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Sexuelle Belästigung: Wir klären die wichtigsten Fragen

Fragen und Antowrten zu sexueller Belästigung
Die meisten Frauen bringen Vorfälle sexueller Belästigung nicht zur Anzeige. © Iakov Filimonov

Die wichtigsten Fragen und Antworten zu sexueller Belästigung

Seit den Übergriffen der Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof sorgt das Thema sexuelle Belästigung für Diskussionsstoff. Werden sexuelle Übergriffe – seien sie verbal oder physisch – auf Frauen hierzulande verharmlost? Wo fängt überhaupt sexuelle Belästigung an? Wo hört sie auf? Und was ist das Phänomen 'taharrush gamea'? Wir klären die wichtigsten Fragen. Das müssen Sie jetzt wissen:

Was ist passiert?

Bei den Silvesterfeierlichkeiten in Köln war es in der Nacht auf den ersten Januar zu Ausschreitungen gekommen. Eine Gruppe von rund 1.000 alkoholisierten Männern habe sich völlig enthemmt und aggressiv gezeigt, berichtet die Polizei. Erst in den Tagen danach wird das Ausmaß dieser Vorfälle klar: Frauen seien begrapscht, belästigt und ausgeraubt worden - auch von Vergewaltigung ist die Rede. Zunächst haben rund rund 170 Frauen die Übergriffe zur Anzeige gebracht. Mittlerweile sind 516 Anzeigen (Stand 11.01.16) eingegangen, so die Polizei Köln.

Wieso steigt die Anzahl der Anzeigen?

Laut einer EU-weiten Erhebung der 'European Union Agency for Fundamental Rights' zur Gewalt gegen Frauen wurde jede zweite Frau bereits mit einer oder mehreren Formen der sexuellen Belästigung konfrontiert – sei es physisch oder verbal. Zur Anzeige gebracht wurde jedoch nur ein geringer Teil. Warum? Noch immer besteht für viele Frauen eine großes Hemmnis darin, überhaupt über das Thema sexuelle Belästigung zu sprechen – geschweige denn, gegen die Täter vorzugehen. Nicht selten wird den Opfern dieser Übergriffe erst Tage oder Wochen später klar, dass sie diese Handlungen verletzt haben und nicht mehr aus ihrem Kopf verschwinden wollen. Außerdem ist einem Großteil der Betroffenen gar nicht klar, ob und wann sie betroffen sind.

Wo fängt sexuelle Belästigung eigentlich an?

Nach § 3 Abs. 4 des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes ist sexuelle Belästigung "wenn ein unerwünschtes, sexuell bestimmtes Verhalten, wozu auch unerwünschte sexuelle Handlungen und Aufforderungen zu diesen, sexuell bestimmte körperliche Berührungen, Bemerkungen sexuellen Inhalts sowie unerwünschtes Zeigen und sichtbares Anbringen von pornographischen Darstellungen gehören, bezweckt oder bewirkt, dass die Würde der betreffenden Person verletzt wird, insbesondere wenn ein von Einschüchterungen, Anfeindungen, Erniedrigungen, Entwürdigungen oder Beleidigungen gekennzeichnetes Umfeld geschaffen wird."

Gemeint sind also weniger schwerwiegenden Formen wie Anstarren oder anzügliche Bemerkungen via Telefon und Internet. Aber auch unerwünschte sexualisierte Berührungen, sexuelle Bedrängnis bis hin zu sexualisierten körperlichen Übergriffen. Was genau man aber als Belästigung empfindet, ist auch abhängig von der Wahrnehmung der Situation. Wichtig ist also die Frage: Was geht mir selbst zu weit?

Wo findet Belästigung statt?

Eine Berührung in der vollen U-Bahn, Bemerkungen und Pfiffe auf der Straße oder der Griff unter den Rock auf der Party: Sexuelle Belästigung kann überall stattfinden - und in den verschiedensten Formen. Sexuelle Belästigung und sexualisierte Übergriffe kommen auch oft im Kontext von Arbeit und Ausbildung vor.

Was hat es mit dem Begriff 'taharrush gamea' auf sich?

Nicht nur in Köln ereignete sich eine derartige gemeinschaftlich begangene sexuelle Belästigung von Frauen. Auch in Hamburg wurden zahlreiche gleichgelagerte Vorfälle in der Silvesternacht gemeldet.

Das BKA (Bundeskriminalamt) kenne aus einigen arabischen Ländern das Phänomen der gemeinschaftlich begangenen sexuellen Belästigung von Frauen in der Öffentlichkeit. Diese Form der Kriminalität werde dort als ‚taharrush gamea‘ bezeichnet, heißt es in der 'Welt am Sonntag'. Weiter heißt es dort von Seiten des BKA: „Solche von Gruppen junger Männer begangenen Delikte stellen die Polizeibehörden der betroffenen Staaten zumeist während großer Menschenansammlungen, etwa bei Kundgebungen oder Demonstrationen, fest. Die Übergriffe reichen von der sexuellen Belästigung bis zur Vergewaltigung“.

Rat finden Frauen auch über das Hilfetelefon: 08000 – 116 016

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