LIEBE LIEBE

Sexuelle Hörigkeit: Ist das nicht bloß schwere Verliebtheit?

Wer nie Liebeskummer hatte, hat nie geliebt

Ich habe schon oft über die entsetzlichen Qualen geschrieben, die Liebeskummer auslöst. Dabei geht es vor allem um den Kummer von Seele und Geist, den man lindern muss und will, damit man nicht vor die Hunde geht. Natürlich sehnt sich auch der Körper nach dem Menschen, den man verloren hat, aber das Leid des Körpers wird gewissermaßen subsumiert unter dem Leid von Seele und Geist. Es gibt jedoch eine spezielle Form von Liebeskummer, die gewissermaßen vom Körper ausgeht, weil der Kummer sexuell motiviert ist, um das an dieser Stelle förmlich auszudrücken. Ich spreche von der Hörigkeit.

'Hörigkeit' ist ein Ausdruck, der irgendwie nicht mehr in Mode ist. Bei mir hat sich noch keiner über Hörigkeit beklagt, weder schriftlich noch mündlich. Doch, eine einzige Frau, das fällt mir jetzt ein. Es gibt meines Wissens auch keinen Psycho-Ratgeber zu diesem Thema. Und wenn mal von Hörigkeit die Rede ist, dann geht es darum, dass jemand richtig einen Sockenschuss hat, weil ihn oder sie Hörigkeit ereilt hat wie eine schlimme Krankheit.

Ich glaube, das liegt daran, dass es zumindest in den Medien immer heißt, dass Sex und Liebe gut trennbar sind, dass man also mit jemandem 'einfach so' ins Bett gehen kann. Insofern sollte man damit keine Probleme kriegen, erst recht nicht hörig - also abhängig - werden. Von diesem Modell 'Sex ohne Liebe' war ich noch nie sonderlich überzeugt. Ich spreche jetzt nur für Frauen, und ich muss sagen, dass mir Frauen aus allen Altersgruppen bekannt sind, die sich fürchterlich schwer damit tun, Liebe und Sex zu trennen. Und diese 'Schwierigkeit' kann eben dazu führen, dass man sich mit einem Mann einfach so 'mal kurz körperlich vereinigen' wollte, und dann war das eine wunderbare Sache, so dass 1. der Körper mehr will, viel mehr und dass 2. die Seele nach zieht und ebenfalls mehr will, viel mehr.

Diesen Zustand nennt man 'Hörigkeit'. Das gilt durchaus als Psycho-Störung, damit kann man auch zum Therapeuten gehen - der freut sich, dass er einen Patienten mit einer komplizierten Störung hat, an der er sich austoben kann.

Dabei fängt alles, wie gesagt, mit einer vermeintlich harmlosen erotischen Begegnung an und endet in einer Befindlichkeit. Der Raserei. Ein höriger Mensch ist wie ein Süchtiger. So ist jedenfalls die Darstellung in der Öffentlichkeit, und so begreift das ein Therapeut.

Ich sehe das anders, für mich ist Hörigkeit keine Krankheit, sondern etwas sehr Normales. Wenn ein Mensch mit einem anderen Menschen perfekt harmoniert, was das Erotische angeht, denn verliebt er sich meistens, das ist auf jeden Fall bei Frauen so. Vor allem, wenn der Mann noch lieb und nett ist. Die Männer lasse ich hier außen vor, es gibt aber auch Männer, die im Fall einer besonders innigen Vereinigung in Flammen stehen.

Man kann doch Körper, Seele und Geist gar nicht trennen, finde ich. Für mich ist Hörigkeit nichts anderes als eine Art von starker Verliebtheit. Wer verliebt ist, 'hört' auch auf das Objekt seiner Begierde, steht Gewehr bei Fuß, wenn der andere einen sehen will. Der eigene Wille ist immer mehr oder weniger ausgehebelt, wenn es einen verliebtheitsmäßig erwischt hat.

Mit dieser Meinung falle ich aus dem Rahmen, das weiß ich. Aber gerade die aus dem Rahmen fallenden Ansichten bringen einen oft weiter. Wer das hier liest und nach einer unglaublich tollen erotischen Begegnung nicht mehr aus noch ein weiß vor Sehnsucht, wer alles dafür tun würde, den Menschen, der ihm begegnet ist, erneut zu begegnen und dann noch einmal und noch einmal, der freut sich vielleicht über meine Ansichten. Er atmet tief ein und aus und denkt: "Mensch, ich muss nicht auf die Couch. Es ist alles gut. Ich bin verliebt. Mal gucken, ob der andere meine Gefühle erwidert."

Tut der andere das nicht, hat es ihn nicht erwischt, haben wir wieder den klassischen Liebeskummer-Fall... Aber eben den normalen seelisch-geistig-körperlichen Fall, wie er mir für ein sensibles menschliches Wesen total angemessen scheint, das das Herz eben nicht vom Unterleib trennen kann. Wer das kann, wer Herz und Unterleib trennen kann, der hat es natürlich leicht. So ein Mensch, egal, ob Männlein oder Weiblein, der wird nicht hörig, der kriegt keinen Liebeskummer, wenn er mal "einfach so" die schönste erotische Innigkeit erlebt. Vielleicht kriegt so ein Mensch sogar nie Liebeskummer. Eine beneidenswerte Existenz?

Nein! Denn wer nie Liebeskummer hatte, hat nie geliebt. Und das ist mehr als traurig.

Alles Liebe! Eure Birgit

Anzeige