Sexistische Sprache: Wie Worte geschlechtsspezifische Unterschiede schaffen

Sexistische Sprache: Wie Worte geschlechtsspezifische Unterschiede schaffen
© picture-alliance / beyond/Claudi, beyond/Claudia Göpperl

Wie wir Frauen und Männer bezeichnen, bestimmt unser Denken

“I´m not bossy. I´m the boss." Wow. So wie Beyonce das in einem Spot sagt, glaubt man ihr das sofort. Und wäre am liebsten auch genauso selbstbewusst. „Bossy“ – gegen dieses Wort läuft derzeit eine Kampagne. Es ist das Wort, gegen das Facebook-Chefin Sheryl Sandberg schon in frühen Jahren eine Allergie entwickelte. Und gegen das sie heute mit prominenten Unterstützerinnen kämpft: Beyonce, Jennifer Garner, Jane Lynch, Diana von Fürstenberg oder auch Condoleezza Rice machen bei der Kampagne mit. Erklärtes Ziel: Mädchen Mut machen, der Boss zu werden. Und zwar ohne schlechtes Gewissen. Das kleinen Mädchen in dieser Hinsicht oft schon im Sandkasten antrainiert wird. Im Englischen werden die Zielgerichteten unter ihnen gerne als „bossy“ bezeichnet. Klingt niedlich, ein bisschen wie eine selbstgehäkelte Mütze, bedeutet aber leider „herrisch“ oder „rechthaberisch“. Und so sollen Mädchen nicht sein. Nein, nein, nein.

Ursula Willimsky

Manche Mutter kennt das vielleicht aus eigener Erfahrung: Wenn man dem kleinen Fritz jetzt schon anmerkt, dass er mal ein richtiges Alpha-Männchen wird, ist das nicht unbedingt negativ gemeint. "Der Junge wird es mal zu was bringen!" schwingt da mit. Wenn die kleine Franziska aber recht durchsetzungsfreudig ist, ja, dann passt sie sich eben nur schwer der Gruppe an, und dann sollte man als Eltern schon mal ein bisschen mit ihr dran arbeiten.

Worte haben Macht. Und bei der Kampagne von Sandberg geht es genau darum: Dass Worte jemanden beeinflussen können. Sie können einen kleinen Jungen oder ein kleines Mädchen pushen und ihnen Selbstvertrauen geben. Sie können aber auch bremsen und hemmen.

"Hui! Eure Kleine weiß aber genau, was sie will!" – solche Sätze sind es, für die Sandberg mit ihren Mitstreiterinnen sensibilisieren will. Werden sie doch nur selten voller Bewunderung gesagt. Herrisch, dominant, durchsetzungskräftig, rechthaberisch, mit Alpha-Genen gesegnet – alles Eigenschaften, die Mädchen nicht so gerne in die "Was-mich-ausmacht"-Spalte im Freundebuch schreiben. Leider aber auch alles Eigenschaften, die Mädchen haben können. Und die ihnen zu einer Turbo-Karriere verhelfen könnten. Wenn sie sich denn trauen. Und nicht das Gefühl haben, dass sie ihr Verhalten verbessern müssten. Sprich: Lieber, netter, "mädchenhafter" werden müssten.

"Be brave! Be You!" – schöner als Beyonce im Kampagnen-Video kann man die Botschaft, die Sandberg da in die Welt bringen will, eigentlich nicht zusammenfassen. Sei Du! Und für die anderen gilt: Sei achtsam. Und überleg Dir vorher, was Du da eigentlich sagst. Denn das, was du sagst, könnte sich bei deinem Patenkind im Unterbewusstsein festsetzen. Und so Geschlechterrollen zementieren.

"Meine Herren, die setzt sich aber durch!" – kann zweierlei heißen: Das Mädchen wird es mal in den Aufsichtsrat schaffen. Oder: Die wird es mal schwer haben, einen Mann zu finden. Die Entscheidung in welchem Sinn – und in welchem Tonfall – derartige Sätze häufiger fallen, überlassen wir Eurer persönlichen Erfahrung.

So wichtig ist Sprache

Die Kampagne von Sandberg hat uns daran erinnert, dass Sprache und das, was man mit der Sprache einem Menschen mitteilt, wichtig ist. Ein gutes Stück sind wir alle ja auch das, was die anderen von uns denken. So was prägt. Und wenn Mädchen vor allem niedlich zu sein haben und andere Charaktereigenschaft eher mit Skepsis kommentiert werden - tja, dann werden etliche von ihnen eben lieber niedlich und nett als Unternehmerin. Und leben eine geschlechtsspezifische Vorgabe, die vielleicht gar nicht die ihre ist.

"Ban Bossy" geht in eine etwas andere Richtung – vielleicht auch weiter - als die Forderung nach einer geschlechtergerechten Sprache. In den frühen 80er-Jahren wurden erste Richtlinien für nicht-sexistischen Sprachgebrauch veröffentlicht. Was damals manchmal eher die Frage aufwarf, ob die AutorInnen noch alle TässInnen in den SchränkInnen haben. Eine geschlechtergerechte Sprache ist mehr als nur eine korrekte neutrale Grammatik.

Es macht die Sache ja nicht besser, wenn man einen Teenager nicht als "herrisch" sondern als "herrinnenmässig" bezeichnet. Ob eine Frau nun Boss wird oder Bossin – egal. Hauptsache, sie kann sich beruflich so weiterentwickeln, wie sie es will und wie es ihren Fähigkeiten entspricht. Und auf dem Weg dahin kann es durchaus eine Rolle spielen, mit welchem Label sie groß wurde: Aggressiv – oder ambitioniert…

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