Sind Erstgeborene wirklich schlauer als ihre jüngeren Geschwister? US-Forscher klären auf

Stimmt das, was man über Nesthäkchen sagt?
Stimmt das, was man über Nesthäkchen sagt? Letztgeborene auf dem Prüfstand 00:00:27
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Von wegen Intelligenz-Gefälle in der Geschwisterfolge

Als ob es nicht reicht, dass sie während ihrer gesamten Kindheit und Jugend vom großen Bruder oder der großen Schwester tyrannisiert werden. Nein. Zweit-, Dritt, - usw.-Geborenen haftet ihr ganzes Leben lang ein Makel an: Angeblich können sie nie die hellste Kerze im Familienleuchter werden, weil der IQ der Erstgeborenen unerreichbar hoch ist. So die bisherige Lehrmeinung.

Intelligenz unter Geschwistern
Erstgeborene klüger als jüngere Geschwister? © picture alliance / blickwinkel/M, McPHOTO

Von Ursula Willimsky

Mit dieser These hat die University of Illinois nun aufgeräumt: Nix da von wegen Intelligenz-Gefälle in der Geschwisterfolge. Die Unterschiede sind minimal, wenn überhaupt messbar. Und auch in Sachen Persönlichkeit fanden diese US-Forscher keine nennenswerten Abweichungen.

Da wir uns aus Platzgründen nicht in der Lage sehen, sämtliche Forschungsergebnisse zum Thema 'Geschwisterfolge' ('Intelligenz unter Geschwistern: Der Fluch der späten Geburt', 'Studie an norwegischen Rekruten beweist: Erstgeborene sind die Klügsten' und so weiter, und so fort) mit der aktuellen Studie zu vergleichen, beschränken wir uns heute auf das Projekt: 'Glaub nicht, was dein großer Bruder sagt. Du bist genauso schlau wie er'.

Naja. Statistisch gesehen fast genauso schlau. Fairerweise muss man sagen: Im Schnitt sind die Erstgeborenen denn doch einen Prozentpunkt schlauer – ein Nachteil, den man durch den Verzicht auf Drogen oder Alkohol und das Lesen von ein, zwei guten Büchern aber wahrscheinlich problemlos wieder wettmachen kann. Womit wir schon beim Thema Charakter sind: Auch da geben die Forscher aus Illinois Entwarnung: Die Unterschiede seien "verschwindend gering und im persönlichen Kontakt nicht spürbar“.

Nachgeborenen sind 'fast' genauso schlau

Ein Ergebnis, das Fluch und Segen zugleich sein kann. Wer bisher als Total-Versagerin durch sein Leben stolperte und alle Ermahnungen mit einem pampigen "Ich kann ja nix für, dass ihr vor mir noch zwei andere Kinder zur Welt gebracht habt!“ abschmetterte, hat nun schlechte Karten. Die Ausrede gilt nicht mehr.

Wer schlau ist – und wir wissen ja jetzt: Das sind alle Nachgeborenen – kann höchstens noch auf die Fülle anderer Studien verweisen. Oder sein Leben umkrempeln. Auch das wäre eine Möglichkeit.

Satte 272 003 Biografien hat das Forscherteam um den Psychologen Brent Roberts ausgewertet. Einzelkinder und Zwillinge wurden nicht berücksichtigt – und auch die familiären Zusammenhänge blieben außen vor. Stattdessen verglichen die Forscher die Kinder innerhalb ihrer jeweiligen Altersgruppe und entzauberten so den Mythos des überlegenden Erstgeborenen.

Aber wenn die Geschwisterfolge so überhaupt keine Rolle spielt, was beeinflusst die Wesensbildung eines Kindes dann? Ganz klar: Der soziale Hintergrund und das Einkommen der Eltern. Sagen die Forscher. Auch wenn die Studie uns Nachgeborene eindeutig intelligenzmäßig rehabilitiert hat – diesen Punkt haben wir nicht ganz verstanden: Wir können und durchaus vorstellen, dass Einkommen und sozialer Hintergrund die Bildung (beziehungsweise die Bildungswilligkeit) eines Kindes beeinflussen. Aber den IQ als solchen? Ist der nicht mehr oder weniger angeboren und kann nur noch verfeinert oder durch unlauteren Lebenswandel abgebaut werden?

Naja, man muss ja nicht alles verstehen. Und im Zweifelsfall ziehen wir ohnehin die für die jeweilige Situation passendste aus der Schublade – egal, welchen Rang in der Geschwisterfolge wir nun einnehmen. Schlau.

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