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Sexual-Assistenz: Sexuelle Unterstützung für Menschen mit Behinderung

Sexual-Assistenz: Nina de Vries hilft behinderten Menschen, ihre Sexualität zu erkunden
Nina de Vries ist Sexual-Assistentin © Privatfoto Nina de Vries

Nina de Vries arbeitet als Sexual-Assistentin

Für viele behinderte Menschen ist eine bezahlte sexuelle Dienstleistung immer noch die einzige Möglichkeit, jemals sexuelle Erfahrungen zu machen. In England sorgte eine Mutter für Aufsehen, als sie öffentlich eine Sex-Partnerin für ihren Sohn mit Down-Syndrom suchte. Die Deutschen haben es da einfacher: Nina de Vries arbeitet seit neun Jahren als Sexual-Assistentin für Menschen mit Handicap. Jutta Rogge-Strang hat für Frauenzimmer.de mit ihr gesprochen.

FZ: Was ist Sexual-Assistenz?

Nina de Vries: Das ist eine bezahlte sexuelle Dienstleistung für Menschen mit einer geistigen, psychischen oder körperlichen Beeinträchtigung. Ausgeführt idealerweise von Menschen, die eine bewusste Motivation haben.

Das ist wichtig, weil es sonst nicht funktionieren würde. Sexuelle Dienstleistung ist in unserer Gesellschaft ja eher verpönt. Es geht hier um eine bewusste, wahrhaftige Sexualität, nicht um reine Mechanik. Es geht nicht nur um Befriedigung, sondern um einen ganzheitlichen Ansatz. Den Menschen nicht nur sehen als einen Behinderten oder als Kunden, sondern als Mensch mit allem Drum und Dran.

FZ: Warum arbeiten Sie in dem Bereich, wie sind Sie auf die Idee gekommen?

Nina de Vries: Ich habe ab 1994 erotische Massagen angeboten und bin gefragt worden. Es ist nicht so gewesen, dass ich mir gedacht habe: Menschen mit Behinderung, die brauchen so was. Es gibt so viel Not, es gibt so viel Bedarf, da haben Leute gemerkt: Es gibt Menschen, die sexuelle Dienstleistungen auf eine verantwortungsbewusste Art anbieten. Und die haben mir das dann eben auch zugetraut. Erst Menschen mit Körperbehinderungen und dann auch Menschen mit geistiger Behinderung.

Die Betreuer können nur eine passive Assistenz erbringen, Dinge erklären. Aber wenn die Grenze erreicht ist und es muss in eine aktive Sexual-Assistenz gehen, dann ist oft die Frage: Na, was machen wir denn jetzt? Es gibt ja auch nicht so viele Möglichkeiten.

Mein Klientel sind meist Menschen mit schweren Mehrfach-Beeinträchtigungen. Da geht es nicht mehr um jemanden in einem Rollstuhl, der einfach einsam ist und mal wieder eine Frau berühren möchte. Da geht es oft um eine Art Notsituation, in der Menschen total unglücklich sind, übergriffig werden, keine Sprache haben für ihre Sexualität, kein Konzept haben von ihrer Sexualität und die dann einfach Hilfe brauchen. Manchmal vorübergehend, manchmal etwas länger, das ist ganz unterschiedlich. Dann legen sich auch die Probleme.

FZ: Was passiert in den Sitzungen? Wie laufen sie ab?

Nina de Vries: Was ich immer klar mache, es gibt erst mal ein Entspannen und Empfangen - wenn das geht. Erst mal macht mein Klient gar nichts, ich berühre, ich massiere. Und dann lege ich mich hin mit den Leuten, und es gibt Umarmungen, Streicheln, es gibt dann eigentlich alles außer Geschlechtsverkehr und Oralkontakt.

Das dauert etwa eine Stunde. Das reicht oft, speziell für Menschen mit sogenannter schwerer geistiger Behinderung, weil es unglaublich viele Eindrücke sind, die sie da verarbeiten müssen und viele haben auch autistische Züge, wo sie ihre vertrauten Abläufe brauchen.

FZ: Haben Sie auch manchmal Ekel oder Angst?

Nina de Vries: Eigentlich nicht. Für mich ist das Wichtigste, dass das, was ich anbiete, Berührung, Zusammensein, Umarmen, Streicheln, Massage, und eben kein Küssen und kein Geschlechtsverkehr, für meine Klienten passend ist. Ich kriege ja meistens Anrufe von Betreuern, Psychologen, Heimleitern, oder manchmal auch Angehörigen, da muss ich das Gefühl haben, dass ich da vielleicht etwas geben kann. Dass mein Angebot da das Richtige ist.

Wenn man zum Beispiel sagt, die Person ist aggressiv oder dick oder hat Schuppenflechte, das wäre für mich kein Grund, nein zu sagen. Aus solchen Gründen würde ich nie Nein sagen. Aber ich sage eigentlich fast sowieso nie Nein. Wenn es jemand ist, der selbst sprechen kann und verstehen kann, dann muss die Person gefragt werden, wenn das möglich ist, willst du auch Geschlechtsverkehr oder Küssen? Wenn die Antwort Ja ist, dann muss ich das ablehnen, das kann ich dann nicht machen.

FZ: Was tun Sie, wenn sich jemand in Sie verliebt, weil Sie die einzige sind, mit der er oder sie erotischen Kontakt haben kann?

Nina de Vries: Wenn ich hauptsächlich mit Körperbehinderten arbeiten würde, oder mit nicht sichtbar Behinderten, dann würde das Thema Liebe, Beziehung dauernd eine Rolle spielen und ich müsste mich kontinuierlich abgrenzen. Nicht, weil ich so toll bin, sondern weil sie die Erfahrung verbinden mit der Person.

Bei Menschen mit einer sogenannten geistigen Behinderung, mit denen ich ja viel mehr zu tun habe, kommt das nicht so oft vor. Diese Menschen erlebe ich so, dass sie sehr stark im Moment leben, und weniger abstrakt denken können, "Wann kommt die jetzt wieder, was genau passiert da, wie viel bezahle ich dafür, liebt die mich auch, hat die jetzt auch Spaß da dran?" Das heißt aber nicht, dass das nie vorkommt.

In meiner Rolle als Sexual-Begleiterin informiere ich mich über die Situation, ich entscheide, ob ich mich und mein Angebot für geeignet halte. Wenn ich dann mit jemandem arbeite, ist es meine Aufgabe gegebenenfalls zu beobachten: "Ach ja, da ist jetzt eine Abneigung, ach so, da ist jetzt ein gewisser Ekel", ich kann und muss das alles verarbeiten, denn das ist mein Job: Zu beobachten und mich nicht zu identifizieren mit diesen Gefühlen, sondern den Respekt und die Zuneigung finden und das gelingt oft.

Ich habe es manchmal schon mit sehr merkwürdig aussehenden Menschen zu tun und es wird Leute geben, die würden sagen, also nie im Leben würde ich den anfassen wollen. Aber für meine persönliche Entwicklung ist es sehr bereichernd, eben die Person zu berühren, wo die erste Reaktion vielleicht ein Zurückschrecken ist. Eben hingehen statt nicht hingucken und weggehen, um dann zu entdecken, wie berührend eine Begegnung sein kann, die man sich erstmal nicht vorstellen konnte.

FZ: Ist es Körperarbeit, oder ist es mehr?

Nina de Vries: Es ist mehr im Sinne von Berührung, von Zärtlichkeit. Klar, es ist auch Massage, aber es sind auch Berührungen, die solche Menschen nie bekommen. Ein langsames bewusstes Streicheln, das kennen die gar nicht. Im Alltag gibt es für sie ganz viele Berührungen, aber immer (nur) Zweck-Berührungen. Mach mal deinen Arm so, anziehen, waschen, aber nie völlig zweckfrei.

FZ: Was macht denn Ihre Arbeit aus?

Nina de Vries: Ich nehme meine Klienten ernst. Ich muss verstehen, als Sexual-Begleiterin oder Assistentin, dass ich froh sein kann, dass ich jemandem etwas geben darf und dass jemand meine Anwesenheit und meine Berührungen haben will. Dass jemand genug Vertrauen zu mir hat, um das annehmen zu können.

Ich nenne das Ebenbürtigkeit. Ich muss den anderen wahrnehmen, egal in was für einem Körper der steckt oder was er alles kann oder nicht kann. Es wird ja immer betont, was die Behinderten alles nicht können. Und oft nehme ich sie so wahr, was können die eigentlich alles, was ich nicht kann. Zum Beispiel dieses "im-Moment-sein".

FZ: Könnten Sie auch "Schaden anrichten"?

Nina de Vries: Das glaube ich nicht. Ich habe zum Beispiel einen Klienten, als der zum ersten Mal kam, hat er meine Cremeflasche gesehen und weggestellt und mich so angeguckt. Und dann hat er wohl gedacht, "na vielleicht hat sie's noch nicht begriffen", dann hat er die Flasche noch weiter weggestellt. Und dann hat er mir gezeigt, dass er eine Berührung will, ein leichtes Streicheln über den Körper. Erst habe ich nicht verstanden, was macht der jetzt? Aber dann habe ich kapiert, ach so, er will mir sagen, was er möchte. Und am Anfang hat er mich auch immer wieder korrigiert.

Auch wenn ich mit Menschen arbeite, die nicht sprechen können, frage ich immer: "Darf ich meine Hand hierhin legen?" Sogar wenn sie nicht antworten können. Ich habe immer das Gefühl, sie hören schon, dass da zuerst eine Frage ist. Und ein vorsichtiges Ausprobieren.

FZ: Für wen sind Ihre Angebote denn passend?

Nina de Vries: Es gibt eigentlich zwei Gruppen von Klienten: Bei der einen geht es um Menschen, die keine Vorstellung haben von Sexualität. Die auch im Fernsehen nie etwas gesehen haben, was sie auf sich selber übertragen könnten, weil sie auf Grund der Beeinträchtigung diese Rückkopplung nicht machen können. Die sich aber vielleicht dadurch, dass sie von Sexualität keine Vorstellung haben, zu Tode erschrecken, wenn sie auf einmal eine Erektion haben. Oder Frauen, die versuchen, Sachen in sich einzuführen. Weil sie fühlen, da ist irgendwas, was ist denn das? Und viele von diesen Menschen wissen oft nicht, wie sie masturbieren können, wo vielleicht viele denken würden, das kann man doch selber herausfinden. Da geht es um Menschen, die ohne Assistenz nicht leben können und sie brauchen auch auf sexuellem Gebiet eine direkte Assistenz.

Dann gibt es noch die Menschen, deren Sexualität sich wie bei uns entwickelt, und es entsteht ein Bedürfnis nach Austausch. So wie bei manchen Menschen mit Down Syndrom, die auch sprechen können. Da muss es eine total gute passive Sexual-Assistenz geben. Ganz viel mit Reden können, erzählen, Sachen zeigen, einfach eine gute Aufklärung. Und dann eine Unterstützung - wenn es irgendwie möglich ist - um Beziehungen einzugehen. 

Ich kann auch einem Paar assistieren. Zum Beispiel haben wir einen Mann und eine Frau mit Down Syndrom. Es ist klar, dass sie zwar verliebt sind und sich kennen lernen wollen, aber dann fehlt so ein bisschen das Wissen, was sie machen können, und wie. Dann hört es für Betreuer an irgendeinem Punkt auf. Dann wäre es sinnvoll, dass ich mich mit der Frau zusammensetze und ihr zeige: Das ist ein Vibrator, das ist eine Klitoris und so weiter. Und es ist auch wichtig zu wissen, dass Du es sagen kannst, wenn du etwas nicht willst. Das sind intime Dinge, die ein Betreuer nicht leisten kann.

FZ: Wo sehen Sie den Unterschied zur Prostitution?

Nina de Vries: Mein Angebot ist nicht reduziert auf Bedürfnisbefriedigung, denn Sexualität ist viel mehr.

Auf einer Veranstaltung wollte ein Mann mit Down Syndrom mir eine Frage stellen, und es hat ewig gedauert, denn er war schüchtern und konnte auch nicht so gut sprechen. Und dann kam heraus, er wollte mal zu einer Prostituierten, aber seine Mutter möchte das nicht. Und das kann man ja auch verstehen, weil die Mutter Angst hatte, dass er da über den Tisch gezogen wird, abgefertigt wird oder vielleicht noch nicht mal das. Aber man muss auch Menschen mit Behinderungen etwas zumuten und respektieren, dass sie so etwas entscheiden wollen. Dann wäre es natürlich superschön, wenn das Umfeld in der Lage wäre, in einem Bordell anzurufen und zu sagen, wir haben hier eine Person mit einem Bedürfnis. Aber dann kommen oft wieder die Berührungsängste und die Hemmungen, und dann machen sie es nicht.

Was ich aber auch nicht möchte ist als Sexual-Assistentin irgendwo hingeholt werden, weil das Umfeld damit ein besseres Gefühl hat, weil sie Prostitution ablehnen, und wo Sexual-Assistenz dann dargestellt wird als eine Art saubere Prostitution. Das finde ich auch nicht gut. Die Wünsche der Klienten sollen im Mittelpunkt stehen. 

FZ: Mit welchen Zweifeln, Ängsten und Vorurteilen sehen Sie sich konfrontiert, können Sie sie nachvollziehen?

Nina de Vries: Ja, natürlich! Meine Arbeit ist zum Großteil der Versuch, klar zu machen, wie das geht, mit jemandem intim zu sein, gegen Bezahlung, mit Anerkennung und Respekt für diesen Menschen. Ich kann meinen Zahnarzt oder einen Chirurg auch nicht verstehen, wie er in jemanden reinschneiden kann. Das kann mein Zahnarzt mir drei, vier Stunden erklären, aber ich werde es mir nie im Leben vorstellen können, bin aber sehr froh, dass er/ sie das kann. So ist das auch mit sexueller Dienstleistung. Ich versuche immer zu erklären, dass Sexualität nicht unbedingt gebunden sein muss an eine Paarbeziehung und eine romantische Idee von Liebe. Das kann man trennen. Das heißt aber nicht, dass ich mechanisch oder abgehärtet arbeite.

In den Menschen mit Behinderung sehe ich mich selber. Ich sehe, wie ich mit Hilflosigkeit, mit Bedürftigkeit, mit Abhängigkeit umgehe und überhaupt mit Leben. Inwieweit bin ich überhaupt präsent, inwieweit sind die Behinderten eigentlich viel authentischer als ich? All das interessiert mich. Und nicht "die Behinderten" und "die Gesellschaft". Darum bin ich auch nicht gut in politischer Arbeit. Das wäre nichts für mich.

FZ: Was wünschen Sie sich für Ihren Beruf?

Nina de Vries: Dass aus dieser Tätigkeit ein Berufsbild wird, genauso wie anderen Förderungen oder Assistenzformen für Menschen mit Beeinträchtigung. Wissend, dass es nicht um Therapie geht, sondern um ein menschliches Grundbedürfnis. Ich möchte, dass klar wird, dass aktive Sexual-Assistenz eine notwendige Geschichte ist und nicht eine Art saubere Prostitution oder Kuschelsex oder "Notfall-Therapie".

Wir könnten uns alle ja eigentlich auch so benehmen wie wir wirklich empfinden, aber wir tun es nicht. Wenn auch wir wirklich frei wären, wäre Sexual-Assistenz kein Problem. Aber schon die Menschen ohne sichtbare Behinderung haben so viele Probleme mit ihrer Sexualität, mit ihren Beziehungen. So viele Unklarheiten, soviel Nicht-Reflektieren, dadurch ist eine Akzeptanz schwer.

FZ: Was wünschen Sie sich für behinderte Menschen?

Nina de Vries: Es würde mir sehr sehr wehtun, wenn ich behindert wäre und die Umwelt so auf mich reagiert, wie ich es häufig erlebe. Der Umgang mit mir als etwas Merkwürdigem, Anderem, das würde mir sehr wehtun.

Wenn ich behindert wäre würde ich mir wünschen, dass mir die anderen ohne Angst begegnen.

Dass sie mir mit Respekt und Offenheit begegnen. Ich glaube, diese Ängstlichkeit, "oh Gott, da ist jemand behindert, wie traurig oder wie schlimm", das macht so befangen. Ich würde mir auch wünschen, dass sie mich fragen würden: Was ist mit dir? Damit man darüber reden könnte.

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