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Sexualkunde in der Schule

Sexualkunde in der Schule
Sexualkunde: Let's talk about sex, mein Kind! © MEV-Verlag, Germany, Bernd Mueller

Mit Neugier in die Sexualkunde

Sechsjähriger: "Mama, wie kommen eigentlich die Babys auf die Welt?"

Mutter: "Na, die wachsen im Bauch von der Mama und irgendwann wollen sie raus - und dann kommen sie aus dem Bauch raus."

Sechsjähriger: "Und wo genau kommen die raus?"

Mutter: "Na, unten, aus dem Bauch."

Sechsjähriger: "Quatsch Mama, die kommen aus der Scheide raus."

Mutter: "-------"

Von Ursula Willimsky

Tja, wer nicht fragt, bleibt dumm. Bleibt nur die Frage: Wer hat mehr Fragen beim Thema Aufklärung - die Kinder oder die Eltern? Wie sag ich es meinem Kind? Ist Aufklärung eine Privatangelegenheit, also Sache des Elternhauses, oder der Schule? Oder von beiden? Ein aktuelles Urteil aus Karlsruhe bestätigt: Sexualkunde in der Schule ist Pflicht - für alle. Und Experten sagen: Mit der Sexualkunde sollte schon in der Grundschule begonnen werden.

Geklagt hatten Baptisten aus Westfalen. Die tief religiösen Eltern hatten ihre Söhne nicht zur Schule geschickt, als dort ein Theaterprojekt mit dem Motto "Mein Körper gehört mir" auf dem Stundenplan stand. Denn ihrer Meinung nach basierte das Theaterstück, das sich mit sexuellem Missbrauch auseinandersetzte, auf einer "absolut einseitigen emanzipatorischen Sexualerziehung". Karlsruhe sah das anders - und erklärte, dass die Teilnahme am Sexualkundeunterricht verpflichtend für alle sei, solange die Schule Neutralität und Toleranz gegenüber den erzieherischen Vorstellungen der Eltern wahrt.

Damit bestätigte Karlsruhe, was im Grunde schon seit 1986 gilt: Seit damals ist die Sexualerziehung in der Schule in allen Bundesländern obligatorisch und schon von der Grundschule an fester Bestandteil in den Lehrplänen. Dieser frühe Start hat einen großen Vorteil, sagen Pädagogen: Kinder gehen noch ohne Scham mit dem Thema "mein Körper" um. Sie haben Fragen - und die wollen sie beantwortet bekommen. Meist wird das Thema fächerübergreifend behandelt. Mit dem eigentlichen Sexualkundeunterricht, in dem Themen wie Verhütung konkreter angesprochen werden, beginnen die Schulen meist in der fünften Jahrgangsstufe. Verbindliche Richtlinien gibt es aber kaum.

Aufklärung: Pflicht für alle

Und offenbar tut Aufklärung not, auch in einer Zeit, die ach so aufgeklärt scheint. Eine aktuelle Studie belegt, dass 28 Prozent aller Jugendlichen schon einmal Sex hatten, ohne zu verhüten. Noch vor drei Jahren waren es nur 14 Prozent. Und das in einer Zeit, in der immer mehr Jugendliche, aber auch schon Kinder, mit etwas konfrontiert werden, das kaum noch etwas mit Sex zu tun hat: Die allgegenwärtige Pornographie im Internet.

Weil Lehrer sich oft damit überfordert fühlen, dieses verzerrte Bild der Sexualität wieder zurechtzurücken - und weil sie oft auch einfach zu nah dran sind an den Schülern und diese es deshalb vielleicht nicht wagen, ihre wirklich brennenden Fragen zu stellen - holen sich immer mehr Schulen beim Thema Sexualkunde Hilfe von außen. Manche in den höheren Klassen, andere bereits in der Grundschule. Ein Beispiel: pro familia in München. Dort häuften sich im vergangenen Jahr die Anfragen. Das sexualpädagogische Team musste sogar 51 Grundschulklassen eine Absage erteilen, weil keine Termine mehr frei waren. Die Einrichtung bietet übrigens auch Lehrer-Weiterbildungen an - und Elternkurse.

Bevor das Team von pro familia in die Klassen geht, werden die Eltern informiert - und die meisten sind damit einverstanden. Jeweils eine Frau und ein Mann haben für die Fragen der Kinder ein offenes Ohr. Das Reden über Sexualität fällt hier den Kindern besonders leicht, denn die Klasse wird nach Geschlechtern getrennt. Und außerdem wissen die Schüler, dass die Experten der Schweigepflicht unterliegen - anders als Lehrer oder Eltern.

Manche Lehrer greifen auch im regulären Unterricht auf einen ähnlichen Kniff zurück: Sie sammeln zum Beispiel anonyme Zettel mit den Fragen ihrer Schüler. Wenn diese Fragen dann beantwortet werden, weiß niemand, von wem sie stammen. Und niemand muss deshalb Angst haben, ausgelacht zu werden, weil er eine "blöde" Frage stellt, über die die anderen schon längst Bescheid wissen.

Nicht jeder hat ein Zuhause, in dem über das wichtige Thema unbefangen geredet wird. Der Aufklärungsunterricht kann solchen Kindern helfen. Aber eigentlich ist er dafür gedacht, die Sexualerziehung im Elternhaus zu ergänzen oder zu begleiten. Auch wenn der Inhalt der Unterrichtslinien von Bundesland zu Bundesland variiert - in den wichtigsten Punkten soll in Mecklenburg-Vorpommern das gleiche vermittelt werden wie in Bayern: Themen wie "Vielfalt der Lebensgemeinschaften", "gleichgeschlechtliche Liebe", "jugendliche Sexualität", "Aids" oder "sexuelle Gewalt gegen Kinder" kommen mittlerweile überall vor.

Die Richtlinien aller 16 Bundesländer orientieren sich übrigens an der klassischen Familie. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung teilt mit, dass in allen Richtlinien und Lehrplänen Themen wie Zärtlichkeit und Erotik an verantwortungsvolle Partnerschaft und Liebe gebunden seien. Und das sind ja nicht die schlechtesten Voraussetzungen für ein erfülltes Liebesleben.

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