Sexismus: Fast jede Frau erlebt Sexismus im Alltag

Sexuelle Belästigung: Wo hört der Spaß auf?
Sexuelle Belästigung: Wo hört der Spaß auf? Frauen wehren sich im Internet 00:01:58
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Gute Mine zum alltäglichen Sexismus?

Die Geschichte um Rainer Brüderles verbale Entgleisung einer jungen 'Stern'-Journalistin hat eine Lawine von Diskussionen in der Republik ausgelöst: Wie alltäglich ist eigentlich Sexismus in Deutschland? Müssen Frauen heutzutage immer noch gute Mine zum blöden Spruch machen, damit sie nicht als humorlose und frigide Zicken bei Chef und Kollegen gelten? Befeuern manche Frauen gar selbst absichtlich die Fantasie der Männer, weil sie meinen, das gelte als besonders emanzipiert?

Sexismus: Fast jede Frau erlebt Sexismus im Alltag
Sexismus: Fast jede Frau erlebt Sexismus im Alltag © Patrizia Tilly - Fotolia

Von Merle Wuttke

"Ein Gentleman genießt und schweigt."; "Appetit kann man sich holen, gegessen wird zu Hause."; "Die muss doch nur mal wieder richtig ran genommen werden.", "Bei der hat sich die Aufrüstung in Polen aber gelohnt." – Typische Sprüche, von vermeintlich harmlos über unverschämt bis beleidigend – und leider alltäglich.

Wer sich einmal mit Freundinnen und Kolleginnen über die aktuelle Sexismus-Debatte austauscht, könnte schon nach einer halben Stunde eine Best-of-Liste mit den dümmsten und sexistischsten Erlebnissen erstellen, die Frauen in Alltag und Job täglich erfahren. Und gerade erst haben im Netz Tausende von Frauen bei "# aufschrei" ihre Erfahrungen mit Alltagssexismus beschrieben. Übertreiben die alle? Sind wir Frauen zu empfindlich? Oder haben wir als angeblich emanzipierte Gesellschaft vielleicht wirklich ein Problem?

Sexismus ist ein weites Feld

Fangen wir doch einmal ganz banal an. Was ist denn das überhaupt, Sexismus? Sexismus heißt, einen anderen Menschen aufgrund seines Geschlechts zu diskriminieren, und dabei richtet sich diese Diskriminierung insbesondere gegen Frauen. Zwar haben wir in Deutschland Antidiskriminierungsstellen und Gleichstellungsbeauftragte – aber dazwischen liegt ein weites, weites Feld, das viel Raum für Interpretationen lässt. Was manch einer für ein Kompliment hält, finden andere schon frech (siehe Brüderle). Und weil oft immer wieder dieselben abgehalfterten Positionen verlautbart werden ("Frauen gehören an den Herd"; "Männer können rechnen, Frauen kochen"), hört man als Frau oft gar nicht mehr hin, weil es sich einfach nicht lohnt, deswegen zu kämpfen.

Im Job hat Sexismus dagegen ganz oft mit Macht zu tun. Der Chef, der nicht damit umgehen kann, dass man auch als Kollegin kompetent sein kann – und damit eine potenzielle Gefahr für dessen Karriere darstellt. Ein Kollege, der nicht kapieren will, dass die neue junge Kollegin genauso viel von seinem Job versteht wie er und keinen männlichen Rat benötigt. Der Professor an der Uni, der seine besten Zeiten hinter sich hat und längst nicht mehr von seinen Studentinnen bewundert wird. Außerdem sitzen wir gerade einem Trugschluss auf: Nur weil wir eine Kanzlerin haben, immer mehr Frauen in Führungspositionen drängen, öffentlich hohe Ämter bekleiden, bessere Abschlüsse machen, heißt das nicht, dass diese Selbstverständlichkeit auch in den Männer-Köpfen angekommen ist.

Im Gegenteil. Bloß wollen die wenigsten Frauen ihre neu gewonnenen Möglichkeiten der Macht damit verspielen, indem sie sich über ein sexistisches Umfeld beschweren, dann gelten sie schließlich sofort als schwierige Alt-Emanze – und so jemanden will doch niemand um sich haben, also adieu Karriere.

Wenn dann noch Frauen wie Schauspielerin und Dschungelcamp-Teilnehmerin Claudelle Deckert über ihre sexuellen Vorlieben munter im Fernsehen plaudern und sich damit gezielt als Objekt selbst deklarieren, konterkariert das leider sämtliche Erfahrungen, die andere Frauen jeden Tag mit diversen Anfeindungen machen. Auch das ist sexistisch. Sollte man als prominente Frau vielleicht auch mal drüber nachdenken.

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