopfkino bin ich nämlich Großmeisterin.

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