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Sinneswandel bei jungen Frauen in Ostdeutschland: Nur 41 Prozent wollen die gleichberechtige Partnerschaft

Frauen in Ostdeutschland wollen klassische Rollenverteilung
Der Mann geht arbeiten, die Frau kümmert sich um Haus und Herd. So traditionell wollen Frauen in Ostdeutschland leben © picture-alliance / beyond/beyond, beyond/beyond foto

Trend zur klassischen Rollenverteilung

Wie lassen sich diese Zahlen deuten? Eine repräsentative Umfrage des Bundes-Familienministeriums ergab, dass es unter jungen Frauen in Ostdeutschland einen Trend zur Retraditionalisierung geben soll. Das heißt: Häufiger als junge Frauen im Westen sollen sie das Rollenmodell bevorzugen, nach dem der Mann den Unterhalt verdient und die Frau sich um Haushalt und Kinder kümmert.

Von Christiane Mitatselis

Die Zahlen:

Laut 'Spiegel' wünschen sich nur 41 Prozent der ostdeutschen Frauen im Alter von 18 bis 39 Jahren eine gleichberechtige Familie, in der Mann und Frau berufstätig sind und sich Haushalt und Kinder teilen. In Westdeutschland sind es in der gleichaltrigen Frauen-Gruppe ungefähr 60 Prozent. Genauso wie bei den über 40-jährigen Frauen in Ostdeutschland. Insgesamt gibt es im Osten aber eine größere Tendenz pro Gleichberechtigung. In der Umfrage unter 3.000 Männern und Frauen votierten 43 Prozent der westdeutschen und 55 Prozent der ostdeutschen Befragten pro Gleichberechtigung in der Familie.

Nachwirkungen der DDR?

Die Analyse:

Die DDR gibt es zwar seit 1990 nicht mehr, also seit 25 Jahren. Ihr Gesellschaftssystem scheint aber nachzuwirken, wie diese Zahlen zeigen. Im sozialistischen Staat gab es Kinderkrippen für alle, auch ganz kleine Kinder wurden dort ganztags betreut. Und es war gewünscht, dass Frauen genauso wie Männer arbeiten gingen. Wer so aufgewachsen ist, empfindet es als selbstverständlich, dass Frauen und Männer Arbeit und Familien-Aufgaben zu gleichen Teilen übernehmen. So erklärt sich, warum die Ostdeutschen in der Umfrage insgesamt stärker pro Gleichberechtigung votierten als die Westdeutschen, die sich die Gleichberechtigung in den 1960er und 70er erst erkämpfen mussten.

Warum die jungen Frauen im Osten ein Familien-Modell präferieren sollen, in dem die Aufgaben wie den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts geteilt werden, ist schwer zu sagen. Man kann nur spekulieren. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass die Arbeitslosigkeit im Osten größer ist als im Westen. Vielleicht damit, dass Frauen oft weniger verdienen als Männer und Kinderbetreuung heute, anders früher in der DDR, eine teure Angelegenheit ist. Vielleicht hat es aber auch damit zu tun, dass die jungen Frauen anders leben wollen als ihre Mütter, sich von ihnen abgrenzen wollen. Vieles ist möglich.

Fazit:

Eine Umfrage allein reicht nicht aus, um der Sache auf den Grund zu gehen und zu erkennen, ob es unter den jüngeren ostdeutschen Frauen tatsächlich einen Trend zur Retraditionalisierung gibt; ob sie wirklich tendenziell lieber Haufrauen als berufstätig sein wollen. Es müsste genauer nachgefragt, Motive und auch Bildungs-Hintergründe geklärt werden. Erkennbar ist aber, dass sich Frauen in Ost und West die Freiheit nehmen, zu entscheiden, wie sie ihr Familienleben organisieren wollen. Alles ist möglich. Die Entscheidungs-Freiheit wird allerdings immer noch dadurch begrenzt, dass es in Deutschland nicht genügend bezahlbare Betreuungsplätze für Kinder gibt. Man hätte sich hier nach der Wiedervereinigung etwas vom Sozialismus abschauen können, aus ideologischen Gründen geschah das aber leider nicht.

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