LIEBE LIEBE

Sich rar machen? Das klappt nicht!

Liebe erreicht man nicht durch Coolsein
Liebe und Marktwirtschaft schließen sich aus

Machen Sie sich auch immer rar?

Seitdem sich die Menschen über Liebe den Kopf zerbrechen, setzen sie ihre Hoffnungen darauf, dass Liebe kein Zufall sein muss, sondern dass sie mit bestimmten Methoden herbeigeführt werden kann. Denn das ist wahrlich eine beruhigende Vorstellung: Nicht angewiesen darauf sein, dass jemand, in den man verliebt ist, die Gefühle „einfach so“ erwidert (was ein echter Glücksfall ist, der sich eher selten zuträgt), keine seelischen Qualen erleiden, weil es keine Liebe zurück gibt. Sondern tatkräftig am Prozess des Verliebens mitwirken, auf Nummer sicher gehen, sich das Objekt des Begehrens schnappen, sein Herz quasi „einkassieren“. Ein häufig genannter Tipp hier: Rar machen. Sich nicht melden und geheimnisvoll tun. Doch ist dieser Tipp wirklich sinnvoll?

Rar machen als Liebeszauber

Im großen mittelalterlichen Liebesepos „Tristan und Isolde“ war es ein Liebestrank, der dafür sorgen sollte, dass das himmlische Gefühl der Liebe entsteht, es hat geklappt.

Heutzutage setzen nur noch Esoteriker auf Liebeszauber in Getränkeform. Ein handfester Wissenschaftler wie der französische Psychologe und Ethnologe Tobie Nathan dagegen rät zu Psycho-Tricks. In seinem Buch „Verliebt machen. Warum Liebe kein Zufall ist“ (Berlin Verlag) entwirft er ein Modell der Liebe, das von der Marktwirtschaft bestimmt ist.

Eine Grundregel der Marktwirtschaft: Ein Produkt, das schwer zu kriegen ist, wird besonders gern gekauft, weil jeder denkt, dass es hochwertig und kostbar ist. Für das Herbeiführen der Liebe soll das nach Nathan bedeuten, dass man so tun muss, als sei man schwer zu kriegen. Man soll cool tun, sich rar machen und dergleichen, um Liebe zu erzeugen.

Darum will ER keine Beziehung
Darum will ER keine Beziehung Gründe und Anzeichen dafür 00:01:26
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Liebe kann man nicht manipulativ herbeizaubern

Rar machen? Das hat meine Oma mir auch empfohlen. Und sie war weder Psychologe noch Ethnologe. Ich habe immer getan, was meine Oma wollte, und ich habe einige Male versucht, cool zu tun, um Liebe zu erzeugen. Habe ich es versucht, bin ich gescheitert. Doch nicht dann - und das ist der springende Punkt - wenn jemand an mir wirklich interessiert war. Dann konnte ich meine Verliebtheit zeigen, und mein Gegenüber hat sich trotzdem verliebt. War das Gegenüber aber gar nicht interessiert, konnte ich mit rar machen und Coolsein nichts erreichen. Das Coolsein verpuffte einfach in ein emotionales Nichts.

Ich fürchte, Herr Nathan irrt sich. Ich bin nämlich kein Einzelfall, ich kenne niemanden, bei dem das funktioniert hat: Cool tun bis zur Schmerzgrenze – und die Gleichgültigkeit des Menschen, in den man verliebt ist, verwandelt sich in glühendes und sehnsüchtiges Verlangen.

Weiterhin stellt Herr Nathan die These auf, dass Rituale wie Heiraten am Eisen der Liebe schmieden. Und gemeinsame Verbündete, wie etwa ein Trauzeuge oder ein Freund, der einen verkuppelt hat. In diesem Punkt irrt Herr Nathan nicht. Wenn die Liebe erst einmal da ist, reagiert sie in der Tat auf Rituale und Verbündete, all das wirkt auf die Liebe ausgesprochen belebend.

Ist die Liebe abwesend, hilft das alles nichts. Wo nichts ist, lässt sich auch nichts beleben, auch nicht durch rar machen oder andere Spielchen. In der Wüste blühen keine Rosen, egal wie cool man ist oder wie unnahbar man tut.

Hört auf mich. Ich finde es am coolsten, wenn man gelassen seine Gefühle zeigt. Die Betonung liegt hier auf „gelassen“. Niemandem hinterherlaufen, aber auch nicht weglaufen. Die Zauberformel heißt: Da sein, offen sein. Tür aufmachen, aber keinen über die Schwelle zwingen. Auf diese leichte und elegante und liebevolle Weise kommt die Liebe ins Herz des Menschen, den man möchte - vielleicht, es gibt keine Garantie, doch es gibt eine gute Chance.

Liebe ist ein Kind der Freiheit und riecht Lunte, wenn einer mit manipulativen Tricks - wie rar machen oder coolsein - operiert. Liebe und Marktwirtschaft schließen sich aus. Lasst also bitte die Finger von den Tipps, die Herr Nathan Euch an die Hand gibt. Bei Tristan und Isolde ist die Geschichte mit dem Liebestrank übrigens auch nicht gut ausgegangen.

Eure Birgit

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