"Shades of Grey" - Der Skandal-Roman aus den USA

"Shades of Grey" - Der Skandal-Roman aus den USA
© dpa, Goldmann Verlag

"Fifty Shades of Grey": Muss man den Erotik-Schmöker gelesen haben?

Hmjaaa. In dieser Woche erscheint in Deutschland ein Buch, von dem wir nicht genau wissen: Werden wir es lesen? Wollen wir es lesen? Oder müssen wir es gar lesen? Damit wir überhaupt noch mitreden können? Es gibt einige Indizien, die dafür sprechen, dass man zumindest in Ansätzen wissen sollte, was in diesem "Shades of Grey" so drinsteht. Denn der Schmöker mit dem stöhnen, oh, jetzt haben wir uns vertippt, mit dem schönen Titelzusatz "Geheimes Verlangen" wollten wir sagen, steht schon jetzt auf Platz eins der Amazon-Verkaufsliste.

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Von Ursula Willimsky

Er wird also ein Bestseller werden. So wie in Kanada und in den USA, wo bisher 15 Millionen Exemplare verkauft wurden. Warum? Tja, entscheiden Sie selbst: Die eigentliche Story ist relativ übersichtlich. Eine in Liebesdingen unerfahrene, aber wunderschöne Prinzessin – oh, jetzt haben wir uns schon wieder vertippt – keine Prinzessin, sondern Studentin natürlich, trifft einen attraktiven Multimillionär.

Wer jetzt sagt: Kenn ich doch schon alles von der Rosamunde Pilcher, liegt aber falsch. Erstens spielt die Geschichte nicht in einem malerischen Cottage in Cornwall, sondern in einem Luxus-Loft in Seattle. Und zweitens begnügen sich die beiden literarischen Figuren nicht damit, einander in die Arme zu sinken – sondern sie gehen eine SM-Beziehung ein. Die offenbar auch recht detailfreudig geschildert wird ("offenbar" deshalb, weil wir wie gesagt das Buch noch nicht gelesen haben). Die Rollen sind dabei recht klar verteilt: Er ist der Herr – sie die Beherrschte, die durch drei Bände hinweg häufig vor Lust "explodiert". Jedes Detail ihres Lebens ist durch einen Vertrag geregelt – von den Schlafenszeiten bis zu den Mahlzeiten. Immerhin: Anas innere Stimme stellt immer mal wieder Bevormundung und Kontrolle in Frage.

Porno-Groschenheftchen statt anspruchsvoller Literatur?

In den USA tauften Kritiker die Soft-SM-Trilogie "Mommy-Porn", ein Porno-Groschenheftchen für die Mutti also. Die Häme hat aber nichts am Erfolg geändert. Und auch nichts an der Frage, die sich dabei stellt: Wieso? Gab´s da nicht mal so Diskussionen darüber, ob es wirklich pc ist, die weibliche Unterwerfung zu zelebrieren? Gab es da nicht mal Frauen, die generell gegen Pornos gekämpft haben, weil die eben als "frauenfeindlich" gelten/galten?

Der Erfolg der Erotik-Trilogie (die sogar Harry Potter und Dan Brown von den Spitzenplätzen der britischen Verkaufscharts stieß) scheint ein Zeichen dafür zu sein, dass solche Diskussionen zum Teil einer vermeintlichen Offenheit weichen mussten. Bei einer Umfrage der „sun“ gaben neun von zehn britischen Frauen angeblich an, sich gerne pornographische Filme anzusehen. Die kaufen dann vermutlich auch die Bücher von E.L. James, einer Schottin Ende 40, die mittlerweile in London lebt. Nach eigener Aussage kam ihr die Idee zu dem Blümchen-SM-Schinken mit seiner vorgestrigen Rollenverteilung in ihrer Midlife-Crisis.

Mit ihrer Krisenbewältigung hat sie offenbar den Nerv der Zeit getroffen. Heutzutage wird eben offen über Sexualität gesprochen. Hauch! Seufz! Flüster! Und die dazugehörige Literatur kann man sich in der Buchhandlung holen und muss sie sich nicht mehr verschämt unterm Ladentisch hervorkramen lassen. Und wer trotz aller Offenheit nicht will, dass gleich alle sehen, was man da liest, kann sie sich ja dezent im E-Book verpacken lassen.

In England, Kanada und in den für seine Prüderie bekannten USA sorgte die Trilogie für lebhafteste Diskussionen und neue Verkaufsrekorde. Als "Erotic Romance" werden die dicken Wälzer dort vermarktet. Und nun gibt es sie auch auf Deutsch. Im Herbst werden Teil 2 und Teil 3 folgen – wer Lust hat, kann sie jetzt schon vorbestellen. Oder erst mal den ersten Teil lesen. Und dann entscheiden, ob er wissen will, wie und mit welchen Spielarten es weitergeht. Denn ob das Werk nun lustanregend oder fremdbeschämend wirkt, darüber sind sich die Kritiker nicht ganz einig.

Ach ja, noch ein kleiner Trost für all die, die noch nie etwas von "Shades of Grey" gehört haben. Das ist nicht peinlich, auch wenn zig Millionen Menschen die Bücher auf ihrem Nachttisch liegen haben. Selbst Präsident Obama hat nach eigener Aussage "noch nie davon gehört. Ich muss mal Michelle fragen."