GESUNDHEIT GESUNDHEIT

"Slow Reading" - Wenn Lesen zur Yoga-Übung wird

Entdeckung der Langsamkeit
Entspannung der besonderen Art: Wer sich beim Lesen sehr viel Zeit nimmt, verlängert den Genuss. Foto: Karl-Josef Hildenbrand © DPA

Nach Slow Food und Slow Travel nun also Slow Reading - das langsame Lesen. Die Idee: Man trifft sich in einem Café zum Lesen. Jeder bringt sein eigenes Buch mit und schaltet das Handy aus. Dann wird eine Stunde in gemeinschaftlicher Schweigsamkeit und ohne Ablenkung gelesen.

So halten es etwa die Mitglieder eines neuseeländischen "Slow Reading Clubs", der weltweit Ableger gefunden hat, in Deutschland aber bisher ohne Nachahmer geblieben ist.

Eine Mischung aus Entschleunigung und digitaler Entgiftung? Der Slogan des "Slow Reading Clubs" klingt tatsächlich wie ein Yoga-Mantra: "Calm Body, Curious Mind, Open Heart" - ruhiger Körper, neugieriger Geist, offenes Herz. Die Gründerin Meg Williams beschreibt sich selbst auf ihrem Blog als eine "begeisterte Leserin", die sich aber irgendwann nicht mehr daran erinnern konnte, wann sie das letzte Mal ein Buch von vorne bis hinten durchgelesen hatte - zu beschäftigt war sie damit, ihre E-Mail zu checken oder auf Facebook zu surfen.

Zumindest in Deutschland bleibt die Zahl der Leser nach einer Studie im Auftrag des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels allerdings weitgehend stabil. Danach wurden 2015 83 Prozent der Befragten als Buchleser bezeichnet - vor sieben Jahren waren es 90 Prozent. Ein Drittel liest mehr als 18 Bücher im Jahr.

Die neuseeländische Gruppe hat bereits Ableger in Europa, Nordamerika und Asien. In den USA sind ähnliche Projekte unter dem Namen "Slow Reading Club" gehen würde, ist sie sich nicht sicher.

Allerdings: Vielleicht brauche es manchmal diesen sozialen Druck, den "Arschtritt", sagt Weigand. "Allein trickst man sich dann doch immer wieder aus, guckt aufs Handy oder lässt sich auf andere Weise ablenken." Im "Slow Reading" sieht sie eine Gegenbewegung angesichts des immer beschleunigteren Alltagslebens.

Und so finden auch Williams Empfehlungen zum langsamen Lesen irgendwann wieder in den Yoga-Jargon zurück: Schließe Deine Augen, konzentriere Dich auf fünf tiefe Atemzüge, öffne Dein Buch - und genieße. Aber Achtung, übertreiben Sie es nicht. "Man kann auch zu langsam lesen", warnt Leseforscher Radach. Dann drohten die Gedanken abzuwandern. Den Trend sollte man daher eher im Sinne eines "tiefgründigen und nachhaltigen Lesens" verstehen, empfiehlt der Experte.


dpa
Anzeige