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Sexualunterricht schon in der Grundschule: Muss das wirklich sein?

Sexualunterricht schon in der Grundschule
Aufklärung © Ingo Bartussek - Fotolia, Ingo Bartussek

Sexualunterricht: Eltern kritisieren den "Porno-Unterricht"

In der vierten, in manchen Schulen schon in der dritten oder zweiten Klasse steht das Fach "Sexualkunde" auf dem Stundenplan. Ein heiß diskutiertes Thema, vor allem wenn es um die Frage geht, wie detailfreudig der Unterricht gestaltet werden sollte. Müssen Neunjährige wirklich erfahren, was ein Orgasmus ist? Welche Praktiken es für welche zwischenmenschliche Konstellation gibt? Welche Verhütungsmethoden wie angewandt werden können? Immer wieder empören sich Eltern über den Inhalt des Unterrichts, zuletzt an einer Kölner Grundschule, wo Viertklässler als Hausaufgabe unter anderem beschreiben sollten, was ein Orgasmus ist. Bundesweit regt sich immer wieder Widerstand gegen die Inhalte des Sexualkundeunterrichts, bis hin zu Versuchen, das eigene Kind von diesem Unterricht befreien zu lassen.

Von Usula Willimsky

Die Idee, die Aufklärung nicht allein dem Elternhaus zu überlassen, sondern in der Schule das entsprechende Wissen zu vermitteln, ist keine Folge der 68er-Jahre. Schon vor über hundert Jahren sollte das Fach in Preußen etabliert werden. Dabei ging es weniger um die Sexualität, sondern mehr um die Hygiene. Jahrzehntelang blieb das Thema Sexualität aber im Grunde Tabu, man wollte die Kinder so lange wie möglich davon fernhalten. Heute ist es fest in den Lehrplänen verankert – und den Lehrern und Lehrerinnen steht ein breites Spektrum an Materialien zur Verfügung. Was genau angesprochen, gezeigt und durch die Reihen gereicht wird, klären die Pädagogen meist bei einem Elternabend im Vorfeld. Oft gibt es auch kleine Packs, die die Kinder mit nach Hause nehmen dürfen – zum Beispiel Hygieneartikel.

Für viele Eltern bleibt aber die Frage: Muss das alles wirklich so früh sein? Und schon so ins Detail gehen? Ist der Unterricht überhaupt noch kindgerecht oder verstört er meine Tochter/meinen Sohn eher? Eine Frage, deren Beantwortung sicherlich auch von der Souveränität des Lehrers abhängt und der Art und Weise, wie er das Wissen vermittelt. Und oft prallen gerade in diesem Fach ja Welten aufeinander: In der vierten Klasse sitzen Achtjährige genauso wie Zehnjährige. Manche sind noch sehr kindlich, manche schon sehr weit entwickelt. Manche haben vielleicht auch ältere Geschwister, von denen sie das ein oder andere aufgeschnappt haben. Und auch der Medienkonsum in den einzelnen Familien mag eine große Rolle spielen bei der Frage, was die Kinder denn schon wissen. Und was eben nicht. So manchen Zehnjährigen dürften da Details interessieren, die seinen Klassenkameraden noch völlig fremd sind – und die Eltern in der Nachbereitung schocken.

Kinder werden laufend mit Sexualität konfrontiert

In der heutigen medialen Welt kann man seine Kinder kaum vor sexualisierten Bildern schützen. Darf es daheim nicht ins Internet, wird es vielleicht bei einem Kumpel surfen – und unter Umständen auf Bilder stoßen, die es völlig überfordern und die es ohne Vorwissen nicht einordnen kann. Im Fernsehen, in Zeitschriften, auf Plakaten – Sex begegnet den Kindern immer wieder. Doch was dürfen, was sollen Kinder wissen? Zur Zeit gilt bei vielen Experten die Regel, dass Aufklärung eigentlich ein ganzes Kinderleben stattfinden sollte – jeweils dem Alter angepasst, angelehnt an die Fragen des Kindes.

Aber wie formuliere ich es? Eine Freundin aus Köln hat mir dazu etwas Nettes erzählt: Bei ihr waren einige Grundschulkinder, so zwischen Sieben und Zehn. Aus irgendwelchen Gründen kam das Gespräch auf Kondome – woraufhin eine Siebenjährige natürlich sofort wissen wollte, was das ist. Bevor meine Freundin antworten konnte, wusste ein Neunjähriger schon die Antwort parat: "Kondome zieht man sich übers Glied, wenn man Sex haben will, aber kein Baby dabei machen will." Das Ganze kam wohl ziemlich souverän, ohne verdruckste Scham und gar nicht peinlich – und so nahm es das Mädchen auch auf: Danke. Keine weiteren Fragen. Als Mutter hätte man vermutlich lange um die richtigen, "kindgerechten" Worte gerungen. Oder vielleicht das Thema gewechselt und riskiert, dass sich das Kind irgendwann seine Informationen irgendwo zusammensucht…

Vielleicht ist das ja der große Vorteil am schulischen Aufklärungsunterricht: Dass er so früh stattfindet, dass die kleinen Hirne noch nicht völlig von Hormonen und Neugier vernebelt sind, sondern sie noch das Wissen als solches aufnehmen können. Und irgendwann, wenn's an der Zeit ist, anwenden. Wobei – vermutlich aufgrund der guten Aufklärung – dieses irgendwann entgegen landläufiger Meinung recht spät ist. Und vor allem – laut Bundesfamilienministerium – sehr oft in einer festen Beziehung stattfindet (in der man auch über Verhütung sprechen kann). In den vergangenen Jahren hat sich gerade bei der Verhütung bei Jugendlichen einiges getan: 1980 erlebten noch 20 Prozent der Mädchen ihr "erstes Mal" ohne Schutz (Jungs: 29 Prozent!) – 2010 nur noch 8 Prozent. Auch die Zahl der Teenager-Schwangerschaften sinkt. Nach einer Generation, die im Glauben aufwachsen muss, dass man verheiratet sein muss, um Kinder zu bekommen, klingt das nicht. Dafür haben offenbar beide Geschlechter gelernt, dass zum Verhüten zwei gehören.

Und noch einen ganz wichtigen Aspekt bedient der Aufklärungsunterricht: Es geht dort ja auch um selbstbewusstes und selbstbestimmtes Handeln. In allen Richtlinien und Lehrplänen sind Themen wie Zärtlichkeit und Erotik an verantwortungsvolle Partnerschaft und Liebe gebunden, betont die Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung. "Dies gilt ebenfalls für die Prävention von sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche. Dass schulische Sexualerziehung hierzu einen maßgeblichen Beitrag leisten soll, wird mittlerweile in allen Bundesländern anerkannt. Dabei setzen sie vor allem auf die Stärkung des Selbstbewusstseins von Kindern." Im Unterricht sollte es auch um Gefühle gehen, um Vertrauen – und um Grenzen. Auch die Info, "Nein!" sagen zu dürfen, gehört zur Aufklärung.

Wie ist Eure Meinung? Was alles sollte der Sexualkundeunterricht behandeln? Und welche Aspekte sollte er in der Grundschule noch ausklammern?

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