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Shitstorm gegen Claudia Neumann: Wo bleibt die Gleichberechtigung für Frauen im Sport?

Claudia Neumann wurde Opfer eines üblen Shitstorms.
Claudia Neumann kommentierte als erste Frau bei der EM 2016. © picture alliance / BREUEL-BILD, BREUEL-BILD/Jason Harrell

Claudia Neumann reagierte gelassen auf den Shitstorm im Netz

Wie unendlich peinlich: ZDF-Reporterin Claudia Neumann kommentierte zwei EM-Spiele live – und erlebte danach einen Shitstorm, der sich hauptsächlich auf ihr Geschlecht bezog. Neumann reagiert gelassen, schämen müssen sich allerdings ewig gestrige Machos.

Von Jutta Rogge-Strang

Der 3. Februar 1973 war ein historischer Tag im deutschen Sportjournalismus: Die 28-jährige Reporterin Carmen Thomas moderierte als erste Frau im deutschen Fernsehen eine Sportsendung, das 'Aktuelle Sportstudio' im ZDF. Das stieß nicht überall auf Begeisterung: Vor ihrer zweiten Sendung hatte die 'Bild am Sonntag' bereits einen Verriss der noch gar nicht ausgestrahlten Sendung geschrieben. Um das publik zu machen, las Thomas den vorab verfassten 'Bild'-Text selbst in der Live-Sendung vor und kommentierte ihn mit den Worten: "Sie brauchen heute nicht zu gucken, weil eine große deutsche Zeitung schon weiß, wie ich heute sein werde."

Okay, ein halbes Jahr später unterlief der couragierten Reporterin im 'Sportstudio' der bis heute legendäre Lapsus "Schalke 05". Aber nach damaligen wie heutigen Maßstäben hat Carmen Thomas die beliebteste Sportsendung im deutschen Fernsehen ansonsten so moderiert wie jede(r) andere auch: gut und kompetent. Ebenso wie Doris Papperitz, die zwischen 1984 und 1991 das Sportstudio moderierte – und sich mit einem legendären Satz um ihre weitere TV-Karriere brachte: "Eher fliegt ein männlicher Volontär siebenundzwanzig Mal nach Tokio, bevor eine Frau nach Wanne-Eickel darf."

"Ich hab natürlich damit gerechnet, dass es Gegenwind gibt"

Immerhin: Das hat sich geändert. Am 11. Juni 2016 hat Claudia Neumann als erste Frau im deutschen Fernsehen ein Spiel bei einer Fußball-EM kommentiert, die Partie Wales gegen Slowakei, immerhin in Bordeaux (wenn schon nicht Tokio). Das Spiel Italien gegen Schweden (Toulouse) war ihr zweiter Einsatz. Wer der Kollegin Schmidt zugehört hat, musste feststellen: Die macht das ja wie die Moderatorinnen Carmen Thomas, Doris Papperitz und Katrin Müller-Hohenstein oder wie Hörfunk-Reporterin Sabine Töpperwien – gut und kompetent.

Das sah die versammelte Macho-Netz-Community allerdings etwas anders: In den sozialen Medien hagelte es Kritik – an ihrer Stimme, an ihren Kommentaren und besonders an ihrem Geschlecht. Überraschend kam der Shitstorm für Claudia Neumann nicht: "Ich hab' natürlich damit gerechnet, dass es Gegenwind gibt. Ich kann mir vorstellen, dass im Netz der Bär tobt", so Neumann im Interview mit ZDF-Moderatorin Dunja Hayali. Überrascht war die Journalistin allerdings über die Dimension der Reaktionen, und auch ihre männlichen Kollegen seien schockiert über das Ausmaß der Kommentare.

Wir rufen der Kollegin Schmidt zu: Bleib am Ball! Mach den Boateng und lächele die Gaulands unter den so genannten Fußballfans einfach weg. Du bist besser als der dauerquakende Béla Réthy. Du hebst dich wundervoll ab von selbstverliebten Gockeln wie Reinhold Beckmann oder dem späten Marcel Reif. Du kommentierst in einer deutlich höheren Liga als bräsige (viel zu spät pensionierte) Reporter-Plautzen wie Heribert Faßbender, der zur Halbzeit, als eine Minute Nachspielzeit angezeigt wurde, mal den legendären Satz sprach "Jetzt wechseln die auch noch den Torwart aus" und ansonsten mit Latrinenparolen gegenüber argentinischen Schiedsrichtern auffiel ("Schickt den Mann in die Pampa").

Und ihr, Jungs, die ihr im Netz pöbelt: Wir wissen, wo ihr beim Tippspiel und auch sonst im Leben steht – am Tabellenende. Absteiger!

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