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Sexismus in der Werbung: Ausnahmezustand Fußball-EM

Sexismus in der Werbung
Knapp bekleidete Frauen - so wird das Thema Fußball sexy beworben. © Getty Images/iStockphoto, majesticca

Rote Karte für Sexismus in der Werbung

Juhu! Bald ist wieder EM! Die Meisterschaft wird auch die reinen Eventgucker (unter Finale UEFA-Cup, WM, Entscheidungsspiel Bundesliga geht nix) in die Biergärten oder zumindest auf die Fernsehcouch der besten Freundin locken. Wir erwarten von la Mannschaft ein Sommermärchen. Mindestens! Weniger märchenhaft finden wir allerdings, wie Veranstaltungen rund um das Mega-Event teilweise beworben werden. Überhaupt scheinen Fußball und Sexismus ein prima Doppel-Desaster abzugeben – und da reden wir jetzt nicht nur von den "extrem heißen Fan-Kurven", die ein Männermagazin ausgeguckt hat.

Von Ursula Willimsky

Dass Models nicht nur gerne technische Geräte liebkosen, sondern bei Bedarf auch Fußbälle, das ist klar. Da regen wir uns kaum mehr auf. In die Kategorie 'offensichtlich' fallen auch verbale Spielereien, in denen Worte wie 'rund' oder auch mal 'Bälle' lustig zweideutig verwendet werden. Auch die Werbung für ein Bundesliga-Trikot passt in dieses Genre. "Nur gucken, nicht anfassen" steht auf dem Plakat. Daneben ist eine Frau zu sehen, bei der wir nicht ganz sicher sind, ob sie bei betreffendem Verein als Profispielerin unter Vertrag steht. Aber wir wissen: Sie hat gerade im neuen Trikot verdammt hart trainiert. Das sieht man, weil ihr offensichtlich sehr warm ist. Warum sonst sollte sie das Leibchen bis über den Bauchnabel hochkrempeln und mit leicht geöffnetem Mund nach Luft hecheln?

Apropos Frauenfußball: Auch da gibt es einiges zu berichten, auch wenn die Weltklasse-Spielerinnen gefühlt für ihre Leistungen deutlich weniger mediale Aufmerksamkeit bekommen als die neue Handtasche einer Spielerfrau. Egal. Spielerfrau ist ja inzwischen ein gesellschaftlich anerkannter Beruf, mit dem man sich eine vielversprechende Karriere aufbauen kann. Und vermutlich verdient man damit auch mehr als Profi-Sportlerinnen.

Einer Statistik haben wir entnommen, dass die Gehälter von männlichen Profi-Fußballern bis zu 260-Mal höher sind als die Gehälter von Spielerinnen. Gender-Gap extrem. Von Spielermännern, denen es gelang, aufgrund ihrer Verbandelung mit einer Fußballerin einen Werbevertrag zu ergattern, ist uns gar nichts bekannt. Kommt vielleicht noch. So in dreißig oder vierzig Jahren.

Dann werden wahrscheinlich auch bei großen Frauen-Fußball-Events Sondereditionen von Schokoladen-Eiern unters Volk gebracht. Bisher ist das eine reine Männerdomäne, 2014 zum Beispiel. Überraschung! Auf einigen Eiern stand 'Weltmeister' – und auf einigen 'Spielerfrau'. Jetzt darf jede Mal selber kurz überlegen, welches Wort rosa und welches blau geschrieben war…

Oft nur winzige Unterschiede

Aber wenigstens gibt's ja endlich Sammelalben mit Fußballerinnen. Zur Frauen-WM 2015 in Kanada erschien der erste internationale Band. Gut, auf dem Cover ist ein männlicher Fußballer zu sehen, keine Frau, die den Ball tritt. Aber das sind Details. Genauso wie ein weiterer klitzekleiner Unterschied: Im Männer-Album wird das Gewicht der Spieler genannt. Bei den Frauen hat man darauf "bewusst verzichtet", so der Hersteller, "das finden wir charmanter".

Ja, die Mädels! Nix anderes als ihr Aussehen im Kopf! Kapitänin Saskia Bartusiak flunkert wahrscheinlich auch immer, wenn sie ihr Alter im Spielerinnen-Pass angeben muss.

Denn Aussehen ist ja soo wichtig! Ein Punkt übrigens, bei dem die Partie Männer versus Frauen mit einem Unentschieden endet. Im Netz wird die Frage nach dem 'Sexiest Body' nämlich sowohl in Hinblick auf die Damen - als auch auf die Herrenmannschaft eifrig diskutiert. Wie das Verhältnis aussieht, wenn es um ernsthafte Auseinandersetzungen über die jeweilige Spielqualität aussieht, darüber schweigen wir lieber.

Schweigen würden wir am liebsten auch, wenn es ums Thema Werbung für Public Viewing geht. Als Beispiel sei nur ein Plakat öffentlich totgeschwiegen, das zu einem entsprechenden Event in Süddeutschland einlädt: Ein Mann flätzt sich in seinem Fernsehsessel, ein knapp bekleidetes Dessous-Model kippt ihm Bier in den Mund. Ihre Kollegin kümmert sich um seine anderweitige orale Versorgung. Rote Karte! Ab in die dunkle Kabine und noch mal drüber nachdenken, wie das so ist, wenn man sich selber ins Abseits schießt!

Und wir? Wir freuen uns jetzt einfach auf die EM. Die werden wir nämlich mit vielen netten Leuten gucken.

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