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Sexuelle Belästigung: Im Job haben Frauen es besonders schwer

Belästigung im Job
Belästigung im Job Nur wenige Frauen wehren sich 00:03:31
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Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz

Stellen Sie sich vor, Sie gehen zu einem Bewerbungsgespräch, aber statt des Jobs bekommen Sie von Ihrem potentiellen Chef ein Bild seines erigierten Penis aufs Handy geschickt. Zu absurd, um wahr zu sein? Leider nein. Genau das ist einer Bewerberin für das Kultusministerium in Magdeburg passiert. Weil die Frau zur Polizei ging, ist der Schmutzfink seinen Arbeitsplatz los. Das Problem der sexuellen Nötigung im Job aber wird es weiterhin geben. Lesen Sie, was man dagegen tun kann.

Sexuelle Belästigung: Wenn Frauen im Job sexuell genötigt werden
Sexuelle Belästigung: Wenn Frauen im Job sexuell genötigt werden © Fotolia Deutschland

Von Merle Wuttke

In dem erwähnten Fall muss sich der Täter wirklich sehr sicher gefühlt haben, nicht erwischt zu werden oder aber er litt unter einer völlig verzerrten Selbstwahrnehmung. Anders lassen sich seine Unverschämtheiten einer ihm völlig fremden Frau nicht erklären. Zum Glück reagierte die Betroffene offensiv und selbstbewusst und zeigte den triebgesteuerten Bürohengst gleich an. Das traut sich leider nicht jede Frau, die am Arbeitsplatz sexuell belästigt wird. Zu groß ist die Angst vor der Kündigung, die Scham oder die Befürchtung ausgegrenzt zu werden, wenn man ausgerechnet den "beliebten" Kollegen anzeigt. Dabei ist gerade dann wichtig, sofort selbstbewusst aufzutreten und den anderen in seine Schranken zu weisen, damit das eigene Verhalten nicht als falsch, etwa als Zustimmung, ausgelegt werden kann.

Jede zweite Frau wurde laut der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) schon mal in der Arbeit sexuell belästigt. Besonders schlimm: Gerade junge Frauen in der Ausbildung, in der Probezeit oder Geringqualifizierte sind überdurchschnittlich häufig von Übergriffen betroffen. Warum? Weil sie in der Hierarchie ganz unten stehen und am meisten zu verlieren haben.

Pornobilder per Email schicken, anzügliche Bemerkungen über das Dekolletee oder den Po, scheinbar zufälliges Berühren des Busens, auf der Geschäftsreise eine eindeutige Einladung ins Hotelzimmer des Chefs - all das gilt u.a. als sexuelle Belästigung, erfüllt aber, entgegen der landläufigen Meinung, nicht zwangsläufig den Tatbestand einer Straftat. Die Betroffenen müssen z.B. nachweisen, dass sie die sexuellen Anspielungen abgelehnt haben. Dazu reicht es aber, sich vom Täter abgrenzend zu verhalten. Arbeitgeber haben seit 2006 durch das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG), das vor Benachteilung im Job schützen soll, großen Handlungsspielraum um mit Belästigern im Büro umzugehen. Man kann abmahnen, versetzen oder fristlos kündigen.

Sexuelle Belästigung betrifft oft junge Frauen

Reicht all das aber nicht aus, um den Täter kalt zu stellen, kann das Opfer dank einer Regelung im AGG sogar dem Arbeitsplatz fern bleiben, ohne befürchten zu müssen, plötzlich kein Einkommen mehr zu haben. Jedenfalls so lange, bis der Missstand im Büro endlich behoben ist. Aber hier muss man vorsichtig agieren. Leider kommt es immer noch vor, dass Vorgesetzte versuchen, ein solches Problem totzuschweigen oder statt des Täters lieber das Opfer bitten, den Arbeitsplatz zu räumen. Wichtig hier: sich auf gar keinen Fall auf mündliche Zusicherungen seitens der Firma verlassen, etwa, wenn es heißt: "Gehen Sie mal nach Hause, wir kümmern uns. Sie bekommen einen Aufhebungsvertrag." So lange nichts schriftlich fixiert ist, kann der Arbeitgeber bei Nichterscheinen, das nicht ärztlich attestiert wurde (z.B. Krankschreibung wegen psychischem Stress), die Kündigung aussprechen!

Gleichzeitig mit dem AGG wurde auch die Antidiskriminierungsstelle des Bundes geschaffen und die ist auch dringend nötig. Deren Leiterin Christine Lüders schätzt, dass es immer noch eine hohe Dunkelziffer in Sachen sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz gibt, denn "viele Frauen haben Angst davor, mit ihrem Arbeitgeber in Konflikt zu geraten. Oft spielt auch falsch verstandene Scham eine Rolle", so Lüders am Weltfrauentag. Sie fordert Frauen auf, sich sofort Hilfe zu suchen und den Täter anzuzeigen. Als Betroffene kann man sich etwa an die Gleichstellungsbeauftragte oder den Betriebsrat wenden. Auch wichtig: Sprechen Sie Kolleginnen an, denen Sie vertrauen. Vielleicht hat eine von ihnen ebenfalls schon schlechte Erfahrungen im Büro gemacht und sich bislang nicht getraut, etwas zu sagen.

Verhaltenstipps bei sexueller Belästigung

Täter suchen Opfer. Deshalb ist es wichtig, sich aus dieser Rolle heraus zu bewegen und selbstbewusst aufzutreten. Machen Sie sich klar: Sie sind nicht schuld! Es liegt nicht an Ihrer Figur oder der Kleidung, die Sie tragen, dass Sie dumm angemacht werden, sondern einzig und allein am Täter. Ihre Reaktion sollte auf drei Säulen fußen. Erstens: Teilen Sie deutlich mit, dass Sie nicht auf diese Art und Weise behandelt werden wollen. Zweitens: Sagen Sie, dass Sie ein solches Verhalten nicht hinnehmen und das sich der Täter damit strafbar machen kann. Das muss nicht persönlich sein, sondern kann auch per Mail erfolgen - möglichst sachlich und mit genauer Nennung des Vorfalls (wann, wie, wo, was). Drittens: Fordern Sie eine Entschuldigung ein.

Formulieren Sie möglichst alles als "Ich-Botschaft", etwa, "Ich finde Ihre Sprüche mir gegenüber unangemessen und möchte, dass Sie das unterlassen" - dadurch drücken Sie klar und selbstbewusst aus, was Sie stört ohne den anderen sofort in die Ecke zu drängen.

Ändert das alles nichts, kündigen Sie Folgen an und führen Sie Gedächtnisprotokolle, heben Sie belästigende SMS oder Emails auf. Tragen Sie Fakten zusammen! Melden Sie die Vorfälle Ihrem Vorgesetzten, er muss dagegen etwas tun! Tut er das nicht, können Sie sich an den Personalrat oder an die nächste Führungsebene wenden, oder sich bei besagter Antidiskriminierungsstelle Hilfe und Rat holen. Denn keine Frau muss sich heute im Büro noch an Po fassen lassen!

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